Polnische Hooligans zerlegen Stadion

Gewaltrausch beim Pokalfinale zwischen Legia Warschau und Lech Posen – alles nur ein Vorgeschmack auf die Euro 2012?

Geisterspiele im EM-Gastgeberland: Gut ein Jahr vor dem Eröffnungsspiel der Fußball-Europameisterschaft will Polen der Hooligan-Gewalt mit drastischen Schritten begegnen. Premierminister Donald Tusk kündigte an, die Zuschauer künftig von Spielen auszuschließen, wenn die Polizei die Sicherheit anders nicht gewährleisten könne.

Nach dem Pokalendspiel zwischen Legia Warschau und Lech Posen hatten am Dienstagabend hunderte völlig enthemmte Anhänger beider Mannschaften vor den Augen einer UEFA-Delegation das Finalstadion in Bydgoszcz demoliert. Vermummte Randalierer stürmten das Spielfeld und lieferten sich eine Schlacht mit der bereits vor dem Spiel in höchste Alarmbereitschaft versetzten Polizei. Erst der massive Einsatz von Gummigeschossen und Wasserwerfern stoppte den Gewaltrausch.

Legia gewann den Pokalkrimi mit 5:4 im Elfmeterschießen. Doch dies trat in den polnischen Medien angesichts des „Riesenskandals“ (Newsweek Polska) in den Hintergrund. Tusk kündigte sofortige Gegenmaßnahmen an – allerdings nicht zum ersten Mal. Der Sejm, das polnische Parlament, soll nun schnellstmöglich über ein Gesetz abstimmen, das den Einsatz elektronischer Fußfesseln zur Kontrolle von Platzverboten vorsieht. Außerdem soll es eine Art Stadionpranger geben. Wer am Rande eines Fußballspiels eine Straftat begeht, soll vor Ort in einem öffentlichen Schnellverfahren abgeurteilt werden. Die Richter schalten sich live per Video-Schaltung zu.

Allerdings gibt es verfassungsrechtliche Bedenken gegen eine solche Regelung. Zudem zeigt die Gewaltorgie beim Pokalfinale, dass die Polizei den schon vor Jahren begonnenen Kampf gegen die Hooligan-Kriminalität vorerst verloren hat. Die Strafverfolger finden kein Mittel gegen die Wiederholungstäter, die vielfach zugleich dem Mafiamilieu zuzuordnen sind. Erst im Januar hatten in Krakau Maskierte mit 60 Machetenhieben einen 30-Jährigen ermordet, der eine führende Rolle in der Fan-Szene des Erstligisten Cracovia spielte.

Nach der Eskalation am Dienstag gab es nach polnischen Medienberichten nicht eine einzige Festnahme. Zudem gelang es dem berüchtigten Rädelsführer der Warschauer Hooligans, der unter dem Decknamen „Staruch“ („Der Alte“) bekannt ist, trotz eines Platzverbots ohne Schwierigkeiten ins Stadion zu gelangen. Erst vor wenigen Wochen hatte der Skinhead nach einem verlorenen Legia-Heimspiel einen Spieler der eigenen Mannschaft bespuckt und verprügelt. Polizei und Ordner griffen erst spät ein und ließen den „Alten“ schließlich unbehelligt ziehen.

Auch die UEFA reagierte bislang hilflos. Erst Ende März schlug der im Verband für die Organisation der Euro 2012 verantwortliche Martin Kallen Alarm. „Wir sind äußerst besorgt“, sagte er, nachdem 200 polnische Hooligans bei einem Länderspiel ihrer Nationalmannschaft in Litauen randaliert hatten. Kallen schob den Schwarzen Peter allerdings der Regierung in Warschau zu. „Sie werden handeln“, sagte der UEFA-Vertreter mit dem Unterton eines Ultimatums. Zugleich beschwichtigte er: „Zur EM 2012 werden andere Zuschauer kommen, es werden mehr Familien dabei sein. Die Euro ist eine Party.“

Wie zum Hohn bauten sich die Hooligans am Dienstagabend vor der Vip-Tribüne mit den UEFA-Offiziellen und ihren polnischen Gastgebern auf und stimmten Schmähgesänge an. Die Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ kommentierte das Geschehen ironisch: „Immerhin kehrten die Hooligans anschließend vorübergehend auf ihre Plätze zurück, sodass sich die UEFA-Delegation überzeugen konnte, wie gut Polen auf die Europameisterschaft vorbereitet ist.“

Erschienen in der „Schweriner Volkszeitung” (5. Mai 2011)

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