Auf dem Anklagebett

Die deutsche Justiz hat den ukrainischen KZ-Helfer Ivan Demjanjuk zu fünf Jahren Haft verurteilt. Ins Gefängnis muss der 91-Jährige aber nicht.

Es mag eine Geschmacksfrage sein, ob man die Bilder von dem 91-jährigen John Demjanjuk im Gerichtssaal als Genugtuung empfindet oder als notwendiges Übel. Keinen Zweifel kann es dagegen daran geben, dass der alte Mann genau dort hingehörte: auf die Anklagebank beziehungsweise, um exakt zu bleiben, das Anklagebett. Ob er dort den Schwerkranken gemimt hat oder ihm tatsächlich die Kräfte schwinden, ist dabei zweitrangig. Demjanjuk war prozessfähig. Und Mord verjährt nicht, schon gar nicht ein Massenmord. An dem aber hat sich der Ukrainer nach Ansicht der Richter mitschuldig gemacht.

Der Vorwurf der Beihilfe zu einem Menschheitsverbrechen wiegt allemal schwer genug, um das unschöne Verfahren zu rechtfertigen. Denn der Schuldspruch weist über die Frage der richtigen Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen hinaus. Das Signal geht an alle Tyrannen und ihre Helfershelfer, mögen sie Gaddafi, Lukaschenko oder eben Demjanjuk heißen: Der Arm von Recht und Gesetz reicht in Zeit und Raum weit, lautet die Botschaft, die von München ausgeht.

Diese Aussage hätte ihre Gültigkeit auch dann nicht verloren, wenn die Richter anders geurteilt hätten. Ein Freispruch aus Mangel an Beweisen wäre durchaus keine Schande für die Justiz gewesen. Und dazu kann es ja durchaus noch kommen. Niemand weiß, wie gegebenenfalls der Bundesgerichtshof wägen wird. Entscheidend aber ist das faire Verfahren an sich. Um dies zu ermöglichen, darf und muss man einem Schwerverbrecher sogar ein Bett in den Gerichtssaal schieben. Und es ist auch richtig, den Ukrainer nun aus der Haft zu entlassen – denn es geht nicht um Rache, sondern um Recht und Gerechtigkeit.

Kein Ruhmesblatt für die Juristenzunft hat dagegen Demjanjuks Verteidiger Ulrich Busch abgegeben. Den Ukrainer zu einem Sündenbock für Verfehlungen der deutschen Nachkriegsgesellschaft bei der Verfolgung der Nazi-Bosse aufwerten zu wollen, ist billig. Solche Versäumnisse gab es durchaus. Aber das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Im Übrigen wird man es einer vom Weltkriegstrauma erschütterten Nation zugestehen dürfen, dass sie im Laufe der Jahrzehnte hinzulernt.

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