Lech Walesa erklärt die Welt

Ein Revolutionär als Friedensstifter? Der polnische Arbeiterführer Lech Walesa soll die Idee des Runden Tisches nach Nordafrika exportieren.

Durch Nordafrika weht der Wind des Wandels. Beobachter fühlen sich längst an den Völkerfrühling von 1989 in Osteuropa erinnert. Nun wird aus dem Gedankenspiel Realität. „Wir schicken keine Kampfflugzeuge, wir schicken Lech Walesa“, titelte die Warschauer Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ zu Ostern und kündigte für den 28. April eine Reise des polnischen Freiheitshelden nach Tunis an. Dort soll  Walesa auf Bitten des Außenministeriums erläutern, wie eine friedliche Revolution funktioniert und was ein Runder Tisch ist.

Der 67-jährige Pole mit dem markanten Schnauzbart freut sich sichtlich auf die Aufgabe. „Ich gehe als Revolutionär dorthin“, kommentierte Walesa die Einladung und fügte hinzu, er werde die Nordafrikaner an seinem reichen Erfahrungsschatz teilhaben lassen. Ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein gehörte von jeher zu den hervorstechenden Charakterzügen des Friedensnobelpreisträgers von  1983.

Zu erzählen hat Walesa in Tunis zweifellos viel. Etwa wie er sich 1980 als einfacher Elektriker auf der Danziger Lenin-Werft an die Spitze streikender Arbeiter stellte und den Kommunisten die Anerkennung einer unabhängigen Gewerkschaft abtrotzte. Es war die Geburtsstunde der Solidarnosc, die Walesa zu einer Freiheitsbewegung formte. Oder wie ihn sein Intimfeind Wojciech Jaruzelski ein Jahr später ins Gefängnis werfen ließ. Der „General mit der dunklen Brille“ verhängte 1981 das Kriegsrecht über Polen und versuchte, die Solidarnosc zu zerschlagen.

„Es ist ihm nicht gelungen, ich habe ihn ausgetrickst“, sagt Walesa. Seine Lieblingsgeschichte handelt davon, wie er Jaruzelski 1989 gleichsam über den Runden Tisch zog.  „Wir einigten uns auf eine Machtteilung“, erzählt Walesa noch heute mit sichtlichem Behagen. „Die Solidarnosc stellte die Regierung, die Kommunisten durften Jaruzelski als Präsidenten behalten. Aber sobald meine Leute fest im Sattel saßen, habe ich Jaruzelski aus dem Amt gejagt.“ 1990 wählten die Polen Walesa zum ersten postkommunistischen Präsidenten ihres Landes – die Demokratiebewegung siegte.

Ob die Nordafrikaner von Walesas Schlitzohrigkeit lernen können, muss sich noch erweisen. Die Polen hatten bald genug von der Bauernschläue jenes Mannes, den sie anfangs nicht nur als Revolutionär verehrt hatten. Auch als gläubiger Christ und Vater von acht Kindern genoss Walesa im katholischen Polen zu Beginn der 90er Jahre hohes Ansehen. Doch als Präsident war der Sohn eines  Tischlers seinen Landsleuten schnell peinlich. Bei einem Staatsbesuch in London soll Walesa der britischen Queen einmal einen langen Vortrag über die Elektroinstallationen im Buckingham Palace gehalten und eigenhändig mehrere Steckdosen ausgebaut haben.

Zugleich holte die eigene Vergangenheit Walesa in den 90er Jahren ein. Als junger Mann hatte er sich 1970 bereits einmal an Arbeiterprotesten in Danzig beteiligt und war im Gefängnis gelandet. Dort unterzeichnete er eine „Loyalitätserklärung“ der Staatssicherheit. Ob Walesa später tatsächlich als „IM Bolek“ die eigenen Mitstreiter bespitzelte, wie seine Gegner behaupten, ist noch immer ungeklärt. Walesa bestreitet dies: „Ich habe irgendein Papier unterschrieben, damit war die Sache erledigt.“

Heute leitet Walesa in Danzig eine Stiftung und mischt sich immer wieder ins politische Geschehen in Polen ein. Im Reinen ist Walesa mit seiner Heimat nicht. Aus der Gewerkschaft Solidarnosc, die mittlerweile der nationalkonservativen Kaczynski-Partei PIS nahe steht, ist er ausgetreten. Sogar mit einem Gang ins Exil drohte er seinen Landsleuten bereits, sollten die ihn weiter mit Spitzelvorwürfen belästigen. Nach einem Modell für Nordafrika klingt all das kaum.

Erschienen im Züricher Tages-Anzeiger (28. April 2011)

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