„Das ist mir alles eine Nummer zu groß“

Die Polen feiern ihren seliggesprochenen Papst ohne Enthusiasmus.

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Mega-Papst: Mosaik-Entfaltung am Tempel der Göttlichen Vorsehung in Warschau.

Als sich das Bildnis des sanft lächelnden Pontifex in all seinen Dimensionen offenbart, bricht die Sonne durch die Wolken über dem Tempel der Göttlichen Vorsehung. Der Zeitpunkt für den Lichtblick könnte passender kaum sein: Kurz nach der Seligsprechung Johannes Pauls II. in Rom entrollen die Helfer in Warschau das größte Papst-Porträt der Welt. Mehr als 100.000 Privatfotos  von Gläubigen aus allen Teilen Polens fügen sich zu einem Mosaik von den Ausmaßen eines halben Fußballfeldes zusammen. Nun ziert es die mächtige Tempelfront.

„Es ist ein einzigartiges Bild eines einzigartigen Mannes“, sagt die 52-jährige Anna Karminska. Sie gehört zu den wenigen Hundert Menschen, die sich an diesem kühlen Mai-Sonntag im Warschauer Satellitenvorort Wilanow versammelt haben. Seit den Morgenstunden harren sie auf dem unwirtlichen Platz vor dem Rohbau des Tempels aus, der einmal Polens Nationalkirche werden soll. Auf Großbildleinwänden verfolgen die Gläubigen die Eucharistiefeier im Vatikan. Es ist ihr Papst, der dort geehrt wird, ihr Karol Wojtyla aus Wadowice bei Krakau.

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Das Porträt besteht aus mehr als 100.000 Bildern.

93 Prozent der Polen sehen in Johannes Paul II. auch sechs Jahre nach seinem Tod noch eine bedeutende Autorität. Das sind sogar fünf Prozent mehr, als es Katholiken im Land gibt. Da kann es kaum verwundern, dass viele polnische Städte um die schönsten Seligsprechungsfeiern wetteifern. „Public Viewing“, wie es sonst nur bei sportlichen Großereignissen üblich ist, gehört dabei zum Standard. Aber es gibt auch Kurioses wie in Stettin, wo sich Gläubige an dem passionierten Wanderer Wojtyla ein Vorbild nehmen und zu einer Nordic-Walking-Pilgertour aufbrechen.

Und dennoch: Die ganz große Papst-Euphorie bleibt diesmal aus. Anders als nach dem Tod Johannes Pauls II., als sich im April 2005 Millionen Polen zum gemeinsamen Gebet versammelten, zeigen an diesem Sonntag deutlich weniger Gläubige ihre Verehrung öffentlich. „Vielleicht liegt das an der Kälte“, sagt der 23-jährige Soziologie-Student Pawel. Er verkauft vor dem Tempel der Göttlichen Vorsehung Papst-Fähnchen, die er aber kaum los wird. „Für mich ist das nur ein Nebenjob“, sagt er leidenschaftslos. Nicht einmal das historische Papamobil, das pünktlich zur Mosaik-Enthüllung eintrifft, sorgt bei den Schaulustigen für nennenswerten Trubel.

Das Fahrzeug, mit dem sich Johannes Paul II. einst durch große Menschenansammlungen bewegte, stammt aus dem Jahr 1979. Damals war der frisch zum Papst gewählte Wojtyla in seine Heimat gereist und hatte den Menschen zugerufen: „Fürchtet euch nicht!“ Die Worte wurden 1980 zum Leitsatz des Solidarnosc-Aufstandes, der zehn Jahre später in die friedliche Revolution mündete. Viele Polen sehen deshalb in Johannes Paul II. den wahren Bezwinger des Kommunismus.

Der tief gläubige Solidarnosc-Führer Lech Walesa weiß sehr genau, was er seinem Landsmann im Vatikan zu verdanken hat. Die Seligsprechung kommentiert er mit den Worten: „Jetzt kehrt das Licht zu uns zurück.“ Walesa lässt es sich wie Polens Präsident Bronislaw Komorowski nicht nehmen, die Feier auf dem Petersplatz in Rom live zu verfolgen. Außer ihnen haben sich rund 80.000 Pilger aus dem Heimatland Karol Wojtylas auf den Weg in die Heilige Stadt gemacht. Viele sind mit dem Flugzeug oder dem Bus gekommen, einige wenige, wie der 39-jährige Pawel Kurylo, zu Fuß. „Ich habe gezeigt, dass jeder Polen zur Seligsprechung in Rom sein kann, wenn er nur will“, zitieren ihn polnische Medien.

Doch viele Polen sind es nicht, die wollen. Reiseveranstalter hatten ursprünglich mit einer Viertelmillion polnischen Rom-Pilgern gerechnet. Und auch in Karol Wojtylas Heimatdiözese Krakau finden sich außer Premierminister Donald Tusk nur einige Zehntausend statt der erwarteten 200.000 Gläubigen zur Messe ein, strömen zum „Public Viewing“ oder zu Konzerten und Papst-Lesungen. „Die Erinnerung an die Lebensleistung Johannes Pauls II. verblasst mit der Zeit“, analysiert Natalia Hipsz vom Meinungsforschungsinstitut CBOS.

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Fotos: Krökel

Andere Beobachter führen die zurückgehende Papst-Verehrung auf eine Abkehr der Menschen von der katholischen Kirche zurück. Tatsächlich besuchen nach einer CBOS-Umfrage nur noch rund 40 Prozent der polnischen Katholiken regelmäßig die Messe – sieben Prozent weniger als vor dem Tod Johannes Pauls II. Am Fuße des frisch enthüllten Papst-Mosaiks in Warschau gibt der Soziologie-Student Pawel zu bedenken, dass „vielen Menschen vielleicht der Personenkult zu weit geht, den unsere Kirche um den Papst entfaltet.“

Auch mit dem Bau des riesigen Tempels der Göttlichen Versöhnung sind längst nicht alle Hauptstädter einverstanden. Der Klerus baue sich Monumente, statt Geld für die Armen und Kranken zu sammeln, lästern die Kritiker. So sieht es auch Pawel. „Das ist mir alles eine Nummer zu groß“, sagt er, während sich der Himmel über der Kathedrale nach der Mosaik-Enthüllung bald wieder verdüstert.

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