Kein Widerstand – nirgends

„Irgendwo muss unsere Energie herkommen“, sagen die Menschen am Zarnowiec-See bei Danzig. Dort könnte Polens erstes Atomkraftwerk entstehen – eine Standort-Besichtigung.

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Reaktor-Ruine: Schon einmal wollte Polen am Zarnowiec-See ein Atomkraftwerk bauen. Doch nach dem GAU in Tschernobyl stoppten Proteste den Bau, dessen Überreste noch heute am Südufer des Sees zu besichtigen sind.

Vom Wasser weht ein milder Sommerwind herüber. Er trägt den Duft von wilden Rosen und Kiefernharz mit sich. Aber eben auch den metallischen Klang der Hammerschläge, die aus einer der Fertigungshalle am Ufer dringen. Im Hintergrund durchbricht ein Wald aus Strommasten das Panorama der sanften Hügellandschaft. Aus einem Hang ragen meterdicke Röhren, die weiter unten, am Rande der Durchgangsstraße, wieder in der Erde verschwinden. Am Südzipfel des Zarnowiec-Sees, 70 Kilometer nordwestlich von Danzig, ist die Natur vor allem Bühne für menschliches Tun.

Die Reaktor-Ruine passt sich formgerecht in das Ensemble ein. Und doch weckt sie mit ihren verwitterten Betonquadern und verrosteten Stahlstreben besondere Neugier. Ein altersschwacher Stacheldrahtzaun hemmt den Wissensdrang. Seelenruhig schlendert ein Wachmann der benachbarten Kabel-Fabrik herbei. „Sie dürfen nicht näher heran, das ist Sperrgebiet“, erklärt er und weist auf ein Schild mit der Aufschrift „Baugelände – Zutritt verboten“. Doch dann lacht er auf und fügt kopfschüttelnd hinzu: „Naja, gebaut wird hier schon seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr.“

In den 80er Jahren wollte die Volksrepublik Polen am Zarnowiec-See mit sowjetischer Hilfe ihr erstes Atomkraftwerk errichten. Doch daraus wurde nichts. Erst löste der GAU in Tschernobyl eine Protestwelle aus. Und schließlich versetzte der wirtschaftliche Kollaps nach dem Ende des Kalten Krieges den AKW-Plänen den Todesstoß. Seither rottet die Ruine am See vor sich hin, während in direkter Nachbarschaft ein Industriegebiet blüht und gedeiht. „Die Regierung hat hier eine Sonderwirtschaftszone eingerichtet“, erklärt der Wachmann. „Und vielleicht bekommen wir ja nun sogar doch noch unseren Reaktor.“

Fest steht: Während Deutschland nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima aus der Kernkraft aussteigt, will Polen einsteigen. Das Wirtschaftswunderland boomt und verschlingt immer mehr Energie. Nun hat die Regierung den Bau eines Atomkraftwerks bis 2020 beschlossen – um das Land aus der Abhängigkeit von russischem Gas und dem heimischen Klimakiller Kohle zu befreien, wie es heißt. Ende Juni soll das Projekt ausgeschrieben werden.

Ganz oben auf der Liste möglicher Standorte rangiert der Zarnowiec-See. Eine Vorprüfung ergab: Die Anbindung an das Stromnetz ist dort gut, die Erdbebengefahr gering und die Unterstützung durch die Bevölkerung groß. Bei Umfragen in der Region sprachen sich drei Viertel der Menschen für den AKW-Bau aus. Doch was ist so attraktiv an einem Kernkraftwerk? Und was hat sich geändert seit den Protesten der 80er Jahre? „Damals war der Reaktor ein Symbol des Kommunismus. Jetzt geht es um Arbeitsplätze für die Region“, sagt der Wachmann und rät zu einer Fahrt am Wasser entlang bis in den Ort Zarnowiec am Nordrand des Sees. „Fragen Sie die Leute selbst.“

Die Straße erreicht schnell einen Wald, der die wenig einladenden Industrieanlagen des Südens verbirgt. Unvermittelt tut sich eine Idylle auf. Hölzerne Ferienhäuschen, malerische Schilfgürtel und schmale Sandstrände säumen das Ufer. Vor den vereinzelten Bootsanlegern ziehen Schwäne ihre Bahnen. An einer Lichtung sitzt ein alter Mann im Rollstuhl und lässt sich die Juni-Sonne ins Gesicht scheinen. Er beobachtet einige Maurer, die letzte Hand an einen modernen Backstein-Bau legen. Ein frisch gezimmerter Holzsteg führt hinunter zum See. Die Kommune errichtet dort mit EU-Fördermitteln eine kleine Marina.

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Sommerhaus am See: Die Gegend um Zarnowiec ist ein Fereinparadies. (Fotos: Krökel)

Ja, sagt der Alte, von dem Atomkraftwerk habe er natürlich gehört. „Aber ob es gebaut wird, das weiß Gott allein. Sie haben es doch schon einmal versucht, und außer Unkraut und ein paar Betonplatten ist nichts geblieben.“ Er zeigt auf die Arbeiter und fügt hinzu: „Sehen Sie, dort wird wirklich gebaut.“ Der Tourismus ist das wichtigste wirtschaftliche Standbein in der strukturschwachen Region im äußersten Norden des Landes. Viele gut betuchte Städter aus Danzig und Warschau haben hier ihre Feriendomizile. Und es werden immer mehr. Die gehobene Mittelschicht in Polen wächst. Am gegenüberliegenden Ufer schimmern die leuchtend roten Ziegel neuer Sommerhäuser durch die Baumreihen.

Werden die Touristen bleiben, wenn sich das AKW-Kühlsystem eines Tages aus dem Seewasser speist? „Warten wir es ab“, sagt der alte Mann, der sich mehr um seine kaputte Hüfte sorgt als um Radioaktivität. „Wenn wir unsere Sozialsysteme finanzieren wollen, brauchen wir mehr Wirtschaftskraft“, erklärt er. „Und irgendwoher muss die Energie ja kommen.“ Wie er bei einem Kernkraft-Referendum stimmen würde, will er nicht verraten. Die oppositionellen Sozialisten in Warschau haben kürzlich eine solche Volksbefragung ins Spiel gebracht.

Tatsächlich sprechen sich in Polen mittlerweile 53 Prozent der Menschen gegen die Atomkraft aus. Vor der Katastrophe in Fukushima waren es nur 40 Prozent. Das sind vergleichbare Zahlen wie im ausstiegswilligen Deutschland. Den polnischen Premierminister Donald Tusk ficht das jedoch nicht an. Einem Referendum will er nur zustimmen, „wenn es in unserem Land ernsthaften Widerstand gegen die Atomenergie gibt. Derzeit sehe ich dafür keinerlei Anzeichen, weder im Himmel, noch auf Erden.“

Und auch nicht im Naturparadies am Nordufer des Zarnowiec-Sees. Eine verwunschene Allee führt in das Dorf, das dem Gewässer seinen Namen gegeben hat. Über den kleinen Platz am Ortseingang hallen Glockengeläut und Kindergeschrei. Die ganze Pracht der 750-Seelen-Gemeinde findet sich hier zusammen. Linkerhand erheben sich die mittelalterliche Kirche und das angegliederte Kloster, in dem bis heute Nonnen des Benediktinerordens leben. Rechts ducken sich die Schule und der Kaufmannsladen in den Schatten der Gotteshäuser. Wo sollten Stimmen gegen den AKW-Bau laut werden, wenn nicht hier?

Alexandra Obszynska winkt schnell ab. „Wir reden mit den Kindern nicht über Radioaktivität“, sagt die junge Schulleiterin mit der Sonnenbrille im schwarzen Haar. „Unsere Ältesten sind erst zwölf Jahre alt. Die Initiative müsste von den Eltern ausgehen, finden Sie nicht?“, fragt Sie rhetorisch und ergänzt: „Das Atomkraftwerk ist im Ort kein Thema.“ Von Ex-Bürgermeister Stanislaw Potrykus ist der Ausspruch überliefert: „Natürlich wird es Proteste geben. Aber das sind nicht unsere Leute. Das sind die Besitzer der Ferienhäuser am See – irgendwelche Künstler aus Warschau.“

Schulleiterin Obszynska empfängt Besucher in einem winzigen provisorischen Büro unter dem Dach. Durch das gekippte Fenster dringt Baulärm herein. „Wir ziehen bald in ein neues Gebäude um und bekommen eine eigene Turnhalle“, sagt die junge Frau und wirft hektisch ihr iPhone von einer Hand in die andere. Sie will raus zu den Handwerkern. Also Aufbruch. Auf dem Flur stehen dutzende Computer. Die Gemeinde hat für ihre Schule Zuschüsse der EU eingeworben. Zarnowiec modernisiert sich. Polen modernisiert sich. Und irgendwoher muss die Energie in einem Wirtschaftswunderland doch kommen.

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