Endzeitstimmung statt Sommermärchen

Ein Jahr vor der Fußball-Europameisterschaft 2012 erwarten die meisten Polen eine Blamage für das Gastgeberland.

Bunte Wasserbälle segeln gemächlich von einer Hand zur anderen. Sogar eine aufblasbare Gummipalme findet schwebend ihren Weg durch die Zuschauerreihen. Schläfrigkeit liegt über dem Warschauer Legia-Stadion. Auf dem Rasen fertigen die Hauptstädter den Absteiger Polonia Bytom zum Saisonabschluss mit 4:0 ab. Doch die gefürchteten Hooligans auf der Nordtribüne geben kaum einen Laut von sich. Sie schwelgen in einer Sommerparty. Sieht so Polens neue heile Fußball-Welt aus?

Eher ist es die Ruhe nach dem Sturm. Und es könnte eine trügerische Ruhe sein. Denn seit Monaten hält ein „Hooligan-Krieg“ das EM-Gastgeberland in Atem. Es gab Tote und Verletzte. Anfang Mai zerlegten Randalierer beim Pokalfinale in Bydgoszcz (Bromberg) ein ganzes Stadion in seine Einzelteile und lieferten sich eine Schlacht mit der Polizei. Premierminister Donald Tusk drohte sogar mit einer Absage der Europameisterschaft. „Auf den Rängen treiben Mörder, Drogendealer und Kleinkriminelle ihr Unwesen“, erklärte er und ließ mehrere Stadien für die Zuschauer sperren. Nun revanchieren sich die Fans für die Geisterspiele auf ihre Weise: Sie inszenieren eine Strandparty, statt für Stimmung zu sorgen.

Doch nicht nur wegen der Hooligan-Gewalt herrscht in Polen ein Jahr vor Beginn der Europameisterschaft 2012 eine Art fußballerische Endzeiterwartung. Zwei Drittel der Bürger sind davon überzeugt, dass sich ihr Land im kommenden Sommer international blamieren werde. Sie hadern mit dem jämmerlichen Zustand der eigenen Nationalmannschaft, vor allem aber mit den teils dramatischen Verzögerungen beim Bau von Stadien, Straßen und Bahnhöfen. Ähnliche Nachrichten machen beim Co-Ausrichter Ukraine die Runde.

Mikolaj Piotrowski ist Berufsoptimist und zählt vermutlich schon deshalb zu jenen mageren drei Prozent aller Polen, die mit Blick auf die Euro „keinen Grund zur Sorge“ sehen. Der 37-Jährige ist PR-Direktor des Organisationskomitees PL.2012 und erklärt: „Die Menschen antworten bei solchen Umfragen aus dem Blickwinkel der aktuellen Situation.“ Dass es Probleme mit der Infrastruktur gibt, will Piotrowski durchaus nicht verhehlen. Aber Autobahnen und Arenen würden rechtzeitig fertig, versichert er. Und dem begeisterungsfähigen jungen Mann ist anzumerken, dass er selbst fest an einen Stimmungsumschwung glaubt.

Piotrowski macht die Dinge gern plastisch. Und so versucht er die Lage der Fußball-Nation mit einer Anekdote über den Baufortschritt am Warschauer EM-Stadion zu erklären. Dort soll am 8. Juni 2012 das Eröffnungsspiel der Euro stattfinden. „Vor einem Jahr fahre ich mit dem Taxi an der Baustelle vorbei“, erzählt Piotrowski. „Plötzlich fängt der Fahrer an zu fluchen. Schauen Sie sich das an, das wird nie etwas!“, habe der Mann im Brustton der Überzeugung gerufen. „Kürzlich steige ich wieder in ein Taxi und erkenne sofort: Es ist das Lästermaul von damals. Wieder geht die Fahrt am Stadion vorbei. Was glauben Sie, was der Mann sagt?“, fragt Piotrowski und verrät nach einer Kunstpause: „Sehen Sie sich das an, was für ein tolles Stadion!“ So seien die Polen nun einmal, sagt der PR-Mann: „Sie nörgeln bis kurz vor Schluss, aber am Ende sind sie Feuer und Flamme.“

Von Piotrowskis Büro in einem Glaspalast am Warschauer Weichselufer ist es nicht weit bis zum EM-Stadion auf der anderen Flussseite. Aus der Ferne betrachtet macht die neue Arena mit ihrer luftigen Dachkonstruktion tatsächlich einen prächtigen Eindruck. Die Außenhaut schimmert in den Nationalfarben Weiß und Rot. Doch wer den Bau aus der Nähe besichtigen will, muss sich durch ein weites Brachland vorkämpfen. Das Stadion entsteht im alten Industrie- und Arbeiterstadtteil Praga – an einer Stelle, an der noch vor zweieinhalb Jahren ein gigantischer „Polen-Markt“ Händler und Schnäppchenjäger aus halb Europa anlockte.

Auf dem vorgelagerten Busbahnhof treiben sich noch immer zwielichtige Gestalten herum. Im Asphalt klaffen metergroße Schlaglochkrater. Die Szenerie gleicht eher der Kulisse eines Horrorfilms als dem Schauplatz eines Fußball-Festes. Von dem geplanten Sport- und Freizeitpark mit Stadion, Schwimmhalle und einer 15.000 Zuschauer fassenden Indoor-Arena ist bislang kaum etwas zu erkennen. Eine terrassenförmige Promenade soll einmal zur Weichsel hinunterführen. Doch die weiträumige Treppenkonstruktion könnte zum nächsten Stolperstein für die EM-Gastgeber werden. Im Notfall ist sie als Fluchtweg für Zuschauer gedacht. Ersten Belastungstests hielten die Stufen jedoch nicht stand. Das für den 6. September angekündigte Einweihungsspiel gegen Deutschland steht auf der Kippe.

Eine Verlegung wäre allerdings kein Novum mehr in der an Hiobsbotschaften reichen Vorbereitungsphase auf die Euro 2012. Erst kürzlich musste die Eröffnung der Danziger EM-Arena abgesagt werden, weil die Sicherheit nicht zu garantieren war. Nun kickt Polen am 9. Juni im Warschauer Legia-Stadion gegen den zweifachen Weltmeister Frankreich. Steht dort also die nächste müde Strandparty ins Haus? „Zu so einem öden Picknick kommen wir erst gar nicht“, höhnt der 22-jährige Robert. Er ist ein eingefleischter Legia-Anhänger und rekelt sich beim Saisonfinale gegen Bytom müde auf der Nordtribüne.

Picknick ist für die selbst ernannten „echten“ polnischen Fans ein gängiges Schimpfwort, das der Höchststrafe gleichkommt. Zu einem Picknick finden sich nur Schönwetter-Gäste ein, die sich zwar von oben bis unten in die Vereinsfarben hüllen und ihre Gesichter bunt anmalen. „Von Fußball verstehen die Picknicker aber nichts“, urteilt Robert und zielt damit auf jene Zuschauer ab, auf die Uefa-Direktor Martin Kallen seine Hoffnungen gründet. „Zur Euro werden keine Hooligans anreisen, sondern friedliche Fans und Familien“, sagt der Mann, der beim europäischen Verband für die EM-Organisation verantwortlich ist.

Die Vorfreude auf ein Sommermärchen wie bei der WM 2006 in Deutschland mit fröhlicher Fan-Stimmung will sich auch PR-Mann Piotrowski nicht verderben lassen. „Wir werden 2012 ausgiebig mit unseren Gästen feiern“, prophezeit er. Allerdings weiß er nur zu gut, dass am Ende alles mit der Leistung der eigenen Nationalmannschaft steht und fällt. „Wenn wir früh ausscheiden, haben wir ein Problem“, sagt Piotrowski. Dafür allerdings spricht derzeit einiges – trotz des 2:1 gegen eine B-Elf von Ex-Weltmeister Argentinien am Sonntag. Zuvor hatten die Weiß-Roten selbst bei Fußball-Zwerg Litauen mit 0:2 Schiffbruch erlitten.

67 Prozent aller Polen sind davon überzeugt, dass ihre Mannschaft im kommenden Jahr Schande über das Land bringen wird. Auch der ehemalige Nationaltorwart Jan Tomaszewski, der 1974 in Deutschland mit der wohl stärksten polnischen Elf aller Zeiten WM-Dritter war, sagt: „Für Spiele wie in Litauen verdienen das Team und der Trainer die Rote Karte.“

Coach Franciszek Smuda, dessen Stuhl seit Monaten kräftig wackelt, hält dagegen. Die deutsche Mannschaft habe 2006 noch wenige Monate vor der Weltmeisterschaft 1:4 gegen Italien verloren, beim Turnier aber begeisternden Fußball geboten und die Zuschauer mitgerissen. Und zu einem echten Märchen gehöre schließlich die finstere Ausgangslage. „Ich zähle auf die Unterstützung aller, die unseren Sport lieben“, sagt Smuda. Mit Legia-Fan Robert sollte er besser nicht rechnen. „Die sollen ihr polnisches Picknick ohne mich veranstalten“, sagt der.

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