Die Strahlenjäger

25 Jahre nach Tschernobyl kämpfen unbeugsame Wissenschaftler in Weißrussland gegen das staatliche Schweigekartell an, das die Nuklearkatastrophe noch immer umgibt.

Bequemer kann man die Wahrheit über eine tödliche Bedrohung nicht erfahren. Im Strahlensessel des Instituts Belrad ließe sich ohne Weiteres ein gemütlicher Fernsehabend verbringen. Doch hier, am Rande der weißrussischen Hauptstadt Minsk, ist der Krimi Alltag und Realität. Der Sessel misst die Radioaktivität, die von Menschen ausgeht. Ein angeschlossener Computer schlüsselt die Verteilung der strahlenden Nuklide im Körper auf. Die Untersuchung dauert drei Minuten. Zu spüren ist nichts. Danach aber weiß die Testperson, wie viel Cäsium 137 oder Radium 226 sie in sich trägt – und wie stark die lebenszerstörende atomare Energie dieser Teilchen ist.

Der Sessel, im Fachjargon Spektrometer genannt, ist nur eines der Hilfsmittel, mit denen die Strahlenjäger aus Minsk ihrem unsichtbaren Feind die Tarnung entreißen. „Wir wollen die Menschen aufklären, nur so ist Hilfe möglich“, beschreibt Alexej Nesterenko die Mission der Belrad-Forscher. 25 Jahre nach dem GAU von Tschernobyl ist noch immer ein Viertel des weißrussischen Staatsgebietes radioaktiv verseucht, vor allem mit Cäsium 137.

„In diesen Regionen im Südosten des Landes wohnen zwei Millionen Menschen“, erläutert Nesterenko und breitet mehrere Karten auf dem Tisch aus, die in abgestuften Rottönen die Strahlenbelastung der Böden zeigen. „Über die tödliche Bedrohung, mit der sie Tag für Tag leben, wissen die Leute meist wenig. Unser Staat hat kein Interesse an allzu viel Information.“

Tatsächlich hat die Regierung in Minsk das Projekt „Wiedergeburt der Heimaterde“ aus der Taufe gehoben und verkündet stolz den „Sieg über Tschernobyl“. Soeben hat Präsident Alexander Lukaschenko zudem den Bau eines ersten eigenen weißrussischen Atomkraftwerks unter Dach und Fach gebracht. Staatliche Aufklärung über radioaktive Gefahren könnte da nur hinderlich sein.

Der Kampf gegen diese „Mauern der Ignoranz“, den sich Nesterenko und seine Mitstreiter auf die Fahnen geschrieben haben, dauert bereits seit einem Vierteljahrhundert an. Der 37-jährige Alexej führt das Werk seines 2007 verstorbenen Vaters fort, des Institutsgründers Wassili Nesterenko. Der Nuklearforscher gehörte nach der Reaktorexplosion in Tschernobyl zu jener Hand voll mutiger Wissenschaftler, die das Schweigekartell der Sowjetführung aufbrechen wollten. Sie richteten auf eigene Faust öffentlich zugängliche Messstellen ein und informierten die Bevölkerung aus erster Hand über die Strahlengefahr.

Die Leitung der Akademie der Wissenschaften setzte Nesterenko daraufhin vor die Tür. „Man warf mir Panikmache vor“, berichtete er später und schilderte eindringlich den im Apparat vorherrschenden Zynismus jener Zeit: „Sie sagten zu mir: Du verstehst das politische Moment nicht. Was ist, wenn wir die Menschen in der Nähe von Tschernobyl evakuieren, und es stellt sich heraus, dass es umsonst war?“

Seine Degradierung kümmerte den Vorkämpfer der weißrussischen Strahlenjäger wenig. Mit Unterstützung des russischen Atomphysikers und Friedensnobelpreisträgers Andrej Sacharow gründete Wassili Nesetrenko nach jahrelanger Graswurzelarbeit 1990 das Institut Belrad, wobei Bel- für Belarus/Weißrussland steht und -rad für Radiazija/Strahlung. Auf staatliche Hilfe müssen die unabhängigen Forscher allerdings bis heute verzichten.

Die Belrad-Zentrale ist in einem einfachen Wohnhaus am Rande von Minsk untergebracht. Im Keller hat sich Wladimir Okulitsch seinen Arbeitsplatz eingerichtet. Die Werkbank ähnelt dem Basteltisch eines Hobby-Elektrikers. Dort lötet und schraubt Okulitsch Dosimeter und Detektoren zusammen, mit denen sich die Strahlung von Böden, Nahrungsmitteln und Trinkwasser messen lässt. Alle Geräte, mit deren Hilfe die rund zwei Dutzend Belrad-Aktivisten an ihr aufklärerisches Werk gehen, entstehen in Eigenproduktion in mühsamer Kleinarbeit.

Besonders stolz sind Alexej Nesterenko und seine Mitstreiter auf ihre „mobilen Einsatzkommandos“, zwei zu Laboratorien umgebaute Rettungswagen des Roten Kreuzes. Darin transportieren die Helfer ihre Strahlensessel und Radiometer in die mit Cäsium 137 verseuchten Gebiete im Südosten Weißrusslands, ohne sich selbst zu schonen.

„Wir besuchen vor allem Schulen und Kindergärten“, sagt Nesterenko und erklärt: „Körper im Wachstum sind besonders anfällig für Radioaktivität. Also setzen wir die Kleinen auf unseren Sessel und messen. Wer die schlechtesten Werte hat, den vermitteln wir in Programme der internationalen Tschernobyl-Hilfe.“ Die Erfolge sind beeindruckend. Um rund 40 Prozent nimmt die Strahlenbelastung der Kinder, die behandelt werden können, durchschnittlich ab.

Mitunter aber gleicht der Einsatz der Strahlenjäger einem Kampf gegen Windmühlen. „Manchmal stoßen wir auch bei den Betroffenen selbst auf Mauern der Ignoranz“, berichtet Nesterenko. „Die Radioaktivität ist ihr Alltag, also verdrängen sie die Gefahr.“ Das bestätigt ungewollt die 13-jährige Julia, die dank Belrad aus den verseuchten Gebieten in ein Sanatorium nördlich von Minsk gebracht wurde. Sie versteht die ganze Aufregung nicht. „Dieses Gerede von Tschernobyl interessiert mich nicht“, sagt sie gelangweilt. Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „Dieser Strahlensessel ist nicht schlecht. Und die Disco hier, die ist auch ganz gut.“

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