Kaufen statt kämpfen

Vor 20 Jahren unterzeichneten Bundeskanzler Kohl und der polnische Premier Bielecki den Freundschafts- und Nachbarschaftsvertrag. Was ist daraus erwachsen? Eine Spurensuche an der Oder…

Die Straße verengt sich. Ein Schlenker nach rechts, eine Kurve nach links, und schon rumpelt der Wagen über das stahlbewehrte Brücken-Ungetüm. Stille und Abgeschiedenheit lassen nichts Gutes erahnen. Es wäre der geeignete Ort für einen Heckenschützen.

Wer aus dem brandenburgischen Küstrin-Kietz kommend über die Oderbrücke ins polnische Kostrzyn fährt, kann mit ein bisschen Fantasie vor seinem geistigen Auge den Kalten Krieg wiederaufleben lassen. Damals war das Grenzgebiet zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen an dieser Stelle trotz sozialistischer Waffenbruderschaft eine bewachte Sperrzone. Nur einmal herrschte freie Fahrt: 1968 rasselten die Panzer der Roten Armee über den Fluss in Richtung CSSR, um dort den Prager Frühling im Keim zu ersticken.

Seit 1992 ist die Brücke wieder für den Verkehr freigegeben. Ein Jahr zuvor hatten Bundeskanzler Helmut Kohl und der polnische Premier Jan Bielecki ihre Unterschrift unter den Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit gesetzt. Deutsche und Polen erklärten sich an jenem 17. Juni 1991 dazu „entschlossen, die leidvollen Kapitel der Vergangenheit abzuschließen“. Und vor allem schwor man sich, niemals wieder Waffen aufeinander zu richten. Der Kalte Krieg war vorbei.

Wer heute die Küstriner Oderbrücke überquert, landet auf der östlichen Flussseite schnell bei der ersten Tankstelle. Ein Stück weiter, am Platz der Europäischen Union, hat sich ein deutscher Discounter angesiedelt. Auch McDonalds ist vor Ort. Die einstige Sperrzone nennen sie hier mittlerweile augenzwinkernd „Kulturstreifen“. Es ist ein Paradies für Einkaufstouristen. Zigaretten etwa sind im polnischen Teil des Kulturstreifens nur gut halb so teuer wie in Brandenburg. Ein Liter Benzin kostet rund 30 Cent weniger.

Doch die Wege der Konsumenten sind längst keine Einbahnstraßen mehr. Zuletzt stürmten polnische Kunden auf der Suche nach preiswertem Zucker ostdeutsche Supermärkte. Die mussten den Süßstoff, der jenseits der Oder derzeit fast doppelt so teuer ist, am Ende sogar rationieren. Auch Elektronikwaren und Markenartikel internationaler Handelsketten sind in Deutschland wegen der um vier Prozent niedrigeren Mehrwertsteuer oft billiger als in Polen. Zucker und Zigaretten – ob es das war, was Kanzler Kohl und Premier Bielecki im Sinn hatten, als sie vor 20 Jahren festschrieben, „an die guten Traditionen der jahrhundertelangen gemeinsamen Geschichte anzuknüpfen“?

Kaufen statt kämpfen lautet die Devise auch im uckermärkischen Rosow, 100 Kilometer nördlich von Küstrin/Kostrzyn. Das idyllische 150-Seelen-Dorf ist nur einen Steinwurf von der polnischen Grenze und nur 20 Autominuten von Stettin entfernt. Der Oder-Neiße-Radweg führt hier vorüber, auf dem Bundespräsident Christian Wulff am kommenden Sonnabend mit seinem polnischen Amtskollegen Bronislaw Komorowski zur Feier des Freundschaftsvertrages eine Radtour unternehmen will. Dort, in der Abgeschiedenheit des  „Dreiländerecks“ zwischen Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Polen, hat sich der Stettiner Immobilienmakler Radoslaw Popiela mit seiner jungen Familie niedergelassen.

 

Urheberrechtlich geschützt

Radoslaw Popiela (Fotos: Krökel)

„Es stimmt, der Blick in den Geldbeutel steht oft am Anfang“, sagt Popiela. „Aber damit muss es nicht enden.“ Der 33-Jährige kauft sanierungsbedürftige Häuser in der deutschen Uckermark und vermittelt sie an polnische Kunden – ein Erfolgsmodell. Das Geheimnis dahinter ist denkbar einfach: „Der Preis zählt. Eine Zwei-Zimmer-Standardwohnung in Stettin kostet knapp 100.000 Euro. Dafür ist auf der deutschen Seite problemlos ein Haus mit großem Grundstück zu haben.“ Und leer stehende Altbauten gibt es in der Uckermark vorläufig genug. „Für die Deutschen ist diese Gegend das Ende der Welt, die ziehen nicht hierher“, erklärt Popiela. „Für uns Polen ist es das gelobte Land.“

Das gilt auch für den jungen Familienvater persönlich. Ehefrau Dominika hat in Rosow eine Zierpflanzenzucht aufgebaut und verkauft die Blumen in der Region. Die Söhne, drei und fünf Jahre alt, besuchen einen deutschen Kindergarten. „Wir sind hier heimisch geworden“, sagt Popiela. So wie rund 1500 weitere polnische Familien, die sich seit dem EU-Beitritt ihres Landes im Jahr 2004 in dem Grenzgebiet zwischen Schwedt im Süden und Uckermünde im Norden niedergelassen haben. Es ist der Einzugsbereich der Metropole Stettin.

Hier, im hintersten Winkel Vorpommerns, liegt auch das berühmte Städtchen Löcknitz. Der Ort findet mittlerweile fast in jeder Sonntagsrede zum deutsch-polnischen Verhältnis Erwähnung. Grund dafür ist ein Gymnasium, dessen Leiter Gerhard Scherer längst Routine im Gespräch selbst mit hochrangigen Politikern entwickelt hat. „Schon 1998 war Bundespräsident Roman Herzog zu Besuch“, berichtet Scherer.

Damals hatten Löcknitzer Lehrer gemeinsam mit ihren Kollegen am Lyceum im 30 Kilometer entfernten polnischen Police eine Europaschule gegründet. Sie nahmen die Präambel des Abkommens von 1991 beim Wort. „Wir sind überzeugt, dass der jungen Generation bei der Vertrauensbildung zwischen unseren Völkern eine besondere Rolle zukommt“, heißt es dort. In Löcknitz lernen inzwischen rund 250 deutsche Gymnasiasten gemeinsam mit 100 polnischen Schülern. Unterrichtssprache ist Deutsch. Aber mehr als die Hälfte auch der deutschen Abiturienten entscheidet sich gegen Französisch und für Polnisch als zweite Fremdsprache.

 

Urheberrechtlich geschützt

Gerhard Scherer

Schulleiter Scherer würde den Begriff „Nachbarsprache“ vorziehen. Der Mittfünfziger ist Idealist und Pragmatiker zugleich. Er schwärmt vom grenzüberschreitenden Kulturaustausch, sagt aber auch: „Mir ist schon klar, dass unsere Schüler nicht allein aus inbrünstiger Hingabe Polnisch lernen. Sie wollen vor allem ihre beruflichen Perspektiven verbessern.“ Es ist die 400.000-Einwohner-Stadt Stettin, die hier den Takt vorgibt – und dort spricht man Polnisch.

Also hat auch die deutsche Abiturientin Sara in Löcknitz die „Nachbarsprache“ gelernt. „Das ist in dieser Gegend völlig logisch“, sagt die junge Frau. Sie ist zwei Jahre nach der Unterzeichnung des Freundschaftsvertrages geboren. Zu ihren polnischen Mitschülern hat Sara „ein ganz normales Verhältnis“, wie sie sagt. „Klar gehen wir auch zusammen in Stettin in die Disco.“ Beim Stichwort Kalter Krieg hebt Sara nur zweifelnd eine Augenbraue. Hat sie sich verhört? Der Begriff kommt nicht einmal in ihrer Fantasiewelt vor.

Erschienen in „Frankfurter Rundschau” (15. Juni 2011)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.