Eine geschmacklose Machtdemonstration?

Polen bereitet sich mit gemischten Gefühlen auf die Seligsprechung Papst Johannes Pauls II. vor – ein Besuch in der neuen Nationalkirche in Warschau.

 

 

 

 

 

 

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Der Tempel der Göttlichen Vorsehung im Warschauer Satellitenvorort Wilanow. (Fotos: Krökel)

 

 

 

 

 

 

Rafael Bykowski zeigt nach oben. Die Blicke der Schaulustigen richten sich reflexartig in den Warschauer Frühlingshimmel. Weit über ihren Köpfen hängt ein junger Mann in der Außenwand der neuen polnischen Nationalkirche. Durch Seile gesichert und mit Steigeisen bewehrt, arbeitet er sich immer weiter empor. An diesem Ort, der den Namen Tempel der Göttlichen Vorsehung trägt, scheint alles in die Höhe zu streben – hin zur Kuppel, hin zum Kreuz.

Die monumentale Kathedrale befindet sich noch im Bau. Genau genommen tut sie dies seit 220 Jahren. Damals beschloss der Reichstag des geteilten Polen die Errichtung eines Tempels als Sinnbild für die Freiheit der Nation, über die Gottes Vorsehung wachen möge. Doch in der irdischen Realität verhinderten die Besatzungsmächte Preußen, Österreich und Russland und später die polnischen Kommunisten das Vorhaben. Erst 1998 entschied das demokratische Polen, die Idee von 1791 doch noch in die Tat umzusetzen.

Seither wird an der Nationalkirche gewerkelt. Doch Chefingenieur Bykowski hat dieser Tage nicht den Baufortschritt im Sinn, sondern eine andere Mission. Dafür hat er eigens „professionelle Alpinisten angeheuert“, wie er betont. Die Bergsteiger bringen rund 60 Meter über dem Erdboden jene Halterungen am Tempel an, die am 1. Mai ein riesiges, 600 Kilogramm schweres Porträt tragen sollen. Es setzt sich aus Zehntausenden Fotos polnischer Katholiken zusammen. Eine Spezialfirma hat die Bilder gescannt und auf eine Leinwand gebannt, die so groß ist wie die Hälfte eines Fußballfeldes. Aus der Ferne betrachtet wird das Mosaik allerdings nur eine einzige überdimensionale Figur zeigen: Karol Wojtyla alias Johannes Paul II.

Am 1. Mai will der deutsche Papst Benedikt XVI. seinen vor sechs Jahren verstorbenen polnischen Vorgänger auf dem Petersplatz in Rom seligsprechen. In der Heimat Karol Wojtylas wirft das Ereignis seit Wochen seine Schatten voraus. Zahlreiche Großveranstaltungen sind geplant. In vielen Städten werden die Gläubigen die Eucharistiefeier im Vatikan auf Leinwänden unter freiem Himmel verfolgen können – „Public Viewing“, wie es sonst nur bei Sportereignissen üblich ist.

 

 

Aus dem lichtdurchfluteten Hauptschiff der Nationalkirche wächst ein Baukran durch die Kuppel.

 

In Warschau soll sich rund um Johannes Pauls historisches „Papamobil“ eine Prozession formieren. Der berühmte Wagen mit den kugelsicheren Scheiben, mit dem sich der Papst seit dem Attentat von 1981 durch Menschenansammlungen bewegte, wird aus der Altstadt zum Tempel der Göttlichen Vorsehung im Satellitenvorort Wilanow fahren. Dort wollen Ingenieur Bykowski und seine Helfer dann das gigantische Papst-Mosaik enthüllen – das größte Bildnis dieser Art weltweit.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Das Porträt wird die gesamte Stirnseite der Kathedrale überspannen“, erläutert Sylwia Kabala. Die 25-Jährige arbeitet für das Erzbistum Warschau und führt Besucher durch Polens künftige Nationalkirche. Seit wenigen Wochen ist der Rohbau des Tempels fertig. Seither prangt in 75 Meter Höhe als einsamer Wegweiser ein goldenes Kreuz auf der Betonkuppel. Direkt daneben wächst ein Kran aus dem Dach des Hauptschiffes.

Den Grundstein des Gotteshauses hat Johannes Paul II. 1999 persönlich geweiht. Und so ist es kein Wunder, dass der Tempel am 1. Mai zu einem zentralen Ort der Seligsprechungsfeierlichkeiten in Warschau werden soll. Im Innern des steinernen Kolosses riecht es allerdings noch wenig festlich nach feuchtem Putz. An einer Wand im Untergeschoss lehnen einige Trauerkränze. Gedenktafeln sind in das Gemäuer eingelassen. Sie erinnern an jene Kirchenvertreter, die vor einem Jahr als Mitglieder der polnischen Präsidentendelegation beim Flugzeugabsturz von Smolensk ums Leben gekommen sind. Auch der 1984 von der kommunistischen Staatssicherheit ermordete Priester Jerzy Popieluszko hat dort seine letzte Ruhestätte gefunden.

„Hier unter der Erde entsteht ein Pantheon für die Großen Polens“, erklärt Sylwia Kabala und fügt sogleich hinzu: „Oben, direkt unterhalb der Kuppel, richten wir ein Museum für Johannes Paul II. ein.“ Dazwischen liegt das Hauptschiff, das rund 4000 Gläubigen Platz bieten soll. Kritiker nennen den Tempel eine geschmacklose und überdimensionierte Machtdemonstration der katholischen Kirche, die dagegen ankämpfe, dass sich „immer mehr Gläubige von ihr lossagen“, wie es der umstrittene linksliberale Politiker Janusz Palikot beobachtet hat.

Umfragen geben Palikot zumindest teilweise Recht. Rund 90 Prozent der Polen sind katholisch, doch kaum zwei Drittel von ihnen haben noch Vertrauen in die Kirche. Etwa die Hälfte aller Befragten lehnt zudem die öffentlichen Seligsprechungsfeiern für Johannes Paul II. ab. Dies solle besser eine innerkirchliche Angelegenheit bleiben, finden 53 Prozent der Polen.

Kabala kann darüber nur den Kopf schütteln. „70.000 Gläubige haben sich an der Aktion für das Papst-Mosaik beteiligt“, berichtet sie stolz. Im Übrigen gehe es bei dem Porträt-Projekt keineswegs allein um die Größe. „Dem Konzept liegt ein tiefer Symbolgehalt zugrunde“, sagt sie und erklärt: „Johannes Paul II. war Zeit seines Lebens eine moralische Autorität für die Menschen in unserem Land. Er hat uns gelehrt, dass wir in lichten wie in finsteren Tagen zusammenstehen sollen. Das Mosaik ist ein Beispiel für diesen Gemeinsinn.“

Tatsächlich macht das Unbehagen der Menschen an der Rolle der Kirche vor Johannes Paul II. halt. Vier von fünf Polen geben an, dass der verstorbene Papst ihr persönliches Leben positiv geprägt habe. „Er ist unser Leitstern“, sagt Kabala. Mit ihren 25 Jahren gehört sie zur sogenannten „Generation JP II“. Soziologen bezeichnen mit dem Begriff jene jungen Polen, die von Kindesbeinen an bis zum Tod des Heiligen Vaters nur Johannes Paul II. als Papst kannten. „Wir sind bis heute stolz auf ihn“, sagt Kabala.

Halina Plinska könnte gut und gern Kabalas Großmutter sein. Die weißhaarige alte Dame arbeitet ehrenamtlich im Tempel der Göttlichen Vorsehung. Angesprochen auf ihre persönlichen Erinnerungen an Johannes Paul II., fällt ihr ein anderes Wort als Stolz ein. „Er war voller Liebe zu den Menschen“, sagt Plinska und lächelt. Vor ihrem geistigen Auge tauchen die Bilder von Karol Wojtylas erster Pilgerreise in seine Heimat nach der Papstwahl auf. „Das war im Juni 1979. Wir haben unter freiem Himmel übernachtet, um einen Platz bei der Messe auf dem Pilsudski-Platz zu bekommen. ‚Habt keine Angst‘, hat er uns gesagt. Und von da an hatten wir keine Furcht mehr.“

Auch Historiker bezeichnen die Papstreise nach Polen 1979 als Schlüsselereignis in der Endphase des Kalten Krieges. Im Jahr darauf stiegen in Danzig Lech Walesa und die Solidarnosc auf die Barrikaden und ebneten den Weg für die friedlichen Revolutionen von 1989. „Wir hatten keine Angst mehr“, bestätigte der gläubige Katholik Walesa später. „Johannes Paul II. hat damals Geschichte geschrieben“, sagt Sylwia Kabala. Ihr Blick wandert hinüber zu dem riesigen Tempelbau, der einmal Polens Nationalkirche werden soll. Halina Plinska wählt andere Worte: „Unser Papst hat mit seiner Liebe die Welt verändert.“

2 comments

  1. Eine furchtbare Zitronenpresse. „Straszny wyciskacz cytryn“.

    Sie entsteht nur, weil sich daran viele Leute seit Jahrzehnten eine goldene Nase verdienen. Das Geld hätte man lieber in ein JPII Institut oder ein Waisenhaus stecken können…

    Schlimmer als diese Kirche sind nur noch kitschige Papst-Gartenzwerg-Denkmäler, die beinahe vor jeder Kirche stehen und die Architektur verschandeln. Die alten Baumeister und Bildhauer würden sich im Grab umdrehen, wenn sie diesen kitschigen Müll sehen könnten. Bleibt nur zu hoffen, daß dieser Schrott irgendwann verschwindet.

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