Störung der Friedhofsruhe

Das Attentat von Minsk ist aufgeklärt. Sagt Alexander Lukaschenko. Wer es glaubt …

Bei Lichte betrachtet möchte man doch lieber nicht Chefermittler im Dienste von Alexander Lukaschenko sein. „Männer“, tönt der Diktator, nachdem eine Bombe ein Dutzend Menschen zerfetzt hat, „bringt mir die Mörder, aber hurtig!“ Was bleibt einem armen Staatsanwalt oder KGB-Agenten da anderes übrig, als schnell einen oder besser gleich mehrere Täter zu präsentieren?

Im Ernst: Ob die drei Männer, die Lukaschenkos Erfüllungsgehilfen gestern als geständige Drahtzieher des Anschlags im weissrussischen Minsk präsentierten, tatsächlich etwas mit dem Terrorakt zu tun haben, ist keineswegs so sicher, wie es der Diktator glauben machen will. Sein Geheimdienst KGB ist für seine Foltermethoden berühmt-berüchtigt, und ein Geständnis ist schnell erpresst.

Klar ist dagegen, dass der Bombenhorror Weißrussland schlagartig wieder ins Blickfeld der europäischen Öffentlichkeit rückt. Daraus war es trotz der Gewaltorgie, die Diktator Alexander Lukaschenko nach der gefälschten Präsidentenwahl im Dezember entfesselt hatte, zuletzt verschwunden. Deshalb ist es auch unwahrscheinlich, dass der Alleinherrscher selbst hinter dem Anschlag steckt. Um eine neue Repressionswelle loszutreten, braucht Lukaschenko keinen Anlass. Da lässt er einfach knüppeln und wegsperren.

Es liegt vielmehr nahe, hinter dem Terrorakt eine Gruppe zu vermuten, die Lukaschenko in Bedrängnis bringen will. Eine Spur führt in den Machtapparat selbst, in dem die Unzufriedenheit mit dem immer absurdere Züge annehmenden Personenkult des Despoten schwelt.

Dem Staat droht der Bankrott. Doch Lukaschenko hat ein Privatvermögen von geschätzten neun Milliarden Euro angehäuft. Das erzeugt Missgunst bei jenen, die dem Diktator den Rücken freihalten, aber selbst wenig vom Kuchen abbekommen. Die Rubel-Krise nagt auch am Kapital kleiner KGB-Beamter.

Ob die Hintergründe der Tat jemals geklärt werden können oder sollen, muss sich erst noch zeigen. Fakt ist, dass die Bombe die Friedhofsruhe gestört hat, die Lukaschenko im Dezember herbeiprügeln ließ. Deshalb auch ist die Staatsmacht so schnell mit Verdächtigen bei der Hand.

In Weißrussland gärt es. Die EU und die USA sollten sich deshalb gut auf den Tag X vorbereiten, an dem das Regime entweder außer Rand und Band gerät oder – im besseren Fall – kollabiert. Leider haben Brüssel und Washington wiederholt unter Beweis gestellt, dass vorausschauendes Handeln nicht gerade zu den Stärken der westlichen Staatengemeinschaft zählt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.