„Es war ein Krieg in Friedenszeiten“

Am 26. April 1986 explodiert der Reaktorblock 4 des sowjetischen Kernkraftwerks Tschernobyl. Es ist die größte Nuklearkatastrophe der Geschichte – ein Rückblick in Daten und Dokumenten.

26. April 1986: Das Experiment und die Explosion

Wie gut sind die Reaktoren für den Fall eines Stromausfalls gerüstet? Um diese Frage zu klären, beginnen Techniker im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl in der Nacht zum 26. April 1986 mit einem Experiment am Kühlsystem. Es ist ein unspektakulärer Test. Doch das Personal begeht eine Kette verhängnisvoller Fehler. Die Schnellabschaltung und die Notkühlung sind nicht einsatzbereit. Ein Mitarbeiter füttert die Reaktorautomatik mit falschen Zahlen. Um 1.23 Uhr beginnt der Versuch – und löst binnen Sekunden eine unkontrollierte Kettenreaktion aus. Zwei Wasserstoffexplosionen zerfetzen die 1000 Tonnen schwere Stahlbetonhülle des Reaktorblocks 4. Es ist der GAU.

 

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Wladimir Tjutunnik (Fotos: Krökel)

Wladimir Tjutunnik (52), ukrainischer Wachmann im AKW Tschernobyl: „Ich hatte in dieser Nacht Dienst. Wir wussten, dass ein Experiment geplant war, aber sonst nichts. Es war nach ein Uhr, als es plötzlich bebte und mich irgendetwas zu würgen begann. Dann knallte es. Ich sah Betonplatten durch die Luft fliegen. Die waren zehn Meter lang und drei Meter breit, aber sie sind wie Streichholzschachteln gesegelt. Es war unvorstellbar. Meine Patrouille wurde Hals über Kopf rausgeschickt, um das Kraftwerk abzusperren. Nach einer Stunde wurde uns allen schlecht. Niemand sagte etwas davon, dass Radioaktivität ausgetreten ist. Wir haben dort bis zum Morgen gestanden, dann durften wir nach Hause. Ich wollte eigentlich mit meiner Frau und meinem Kind feiern, denn der 26. April ist mein Geburtstag. Es war mein Geschenk, dass ich bis heute überlebt habe.“

26.-28. April: Der Reaktorkern glüht bei 2000 Grad Celsius

Die „Atomstation Wladimir Iljitsch Lenin in Tschernobyl“, wie der offizielle Name lautet, weist zahlreiche Konstruktionsmängel auf. Als verheerend erweist sich, dass der Reaktor brennbares Graphit enthält. Nach der Explosion glüht der radioaktive Kern deshalb bei Temperaturen über 2000 Grad Celsius tagelang unter freiem Himmel weiter. Die Katastrophe setzt 200 Mal so viel Radioaktivität frei wie die Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki zusammen. Die Sowjetführung beordert Militär an die Unglücksstelle.

 

 

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Andrei Misko

Andrei Misko (51), ukrainischer Armeepilot: „Wir bekamen die Nachricht von der Explosion am 27. April und wurden kurz darauf abkommandiert. Ich flog einen MI-6-Hubschrauber. Wir warfen direkt über dem offenen Reaktorkern ein Gemisch aus Sand, Dolomit und Blei ab, um die radioaktive Verseuchung einzudämmen. Sie haben uns im Cockpit ein Bleikissen unter den Hintern geschoben – das war alles. Elf Mal bin ich geflogen. Von den Soldaten, die dort im Einsatz waren, lebt heute noch ein Viertel. Es war ein Todeskommando.“

28. April-1. Mai: Das Schweigen der Sowjetführung

Die Menschen in der UdSSR, die nicht direkt am Unglücksreaktor leben, erfahren zunächst nichts von dem GAU. Erst als am 28. April schwedische Kernphysiker eine deutlich erhöhte Strahlung messen, bestätigt Moskau eine „Havarie in Tschernobyl“, wie es ab sofort verharmlosend heißt. Der GAU soll ein Staatsgeheimnis bleiben – noch herrscht schließlich Kalter Krieg. Doch die radioaktive Wolke breitet sich über weite Teile Europas aus und löst dort Angst und hektische Betriebsamkeit aus. Der Kreml dagegen schweigt und lässt auch in dem verseuchten Gebiet rund um Tschernobyl am 1. Mai die traditionellen Paraden zum Tag der Arbeit abhalten, als sei nichts geschehen.

Aus dem Protokoll einer Sitzung des Politbüros der KPdSU vom 29. April 1986 unter Leitung von Generalsekretär Michail Gorbatschow, der vorschlägt: „Wenn wir die Öffentlichkeit informieren, sollten wir sagen, dass das Kraftwerk gerade renoviert wurde, damit kein schlechtes Licht auf unsere Technik fällt.“

Schanna Filonenko (53), weißrussische Anwohnerin: „Wir lebten damals in Narowlja, 60 Kilometer von Tschernobyl entfernt. Erst viel später habe ich erfahren, dass über dem Ort ein Plutoniumregen niederging. Kein Wort haben sie uns gesagt. Am 1. Mai nahmen alle ihre Kinder mit zur Parade. Sie standen mitten im radioaktiven Staub. Ich kann es bis heute nicht mit ansehen, wenn Kinder im Sand spielen. Am 4. Mai floh meine Mutter mit meinen beiden Jungs nach Minsk, aber es war zu spät. Mein älterer Sohn Pawel war zu stark verstrahlt. Er ist seitdem geistig behindert.“

4. Mai: Die Todeszone

Die Sowjetführung entschließt sich zur Einrichtung eines Sperrbezirks im Umkreis von 30 Kilometern um den Katastrophenreaktor. Fast 100.000 Menschen müssen ihre Heimat für immer verlassen. Rund eine halbe Million Umsiedler aus den angrenzenden Regionen folgt ihnen später. Das Gebiet um Tschernobyl nennen sie nur noch die Todeszone.

Zoja Trofimtschik (49), Direktorin des staatlichen weißrussischen Tschernobyl-Informationszentrums und erklärte Befürworterin der Atomenergienutzung: „Ich weiß nicht, ob unsere Führung damals Fehler gemacht hat. Das sagt sich so leicht, 25 Jahre später. Es ist uns gelungen, Zehntausende Menschen aus den kontaminierten Gebieten zu retten. Und wir haben in dem Kampf gegen die Folgen der Katastrophe nicht eine Minute lang nachgelassen. Heute sprechen viele von der Todeszone, selbst wenn sie die entfernteren Regionen meinen, in denen hunderttausende Menschen leben. Das ist keine Zone. Das ist unsere Heimaterde.“

Mai-Juli: Angst vor der Apokalypse

Der geschmolzene Nuklearbrennstoff glüht weiter. Eine neuerliche Explosion ist lange Zeit nicht auszuschließen. Sie hätte noch katastrophalere Folgen als der erste GAU. Die Liquidatoren treiben einen Tunnel unter den Reaktorkern, um ihn mit Stickstoff kühlen zu können. Anschließend beginnen sie mit dem Bau einer Stahlbetonhülle – der berühmte Sarkophag entsteht.

 

Wladimir Gudow

Wladimir Gudow (55), ukrainischer Liquidator:„Ich war im Sommer 1986 stellvertretender Kommandeur des Spezialbataillons 731. Unsere Aufgabe war es unter anderem, den Reaktorkern zu kühlen. Dort herrschten noch immer 1300 Grad Celsius. Das ist eine kritische Temperatur. Obendrauf lastete das abgeworfene Blei, und Druck erzeugt bekanntlich Hitze. Wäre es zu einer zweiten Explosion gekommen, wäre im Umkreis von Hunderten von Kilometern alles Leben ausgelöscht worden. 40 Millionen Menschen wären umgekommen. Das wäre wie bei einem Atomkrieg gewesen, eine Tragödie für den Planeten. Das haben wir verhindert. Aber Helden waren wir nicht. Wir haben nur unsere Pflicht getan. Es war ein Krieg in Friedenszeiten.“

19. Juli: Bilanz einer Katastrophe

Der Kreml beziffert die Zahl der „Havarie-Opfer“ auf 28 Tote und 208 Verletzte. Bis heute dauert der Streit um die Schreckensbilanz der Katastrophe an. Die Internationale Atomenergiebehörde spricht von 4000 Todesfällen als Folge des GAUs. Kritiker machen eine andere Rechnung auf. Sie berücksichtigen Krebserkrankungen, Säuglingssterben, genetische Schäden und auch psychische Leiden. Demnach sind mehrere Zehntausend Tschernobyl-Tote und Hunderttausende, wenn nicht Millionen Erkrankte zu beklagen.

 

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Angelina Njagu

Angelina Njagu (70), ukrainische Nuklearmedizinerin und Präsidentin der Nichtregierungsorganisation Ärzte von Tschernobyl:„Die Regierung hat mich 1986 zur Behandlung der Tschernobyl-Opfer abgeordnet. Zuerst starben die Liquidatoren, an der akuten Strahlenkrankheit. Dann traf es die Kinder, deren Abwehrsystem schwach ist. Tausende von ihnen erkrankten an Schilddrüsenkrebs. Aber Radioaktivität macht weder im Raum noch in der Zeit halt. Was die Erbschäden bewirken, wissen wir noch nicht. 17 Länder Europas waren betroffen. Bis heute ist ein Viertel des weißrussischen Staatsgebietes verstrahlt. Der Boden ist auf Jahrzehnte hinaus mit Cäsium 137 verseucht. Die Region um Tschernobyl ist der dreckigste Flecken Erde auf der Welt.“

Sommer/Herbst: Die „Wiedergeburt der Heimaterde“ beginnt

Der Kreml startet eine Kampagne zur „Beseitigung der Tschernobyl-Folgen“, die später in das weißrussische Programm „Wiedergeburt der Heimaterde“ übergeht. Ab dem Sommer 1986 schickt die Sowjetführung mehr als 600.000 weitere Liquidatoren in die verstrahlten Gebiete, um das Leben außerhalb der 30-Kilometer-Zone in geregelte Bahnen zu lenken – als sei nichts geschehen.

Anna Jemeljantschuk (44), weißrussische Liquidatorin: „1986 war ich 19 Jahre alt und in der sowjetischen Jugendorganisation Komsomol aktiv. Ich arbeitete als Verkäuferin. Der Komsomol-Leiter kommandierte mich nach Tschernobyl ab. Mich haben sie in diese Hölle geschickt, um ein Kaufhaus wieder in Betrieb zu nehmen! Warum ich in die Zone gegangen bin? Ich war jung und naiv und stolz darauf, dass der Komsomol mich in den Einsatz geschickt hat. Später bekam ich zwei Töchter. Ihr Erbgut ist geschädigt. Bei der Älteren ist das Immunsystem kaputt. Sie ist oft krank. Die Jüngere bekam mit acht Jahren ihre erste Periode – vorzeitige Geschlechtsreife.“

Epilog: Tschernobyl – Albtraum ohne Ende

Im November 1986 stellen die Liquidatoren den Sarkophag fertig. Bis heute verschließt die brüchige Stahlbetonhülle das radioaktive Erbe der Sowjetunion. Das Imperium selbst zerfällt schneller. Im Zeichen von Perestroika und Glasnost wird der GAU von Tschernobyl zum Fanal des Untergangs. Doch für die Menschen in den verstrahlten Gebieten Weißrusslands und der Ukraine ist der atomare Albtraum noch nicht zu Ende. Das Plutonium 239, das die Reaktorexplosion freigesetzt hat, hat eine Halbwertszeit von mehr als 24.110 Jahren.

Nadeschda Drosdik (40), weißrussische Umsiedlerin: „Ich habe meine Heimat in der Zone vor einigen Jahren verlassen und bin in den radioaktiv weniger belasteten Westen des Landes gezogen. Aber das Echo der Katastrophe hallt auch hier jeden Tag nach. Viele Umsiedler haben ihre Söhne und Töchter bereits verloren. Bei uns sterben die Menschen jung. Und jetzt will unser Präsident Alexander Lukaschenko ein neues Atomkraftwerk bauen, 80 Kilometer von hier entfernt. Tschernobyl war auch 80 Kilometer von meinem Heimatort entfernt.“

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