Bombe erschüttert Lukaschenkos letzte Bastionen

Ein Bombenanschlag in Minsk fordert zwölf Todesopfer – und bringt den „letzten Diktator Europas“ in Bedrängnis.

Der Rauch über der U-Bahn-Station Oktjabrskaja hat sich in der Nacht verzogen. Und auch die weißrussische Staatsmacht vermittelt am Tag nach dem Bombenterror im Herzen von Minsk den Eindruck, wieder klarer zu sehen und alles unter Kontrolle zu haben. Schon am Morgen präsentieren die Ermittler die Phantombilder zweier Verdächtiger. Der Drahtzieher sei identifiziert, heißt es. Später gibt es Festnahmen. Details bleiben allerdings zunächst geheim.

Traurige Gewissheit ist dagegen, dass der ferngesteuerte Sprengsatz, der am Montagabend auf dem Bahnsteig der wichtigsten Metrostation der Hauptstadt detoniert war, mindestens zwölf Menschen getötet und rund 200 weitere verletzt hat. Fast 40 Personen befinden sich am Dienstag noch in kritischem Zustand. „Manche Opfer haben keine Hände mehr, andere keine Beine“, berichtet ein Notarzt.

„Wer sind die Mörder?“, hatte der diktatorisch regierende Präsident Alexander Lukaschenko direkt nach der Tat gefragt und die gefürchteten Sicherheitsdienste des Landes in die Pflicht genommen: „Männer, bringt mir schnell eine Antwort!“ Die lassen sich am Dienstag nicht lange bitten. Auftragsgemäß stellen sie „das ganze Land auf den Kopf“, wie Lukaschenko befohlen hatte, und nehmen mehrere Verdächtige fest. Ihnen droht im schlimmsten Fall die Todesstrafe. Aber sind sie wirklich, die Mörder?

Die Spekulationen über die Hintergründe der Terrortat reißen nicht ab. Berichte über verdächtige Burka-Trägerinnen in der U-Bahn tauchen auf. Doch die Ermittler schließen einen Selbstmordanschlag nach islamistischem Muster aus. Haben also womöglich libysche Revolutionäre die Bombe gezündet? Lukaschenko pflegt schließlich gute Kontakte zum Gaddafi-Regime, das er mit Waffenlieferungen unterstützt. Und hatte nicht der Präsident selbst die Bombe zunächst als „Geschenk“ bezeichnet, „das uns von außen gebracht wurde“.

Langjährige Beobachter wie der Journalist Ruslan Batenkow halten all das für Unfug. „Hier geht es um innenpolitische Spiele“, sagt der Chefreporter der unabhängigen weißrussischen Nachrichtenagentur Belapan im Gespräch mit dieser Zeitung. Fakt ist: Der Tatort befindet sich nur 200 Meter vom Präsidentenpalast entfernt. Viel spricht deshalb dafür, dass sich die Bombe an die Adresse des Despoten richtete, den Kritiker den „letzten Diktator Europas“ nennen.

Tatsache ist aber auch: Der mit Nägeln und Metallkrampen gespickte Sprengsatz mit einer Stärke von drei bis sechs Kilogramm TNT explodierte mitten im Feierabendverkehr. Wer immer den Fernzünder bediente, der wollte, dass möglichst viele Menschen zu Schaden kommen. Es war eine Hasstat, wie sie am ehesten in das Täterprofil von Fanatikern passt – oder von Profis verübt wird, die diesen Anschein erwecken wollen.

Von dieser These gehen die meisten Vertreter der Demokratiebewegung aus. Sie beschuldigen den Geheimdienst KGB oder Lukaschenko selbst, den Anschlag inszeniert zu haben. „Ich fürchte, dass sie diese Tragödie benutzen werden, um eine neue Hetzjagd auf Regimekritiker zu entfesseln“, sagt Ewa Neklajewa, die Tochter und enge Vertraute des unter Hausarrest stehenden Oppositionspolitikers Wladimir Neklajew. Tatsächlich nutzt der Geheimdienst KGB die Terrorfahndung, um bei zahlreichen Razzien auch die politischen Gegner von Lukaschenko ins Visier zu nehmen. Skeptiker fragen allerdings rhetorisch, ob es dazu des Terroraktes bedurft hätte.

Unstrittig ist, dass die Bombe den seit fast 17 Jahren mit eiserner Faust regierenden Lukaschenko weiter in Bedrängnis bringt. Bereits nach der gefälschten Präsidentenwahl im Dezember hatte er keinen anderen Ausweg gesehen, als die protestierenden Oppositionellen niederknüppeln und die Anführer der Demokratiebewegung einsperren zu lassen. Die EU und die USA verhängten daraufhin Sanktionen gegen das Regime, das inzwischen am Rande des Staatsbankrotts taumelt.

Mit der Wirtschaftskrise und dem Bombenterror bekommen die letzten Bastionen des Alleinherrschers Risse. Lukaschenko verdankt seine Beliebtheit in weiten Teilen der Bevölkerung zuallererst dem stets eingelösten Versprechen von Sicherheit, Ordnung und ökonomischer Stabilität. Zuletzt aber hat der weißrussische Rubel innerhalb weniger Wochen ein Viertel seines Wertes verloren. Die Preise für Grundnahrungsmittel steigen. „Und nun hat der Terrorismus unser ruhiges Land erreicht“, kommentierte der unabhängige Journalist Viktor Fedorowitsch. „Es gibt nichts mehr, worauf wir stolz sein können.“

Erschienen in „Stuttgarter Nachrichten″ (13. April 2011)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.