Euro 2012: Gastgeber Polen steuert auf ein Fiasko zu

Die Hiobsbotschaften aus den Gastgeberländern der Fußball-EM häufen sich. Jetzt musste das Eröffnungsspiel der Danziger Arena verlegt werden. In den Medien ist bereits von einer nationalen Schande die Rede.

Offenbarungseid im EM-Gastgeberland Polen: Rund ein Jahr vor Beginn der Europameisterschaft 2012 hat der nationale Fußball-Verband PZPN die Notbremse gezogen und die feierliche Eröffnung der Danziger EM-Arena abgesagt. Der Stadionbau hatte sich zuletzt immer weiter verzögert. „Das Risiko war zu groß“, sagte ein enttäuschter PZPN-Chef Grzegorz Lato, der auf Drängen der Sicherheitsbehörden handelte. Polizeisprecherin Alexandra Siewiert erklärte: „Die Arena ist eine riesige Baustelle. Es gibt weder Notausgänge noch Zufahrtswege für die Feuerwehr.“ In polnischen Medien machte am Dienstag das Wort von einer „nationalen Schande“ die Runde.

Das für den 9. Juni als Danziger Einweihungsspiel geplante Match zwischen Polen und Frankreich soll nun in Warschau stattfinden – allerdings nicht im neuen Nationalstadion, das sich ebenfalls noch im Bau befindet. Was als Fußball-Fest gedacht war, mutiert vielmehr zu einem Routine-Kick ausgerechnet in der Arena des Hauptstadtclubs Legia. Das Stadion, das gerade einmal 30.000 Besuchern Platz bietet, war zuletzt wegen wiederholter Hooligan-Krawalle für Zuschauer gesperrt worden. „Wir können dort die Sicherheit nicht garantieren“, hatte der polnische Regierungschef Donald Tusk noch vor zwei Wochen erklärt. Für ein Länderspiel gab die Polizei nun Entwarnung.

Wie tief der polnische EM-Karren im Schlamassel steckt, verriet unfreiwillig der PR-Manager des Euro-Organisationskomitees, Michal Fialkowski. Er verwies auf die seit drei Jahren andauernden Bauarbeiten in Danzig, um schließlich das „Pech“ zu beklagen, das man am Ende mit dem langen Winter gehabt habe. „Wir sind auf der Zielgeraden knapp gescheitert“, betonte Fialkowski. Doch angesichts des Danziger Fiaskos stellt sich erst recht die Frage: Wird Polen das verbleibende Jahr bis zum Eröffnungsspiel am 8. Juni 2012 nutzen können, um wenigstens die EM-Mindeststandards zu garantieren? Oder scheitert das Land erneut auf der Zielgeraden?

Skepsis ist angebracht, wie ein Besuch des Warschauer Nationalstadions zeigt. Auch dort, wo am 6. September die DFB-Elf zur Einweihungsparty gastieren und in einem Jahr das EM-Eröffnungsspiel steigen soll, klaffen noch riesige Baulücken. Das gesamt Umfeld der Arena im alten Arbeiterstadtteil Praga gleicht eher einer Industriebrache als dem versprochenen Sport- und Freizeit-Park. Ähnlich stellt sich die Situation im Co-Gastgeberland Ukraine dar. Das EM-Finalstadion in Kiew, das im August eingeweiht werden soll, befindet sich noch im Rohbau.

Dabei dürften die Spielstätten im Verhältnis zur gesamten EM-Organisation noch das geringste Problem darstellen. Wegen der andauernden Hooligan-Gewalt hatte Polens Premier Tusk zuletzt sogar mit einer Absage des Turniers gedroht. Seither geht die Polizei mit aller Härte gegen die Krawallmacher vor – Ausgang offen.

Ähnlich verheerend ist es um die Infrastruktur in den beiden Gastgeberländern bestellt. In der Ukraine fehlt es vor allem an guten und günstigen Unterkünften. In Polen hakt es beim Straßenbau. Seit Mitte Mai boykottieren einheimische Subunternehmen zum wiederholten Mal das chinesische Konsortium Covec, das vor den Toren Warschaus das Herzstück der West-Ost-Autobahn A 2 baut. Grund: mangelnde Zahlungsmoral der Asiaten. Sollte die A 2 im Sommer 2012 nicht durchgängig befahrbar sein, droht der Hauptstadt zur EM ein Verkehrschaos. Auf die Frage aber, ob die Autobahn rechtzeitig fertig werde, antwortet der am Bau beteiligte Unternehmer Tomasz Kotowski: „Keine Chance, da müsste schon ein Wunder geschehen.“

Erschienen im „Flensburger Tageblatt” (25. Mai 2011)

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