Die Rache der Komorowski-Killer

Polens Präsident Bronislaw Komorowski befindet sich ein Jahr nach seinem Amtsantritt in einem Stellvertreterkrieg mit einem Blogger.

Die Uhr tickt unerbittlich. Gestern Abend stand sie bei 4 Jahren, 0 Monaten, 3 Tagen, 5 Stunden und ein paar verrinnenden Minuten und Sekunden. Dann endet die Amtszeit des polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski. Diesen Augenblick sehnt der 25-jährige Blogger Robert Frycz derart herbei, dass er eine eigene Internetseite entworfen hat. Auf AntyKomor.pl lässt der Anglistik-Student seinem Ärger über das Staatsoberhaupt ungehemmten Lauf. Die Amtszeit-Uhr ist nur ein Apercu. In dem Spiel Komor-Killer dagegen ließ Frycz seine Nutzer auf den Präsidenten „ballern“. Das wiederum war dem fünffachen Familienvater Komorowski, der am Sonnabend sein erstes Amtsjahr beendet, zu viel der schlechten Scherze. Frycz bekam in seiner Wohnung bei Lodz Besuch von Sondereinheiten der Polizei, die sein Computermaterial beschlagnahmten.

Mittlerweile ist der „Krieg“ zwischen der Staatsmacht und dem Blogger vor Gericht angelangt. Hat Frycz zu einem Attentat auf Komorowski aufgerufen? Wo beginnt die Herabwürdigung eines Verfassungsorgans, die in Polen mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden kann? Und wie weit reicht die Freiheit des Wortes? Über all diese Themen diskutiert Polen derzeit – und die Debatte hat durch das Breivik-Massaker in Norwegen zusätzliche Nahrung bekommen. Denn der Liberale Komorowski sieht in dem AntyKomor-Blog des vermeintlichen „Einzeltäters“ Frycz den organisierten Versuch seiner Gegner von rechts, die politische Stimmung zu radikalisieren.

Zum bevorstehenden Amtsjubiläum sagte Komorowski: „Ich habe mich bemüht, die Emotionen im Land zu beruhigen. Ich habe niemanden zu eliminieren versucht, sondern zur Zusammenarbeit eingeladen.“ Das Wort „eliminieren“ zielte auf den Sprachgebrauch seines national-konservativen Kontrahenten Jaroslaw Kaczynski ab, den Komorowksi vor Jahresfrist in einem Wahlkrimi besiegt hatte. Kaczynski hat dies bis heute nicht verwunden. Da kann es kaum ein Zufall sein, dass Kacznyskis enger Vertrauter, der ehemalige Justizminister und rechte Scharfmacher Zbigniew Ziobro, die Verteidigung für den Blogger Robert Frycz organisiert hat. Frycz selbst sagt, er habe sich über die Angriffe linker Blogger auf Komorowskis Vorgänger Lech Kaczynski so geärgert, dass er nun mit gleicher Münze zurückzahle.

Indes hat Komorowskis Amtsführung im vergangenen Jahr kaum Anlass geboten, um den Präsidenten derart scharf ins Visier zu nehmen. Das Staatsoberhaupt hat in Polen ohnehin vornehmlich repräsentative Aufgaben sowie gewisse Mitspracherechte in der Außenpolitik. In diesem Bereich hat der 59-Jährige sein Land auf einen klaren proeuropäischen Kurs gesteuert. Die Aussöhnung mit Deutschland und Russland hat der einstige Freiheitskämpfer der Solidarnosc-Zeit mit aller Kraft vorangetrieben. „Uns verbindet eine Schicksalsgemeinschaft“, sagte er bei seiner viel beachteten „Berliner Rede“ zum 20. Jahrestag des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags.

Seinen Gegnern passt die Richtung nicht. Die polnische Rechte, deren unbestrittener Anführer weiterhin Jaroslaw Kaczynski ist, kann zwar nur noch auf die Unterstützung von maximal einem Drittel der Bevölkerung zählen. Aber in deren Mitte gibt es einen radikalen Kern. Davon zeugen Morddrohungen gegen Komorowskis Parteifreunde, Premierminister Donald Tusk und Außenminister Radek Sikorski, die in der vergangenen Woche im Internet auftauchten. Frycz seinerseits hat die AntyKomor-Seite wieder in Betrieb genommen und mit der Warnung versehen: „Dieser Blog enthält satirische Inhalte.“ Das Komor-Killerspiel gibt es auch wieder – in der verballhornten Version „Die Rache der Kohlköpfe“.

Erschienen im Züricher „Tages-Anzeiger

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