Das Recht des Stärkeren

Polen erleichtert den Radfahrern im Land das Leben. Solange sie überleben…

Frühlingszeit ist Fahrradzeit. So dachte ich bei mir und hievte meinen alten Drahtesel aus dem Flur auf den Balkon. Da unser Mietshaus wie so viele Warschauer Wohnblocks nicht unterkellert ist, hatte mein Fahrrad in der Diele überwintert. Nun aber, an der frischen Balkonluft, kamen leise Frühlingsgefühle auf.

Ins wirkliche Leben auf die Straße traue ich mich mit meinem „Rower“ selten. Rower ist der polnische Ausdruck für Fahrrad, was aus dem Englischen entlehnt ist und sich von „to rove“ ableitet – herumtreiben, wandern. Das trifft durchaus den polnischen Kern der Sache, denn auf dem Fahrrad kann man sich hierzulande eigentlich nur querfeldein bewegen.

Die Zahl der Fahrradwege in Warschau ist leicht überschaubar. Sie bilden zwar zumeist zusammenhängende Routen. Die aber sind naturgemäß nur selten passgenau auf meine Ziele ausgerichtet. Mich mit dem Rower auf die Fahrbahn zu wagen und mein Heil im Wettstreit mit den Autos zu suchen, traue ich mich nicht. Es käme wohl auch versuchtem Selbstmord gleich. „Auf unseren Straßen herrscht Anarchie“, schrieb kürzlich die Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ und traf damit den Nagel auf den Kopf.

Nun aber soll sich für die Fahrradfahrer alles zum Guten wenden. Ab 1. Mai gelten in Polen neue Verkehrsregeln, die sich an EU-Normen orientieren. So sollen an viel befahrenen Straßen – in Warschau also streng genommen überall – sogenannte Schleusen eingerichtet werden. Das heißt: An Ampeln dürfen sich Fahrradfahrer, von Markierungen auf dem Asphalt geleitet, vor den haltenden Autos platzieren. Das soll sie ins Blickfeld der motorisierten Konkurrenz rücken und ihnen auf diese Weise mehr Sicherheit geben.

Doch grau ist alle Markierungstheorie. Wer einmal einen polnischen Zebrastreifen in dem Glauben betreten hat, dort Vorrang zu genießen, der hat gewiss Bekanntschaft mit dem berühmt-berüchtigten Recht des Stärkeren gemacht. Ich jedenfalls werde die neuen Schleusen meiden, und ich werde auch kein langsam fahrendes Auto rechts überholen. Das erlauben die neuen Regeln ebenfalls.

Bei genauerem Hinsehen bringen die Gesetzesänderungen nur einen echten Vorteil mit sich, der allerdings einem Durchbruch gleichkommt. Ab dem 1. Mai sind Bürgersteige, die mindestens zwei Meter breit sind, für Fahrradfahrer freigegeben. Diese Breite erreichen die meisten Gehwege in Warschau, und so werden sich mein Rower und ich wohl demnächst vom Balkon aufs Trottoir trauen. An den meisten polnischen Pedalisten dürfte die Revolution dagegen unbemerkt vorbeirauschen. Die nämlich nutzen die Gehwege ohnehin längst und üben dort ihr Recht des Stärkeren aus.

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