Polen erwägt Absage der Fußball-EM

Der Hooligan-Krieg im Gastgeberland der Euro 2012 eskaliert immer weiter. Die polnische Polizei dringt immer tiefer in die Mafia-Strukturen vor. Premier Tusk schließt eine Absage der EM nicht mehr aus.

Premierminister Donald Tusk fährt im polnischen „Hooligan-Krieg“ immer schwereres Geschütz auf. „Wenn wir nicht imstande sind, die Sicherheit in den Stadien zu garantieren, ist die Austragung der Fußball-Europameisterschaft in unserem Land gefährdet“, sagte der Regierungschef nach einem Krisentreffen mit Vereins- und Verbandsvertretern am Mittwochabend. Zugleich drohte Tusk mit einer Absage der neuen Saison der Extraklasa, der ersten polnischen Liga. In jedem Fall soll es im Sommer 2012 wieder Passkontrollen auch an Polens EU-Grenzen geben, um einen Zusammenstoß internationaler Hooligan-Banden zu verhindern.

Vorerst haben Regierung und Polizei jedoch nur den Krawallmachern und Kriminellen im eigenen Land den Kampf angesagt. Nahezu täglich füllen in Polen neue Horrormeldungen von der Hooligan-Front die Zeitungsspalten. Immer deutlicher wird dabei, dass sich in der polnischen Fan-Szene regelrechte Mafia-Strukturen herausgebildet haben. Polizeisprecher Marek Sokolowski bekennt: „Auf den Tribünen werden kriminelle Geschäfte abgewickelt. In den Stadien werben verbrecherische Organisationen neue Mitglieder an. Es geht um Handel mit Drogen, illegal gebranntem Alkohol und gestohlenen Autos.“

Auslöser des „Hooligan-Kriegs“, wie polnische Kommentatoren die Konfrontation zwischen Sport und Politik, Polizei und Verbrecherbanden getauft haben, waren die schweren Ausschreitungen nach dem Pokalfinale vergangene Woche in Bydgoszcz. Dort hatten völlig enthemmte Randalierer das Stadion in seine Einzelteile zerlegt und sich eine Schlacht mit den Sicherheitskräften geliefert. Wenige Tage später nahmen schwer bewaffnete Sondereinheiten der Polizei bei landesweiten Razzien dutzende Hooligans fest, die für die Krawalle verantwortlich sein sollen. Zur Abschreckung veröffentlichten die Fahnder anschließend Videos von der Kommandoaktion im Internet. Sie zeigen halbnackte Hooligans in Handschellen.

Doch das soll erst der Anfang einer groß angelegten Offensive gewesen sein. Die Tusk-Regierung schnürt derzeit ein Sicherheitspaket, das den ungestörten Ablauf der neuen Liga-Saison in Polen und vor allem der Euro 2012 garantieren soll. Dazu gehören Platzsperren und Geisterspiele ebenso wie elektronische Fußfesseln zur Überwachung gewalttätiger Fans und der sogenannte Stadionpranger. Überführte Randalierer sollen künftig vor Ort in Video-Schnellverfahren von live zugeschalteten Richtern abgeurteilt werden.

Den 16 Vereinen der Extraklasa drohte Tusk mit Spielabsagen in großem Stil. Er gab den Clubführungen eine Mitschuld an der Eskalation der Hooligan-Gewalt. Die Vereinsbosse hätten es zugelassen, dass sich „auf den Tribünen Mörder, Drogendealer und Kleinkriminelle unter die Zuschauer mischen“. Die Zeitung „Gazeta Waborcza“ berichtete am Donnerstag, dass die Clubs nur ein Zehntel aller polizeilich ausgesprochenen Platzverbote durchsetzen, und erhob einen ungeheuerlichen Vorwurf: „Einige Clubs arbeiten mit den Stadionbanditen zusammen“, schrieb das Blatt.

Fakt ist, dass Hooligans immer wieder offen zu Gewalt greifen, ohne von den Ordnungskräften der Vereine behelligt zu werden. Tusk kündigte deshalb an, dass die Polizei zu jedem Spiel und in alle Stadien zurückkehren werde. Bislang überwachen private Sicherheitsdienste das Geschehen auf den Tribünen. Die Polizei zeigt nur in kritischen Fällen Präsenz. Mit Blick auf die Euro 2012 sind zudem ausgeweitete Videoüberwachungen geplant.

Hinzu kommen soll die befristete Wiedereinführung von Personenkontrollen an den EU-Grenzen zu Deutschland, Tschechien, der Slowakei und Litauen, die mit dem Beitritt Polens zum Schengen-Raum Ende 2007 weggefallen waren. Am Mittwoch hatte Dänemark seine europäischen Partner mit dem Vorstoß düpiert, an den eigenen Grenzen wieder auf reguläre Pass- und Zollkontrollen zu setzen, um die internationale Kriminalität besser bekämpfen zu können – „vor allem aus Osteuropa“, wie es in Kopenhagen hieß. Auch Frankreich und Italien wollen angesichts des Flüchtlingsstroms aus Nordafrika eine zeitweilige Rückkehr zur Grenzüberwachung ermöglichen.

Gestern debattierten in Brüssel die EU-Innenminister über das umstrittene dänische Vorgehen. Kritiker sehen darin einen offenen Bruch des Schengen-Abkommens, das Grenzkontrollen nur vorübergehend bei „einer schwerwiegenden Bedrohung der öffentlichen Ordnung“ vorsieht. Darauf beruft sich die Regierung in Warschau bei ihrer Ankündigung, die Einreise nach Polen während der Europameisterschaft zu überwachen. Nur so sei es möglich, Zusammenstöße internationaler Hooligan-Banden zu verhindern.

Unklar ist dagegen noch, wie im Sommer 2012 ein reibungsloser Verkehr zwischen Polen und der Ukraine garantiert werden kann. Das Co-Gastgeberland der Euro ist nicht Mitglied der EU. Für Ukrainer gilt bei Einreisen in den Schengen-Raum Visumszwang. Westeuropäer benötigen nur einen gültigen Pass. Angesichts der polnischen Sicherheitsprobleme ist derzeit kaum vorstellbar, dass es einen ungestörten Fan-Verkehr zwischen den Spielorten in beiden Ländern geben kann.

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