Essen wie die Erniedrigten und Beleidigten

In Polens Boom-Wirtschaft fallen sozial Schwache durch das Raster des Aufschwungs. Eine Spurensuche in Warschaus berühmt-berüchtigten Milchbars…

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Fremdkörper: Die Milchbar Familijny auf der Warschauer Flaniermeile Nowy Swiat. (Fotos: Krökel)

Auf dem Warschauer Platz der Verfassung stapelt sich die  Juli-Hitze in Schichten. Am Boden picken einige Tauben im Staub und suchen verzweifelt nach ein paar Brotkrumen. Weiter oben wabern die Abgase der vielen neuen Mittelklassewagen über den Asphalt. Hoch über den Köpfen der Passanten schließlich flirrt die Luft vor den gigantischen Werbeplakaten der polnischen Boom-Wirtschaft. Unter all dies mischt sich Küchendunst. Er dringt aus der nahen Milchbar „Goldenes Huhn“. Das Lokal lockt mit der Losung, „das billigste Essen in der Stadt“ anzubieten.

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Blick in den Speisesaal der Milchbar "Goldenes Huhn" am Warschauer Verfassungsplatz.

Im Innern reiht sich ein Dutzend nackter Tische aneinander. Knochenharte Holzstühle  gruppieren sich darum. Kurz vor 12 Uhr mittags ist es noch leer im „Goldenen Huhn“. In der Ecke hat sich ein alter Mann mit Hornbrille niedergelassen. Er ist so kurzsichtig, dass er sich bis auf 20 Zentimeter über seine Bohnensuppe beugt. Der zahnlose Mund nimmt die Brühe schlecht auf. Sie rinnt ihm über das Kinn. Er bemerkt es nicht.

Die Frage, was es denn mit diesen polnischen Milchbars auf sich habe, erschreckt den Alten. Er starrt eine Weile ins Leere. „Ich kriege hier mein Essen“, knurrt er schließlich, greift den Kunststoffnapf und trägt ihn wortlos zur Tellerwäscherin. Von der massigen Frau hinter der Durchreiche ist nur die verschmierte Schürze zu erkennen. Wer sich im „Goldenen Huhn“ mit Nahrung versorgen will, muss sich ständig krümmen. Das winzige Schalterfenster der Kassiererin am Eingang befindet sich ebenso kaum über Bauchnabelhöhe wie die Essensausgabe und die Geschirrannahme.

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Durchreichen befinden sich in Warschaus Milchbars in der Regel auf Bauchnabelhöhe.

Wer sich bückt, kann einen Blick in den Maschinenraum der Milchbar erhaschen. Vier Frauen mit knallblauen Kitteln und Haarnetzen drängen sich zwischen Arbeitsplatten und Herd. Über den Gasflammen blubbert es in mächtigen Aluminiumtöpfen. In den Ecken stapeln sich Eier, Zwiebeln und Kartoffeln. Im „Goldenen Huhn“ gibt es vor allem traditionelles polnisches Essen – Bigos zum Beispiel, ein Gemisch aus Kraut, Pilzen, Pflaumen und verschiedenen Fleischsorten.

Die irreführende Bezeichnung Milchbar (bar mleczny) stammt noch aus der Frühzeit der Gaststätten. Zwischen den Weltkriegen boten diese privaten Suppenküchen ausschließlich vegetarische Kost an, vor allem Milchspeisen. Später hielt auch Fleisch Einzug. In der sozialistischen Volksrepublik erlebten die verstaatlichten Billigbars einen Boom. Zehntausende Lokale dieser Art entstanden. Heute locken die verbliebenen rund 150 Milchbars im Land vor allem mit günstigen Preisen. Der Staat subventioniert die Betriebe. Es ist eine Art verdeckter Sozialhilfe.

Im „Goldenen Huhn“ kostet ein Hauptgericht umgerechnet kaum mehr als einen Euro. Es wird wohl tatsächlich das billigste Essen der Stadt sein. Und es findet seine Abnehmer. Um Punkt 12 Uhr füllt sich das Lokal. Menschen drängen herein, die einem der düsteren Romane von Fjodor Dostojewski entsprungen sein könnten. Der Russe hat diese Randfiguren in seinen Büchern als die „Erniedrigten und Beleidigten“ der städtischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts beschrieben. Im Warschau der Moderne tragen sie noch immer zerschlissene Hemden und ungepflegte Bärte. Einer fingert an seiner von Eiter durchtränkten Augenbinde herum. Eine alte Frau zerrt eine Plastikbox aus ihrer Handtasche und lässt Essensreste darin verschwinden.

Draußen brodelt das Leben. Wenige hundert Meter vom Platz der Verfassung entfernt beginnt die Mokotowska-Straße, in der sich elegante Boutiquen und feine Restaurants aneinanderreihen. Nur ein Kilometer ist es bis in die City mit ihren gläsernen Geschäfts- und Hoteltürmen. In 150 Meter Höhe gibt es dort Panorama-Cafés, Vip-Lounges und Wellness-Center mit Swimmingpool. Der Rundblick aus dem Ledersessel oder direkt aus dem Wasser reicht weit über die Häuserschluchten der Stadt hinaus. Eine Tasse Kaffee kostet dort oben vier bis fünf Mal so viel wie eine komplette Hauptmahlzeit in der Milchbar.

In der Shopping-Mall „Goldene Terrassen“ flanieren unter einem gewellten Glasdach all jene, die es sich leisten können. Und das sind in Polen immer mehr Menschen. Spätestens seit dem EU-Beitritt 2004 geht es an der Weichsel rapide bergauf. Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich verdoppelt, die Arbeitslosigkeit ist von mehr als 20 auf nur noch gut zehn Prozent gesunken. In Warschau herrscht nahezu Vollbeschäftigung. Dem Großteil der Bevölkerung geht es so gut wie nie zuvor. Zugleich aber wächst die Armut der Armen. Und so klaffen zwischen den „Goldene Terrassen“ und dem „Goldenen Huhn“ trotz des Wirtschaftswunders Welten. Noch krasser ist der Zusammenprall der Zivilisationen auf Warschaus nobelster Flaniermeile „Nowy Swiat“ (Neue Welt). Dort sind die edle Traditions-Konditorei „Blikle“ und die „Bar Familijny“ sogar Nachbarn.

In den Milchbars finden sich mittags die Verlierer der kapitalistischen Transformation zusammen. Ihre Sorgen und Nöte gehen im Trubel des Aufschwungs unter. So wie die Geschichte von Frau S. Ihren Namen will die 73-Jährige nicht in einer Zeitung lesen. Zu groß ist die Scham der alten Dame, die regelmäßig in der Milchbar „Rusalka“ zu Mittag isst. „Meerjungfrau“ heißt das Lokal auf Deutsch, das zu den ältesten der noch gut 20 Milchbars in Warschau zählt. Holzgetäfelte Wände verströmen etwas Anheimelndes. Zu mehr als Plastikbesteck reicht es aber auch hier nicht. „Alles andere wird geklaut“, sagt Frau S.

Die „Meerjungfrau“ liegt im Arbeiterstadtteil Praga. Frau S. ist in dem Viertel geboren. Jahrzehntelang hat sie in einer Klinik am Empfang gearbeitet. „Ich hatte Dienst, als mein Mann mit einem Infarkt eingeliefert wurde und starb“, erzählt sie und schiebt den Teller beiseite. „Probieren Sie die Piroggen“, rät sie. „Die Köchinnen wechseln sich ab. Heute ist die gute da.“ Man kann auch Pech haben. Im „Goldenen Huhn“ ließen sich die Teigtaschen mit Kartoffel-Käse-Füllung nur schwer herunterwürgen.

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"Wir Alten haben noch nie viel gehabt": Rentnerehepaar in der Milchbar Familijny.

Ihre Rente sei klein, sagt Frau S. „Bis vor kurzem hat mich mein Sohn unterstützt, aber dann ist er bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Nun sei sie allein, erzählt die alte Dame, und deshalb gehe sie in die Milchbar. „Für eine Person zu kochen – das lohnt nicht.“ Die relative Altersarmut hat sich in Polen innerhalb von zwei Jahren fast verdoppelt. Das ist zwar in erster Linie ein statistischer Wert, der sich aus dem stärkeren Anstieg der Durchschnittseinkommen im Vergleich zu den Renten erklärt. Aber „wir Alten haben noch nie viel gehabt“, sagt Frau S. zum Abschied.

Es gelingt nicht, der Köchin das fremde Lob an ihrer Piroggen-Kunst zu überbringen. Die „Kierowniczka“, die Leiterin der Belegschaft, untersagt jedes Gespräch. „Verschwinden Sie!“, faucht die hagere Mittfünfzigerin. „Wir sind eine Gaststätte, keine Auskunftei“, erklärt sie in einem Ton, der keine weiteren Fragen zulässt. Reiseführer preisen die Warschauer Milchbars als touristische Attraktion an. Die Offenheit für Besucher hat darunter gelitten. Auch im „Goldenen Huhn“ scheitert der Versuch, mit dem Personal ins Gespräch zu kommen. Auch dort hat die „Kierowniczka“ einen Maulkorb verhängt. Nur die junge Frau im schützenden Kassen-Kabuff hält sich nicht daran. Sie beugt sich zum Schalterfensterchen vor und flüstert: „Wir verdienen selbst nur einen Hungerlohn.“

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