Landluft macht frei

Von wegen Arbeitnehmerfreizügigkeit: In Polen zeichnet sich ein Gegentrend zu dem angeblichen osteuropäischen Drang nach Westen ab. Vor allem junge Menschen zieht es dort mit Macht aufs Land. Polens „Generation Facebook“ sucht ihr Glück auf dem Dorf.

Urheberrechtlich geschützt, alle Rechte bei mir.

Ein glücklicher Mensch: Der 24-jährige Marek Brzozowski lebt und arbeitet gern auf dem väterlichen Gut in Domanowo. (Fotos: Krökel)

Drei Betten, drei Holzstühle, drei Studentinnen – und alles auf zwölf Quadratmetern. Die zerschrammte Zimmertür hängt kaum noch in den Angeln. Aus der Gemeinschaftsküche quillt der Geruch von altem Fett auf den Flur. Es muss am Mittag Fisch gegeben haben in dem Warschauer Studentenwohnheim, das wie zum Hohn „Grand“ heißt. Dass Aneta Budzynska hier so schnell wie möglich raus möchte, erschließt sich auf den ersten Blick. Raus aus dem Zimmer, das sie mit zwei Kommilitoninnen teilt, raus an die frische Luft. Und so schlägt sie einen Spaziergang über den Campus vor.

„Ich liebe Arbeit und Bewegung im Freien“, sagt die 25-Jährige. Das ist zu sehen und zu spüren. Der Händedruck der schmächtigen jungen Frau ist kräftig. Und die schwarzen Haarsträhnen, die ihr immer wieder in die Stirn wehen, können die harschen Gesichtszüge kaum mildern. Aneta studiert seit fünf Jahren Agrarwissenschaften. Eine gefühlte Ewigkeit. Im Juli will sie ihren „Master of Science“ machen. „Dann bin ich frei“, sagt sie. Endlich frei, um zurückzugehen aufs Land, wo sie aufgewachsen ist. Möglicherweise sogar zurück in ihr Heimatdorf Bledow, das mittendrin liegt im Niemandsland zwischen Warschau und Lodz. Dort haben die Eltern einen kleinen Hof. „Da gehöre ich hin.“

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Aneta Budzynska

Aneta ist mit ihrer Sehnsucht nicht allein. Während in Deutschland die Folgen der neuen Arbeitnehmerfreizügigkeit debattiert werden und alle Welt sich fragt, wie viele Polen wohl ihr Glück im Westen suchen werden, zeichnet sich im Land selbst eine ganz andere Entwicklung ab. Umfragen zufolge können sich zwei Drittel aller jungen Polen, die auf dem Dorf großgeworden sind, nicht vorstellen, ihr Leben andernorts zu verbringen – am wenigsten in der Stadt oder im Ausland. Auf die Frage nach ihrem Lebenstraum antworten die meisten von ihnen: „Ein Weiler, ein Fischteich, ein Haus, ein Garten und keine Nachbarn.“

Auch Aneta könnte ohne allzu viele Menschen in ihrer Nähe gut leben. Und ohne Computer. „Mit Facebook habe ich nichts am Hut“, sagt sie knapp. „Ich arbeite nur am Bildschirm, wenn es unbedingt sein muss.“ Derzeit muss es sein, denn Aneta schreibt ihre Abschlussarbeit über den Einsatz regenerativer Energien in der Landwirtschaft. „Das ist unsere Zukunft“, sagt sie. Eine bessere Zukunft erhofft sie sich auch von ihrem Studium. Der Gang an die Uni war eine reine Vernunftentscheidung. Der Kopf rät ihr auch, nach dem Examen eine begrenzte Zeit im Ausland zu verbringen. „Aber nicht im hektischen Deutschland!“ Am liebsten würde Aneta ins menschenarme Norwegen gehen, um dort „auf dem Feld zu arbeiten“, wie sie sagt.

Das liegt im Trend. „Unsere Jugend zieht es auf den Acker“, verkündete kürzlich der polnische Nachrichtensender TVP-Info und berichtete von einer zunehmenden Stadtflucht. Doch was macht diesen Lebensentwurf so attraktiv in einer Welt, die im Zeitalter des IPads und des Social Networkings doch eigentlich auch in Polen ganz anders ticken sollte. „Fragen Sie Marek“, rät Aneta. „Der hat es jetzt schon besser als wir hier im Wohnheim.“

Der Weg aus der Hauptstadt nach Domanowo führt drei Autostunden lang gen Osten. Die Straßen verengen sich zusehends, werden holpriger und leerer. Hier und da kreuzt ein Traktor den Weg. Meist wirken die uralten Zugmaschinen wie aus der Zeit gefallen. Störche suchen in frisch gepflügten Äckern nach Futter. 80 Kilometer sind es von Domanowo bis zur weißrussischen Grenze. Böse Zungen würden das Gebiet wohl eine Einöde nennen.

Marek Brzozowski ist dort glücklich. „Wenn ich auf dem Land bin, weiß ich, dass ich etwas erschaffe. Ich hasse es, unproduktiv zu sein“, sagt der 24-Jährige, der in Domanowo auf dem Hof seines Vaters hilft. „Computer kann man nicht essen“, fügt er hinzu. Marek nutzt jede Gelegenheit, um aus Warschau in sein Heimatdorf zu flüchten. In der Hauptstadt studiert er gemeinsam mit Aneta Budzynska Agrarwissenschaften. Auch er steht kurz vor dem Abschluss. „Das Studium ist eine Mission für eine begrenzte Zeit“, erklärt der junge Mann.

Seit Marek an seiner Examensarbeit schreibt und weniger Vorlesungen besucht, kann er häufiger zu Hause sein. Er genießt es. „In den Anfangssemestern war ich oft 20 Stunden auf den Beinen, um in Warschau studieren und hier arbeiten zu können“, erzählt er. „Jetzt ist es leichter.“ Und bald, so lässt er durchklingen, wird er wieder ganz in Domanowo sein, um sich auf die Übernahme des Familiengutes vorzubereiten. Vater Henryk hat das 50. Lebensjahr erreicht und will es geruhsamer angehen lassen. Bruder und Schwester stehen erst vor dem Abitur und haben ihre berufliche Orientierungsphase noch vor sich.

Satte 100 Hektar bewirtschaftet die fünfköpfige Familie. „Ohne Hilfskräfte“, verkündet Marek und präsentiert stolz den gepflegten Hof. Drei moderne Traktoren sind auf dem Gut im Einsatz. „Wir bauen vor allem Mais und Wintergetreide an“, erläutert Marek und öffnet ratternd eine Scheunentür. Ein fabrikneuer Mähdrescher füllt den Raum. „Unser Eigentum“, sagt er und ergänzt: „Kein Gemeinschaftsbesitz, wie das in vielen westlichen Ländern üblich ist.“

Im Haus hängt ein großer Flachbildschirm an der Wand neben dem Kamin. Das feudale Anwesen will nicht recht in die Abgeschiedenheit von Domanowo passen. Die Brzozowskis haben mit ihrer Landwirtschaft sichtlich Erfolg. Dessen Geheimnis verrät ein kleines Schild an einer Schuppenwand. „Gefördert mit Mitteln der Europäischen Union“, steht darauf. „Wir sind verpflichtet, dieses Schild anzubringen“, sagt Marek wie auf frischer Tat ertappt. Die polnische Landwirtschaft hat seit dem EU-Beitritt 2004 erheblich von den Zuschüssen aus Brüssel profitiert.

„Viele Kleinbetriebe können sich dennoch kaum über Wasser halten“, sagt Marek. Und so werden die archaischen Trecker in Domanowo wohl früher oder später ausrangiert. Doch wer es richtig anpackt, dem bietet das Landleben in Polen enorme ökonomische Chancen. Und es ist die Jugend, die dieses Potenzial ausschöpft. Statistiker haben errechnet, dass die Zahl der agrarischen Großbetriebe seit 2002 um 30 Prozent gestiegen ist – und fast alle werden von Jungbauern bewirtschaftet. Die meisten von ihnen haben studiert.

Auch Mareks Leidenszeit an der Warschauer Uni ist Teil einer bäuerlichen Karriereplanung. Doch kann ein 24-Jähriger so seinen Lebensdurst stillen? „Die Natur hat viel zu bieten. Mich schreckt der städtische Moloch eher ab“, sagt Marek. Und der Weg ins Ausland erst recht. „Wenn jemand auswandert, heißt das doch nur, dass er keine Idee für sein Leben hat.“ Ihm sei bewusst, dass es im ländlichen Osten Polens nicht allzu viele attraktive Arbeitsplätze gebe. Aber das Land biete auch viele Freiheiten, um etwas zu erreichen – wenn man es wirklich wolle.

„Viele meiner Schulfreunde sind nach dem Abitur weggegangen. Sie haben in England, Deutschland oder Skandinavien ihr Glück gesucht. Aber allmählich kehren sie zurück“, berichtet Marek. Für das Wochenende hat er sich soeben mit einigen Kumpels zu einer Lagerfeuer-Fete im Dorf verabredet. „Über Facebook“, fügt er lächelnd hinzu. „Dafür nutze ich sogar einen Computer. Aber er ist nur ein Mittel zum Zweck.“

Stichwort: Agrarland Polen

In Polen sind auch sieben Jahre nach dem EU-Beitritt noch immer knapp 14 Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft beschäftigt (Deutschland: gut zwei Prozent). Sie steuern aber weniger als vier Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Vor allem viele kleinere Betriebe sind unrentabel. Sie bewirtschaften allerdings fast zwei Drittel der gesamten Nutzfläche. Die EU-Subventionen haben den nötigen Strukturwandel hin zu größeren Einheiten gebremst. Das könnte sich ändern, wenn die Direktbeihilfen in der neuen Förderperiode nach 2013 sinken. Experten rechnen in Polen mit einer halben Million von bislang gut zwei Millionen Landwirten, die von Insolvenz bedroht sein dürften. Modernisierte Großbetriebe mit mehr als 50 Hektar Anbaufläche gelten dagegen als hoch wettbewerbsfähig.

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