Schmerz, lass nach!

In Warschau sind einige Krankenschwestern in den Hungerstreik getreten, um gegen die Zustände im polnischen Gesundheitssystem zu protestieren. Doch der Pfleger Leid ist mitunter der Patienten Freud.

Warum nur kommen Schmerzen so oft am Abend, wenn Dunkelheit und Verzweiflung nah, Ärzte aber meist fern sind? Mich trieb kürzlich ein quälendes Pochen unter einem Backenzahn aus meinem Bett auf die Straßen Warschaus. Auf der Suche nach Behandlung wurde ich erstaunlich schnell fündig. Eine junge Zahnärztin empfing mich zur Nacht-Sprechstunde, und der Schmerz schwand schnell. Den flexiblen polnischen Medizinern, die einem Notleidenden wie mir auch um 22 Uhr noch Hilfe bieten, sei Dank!

Mein Loblied auf das polnische Gesundheitssystem erklänge noch lauter, wären da nicht die Nachrichten vom Tage. Zwei Dutzend Krankenschwestern haben den Sejm, das polnische Parlament, besetzt und sind in einen Hungerstreik getreten. Sie protestieren gegen die Ausbeutung durch skrupellose Klinikdirektoren. Denen erlaubt es das geltende Recht, Pflegekräfte quasi als Söldnertruppe im Auftragsdienst anzuheuern. Für ihre Sozialversicherung müssen die Schwestern selbst sorgen. Überstunden sind die Regel, die Bezahlung ist gering. Sprich: die reine Ausbeutung.

Gewerkschafter klagen, derartige Zustände gebe es in keinem anderen EU-Land. Das mag so sein, und meine Solidarität gilt den streikenden Frauen. Die Krankenhaus-Bosse dagegen argumentieren mit einer größeren Flexibilität bei der Patientenversorgung. Theoretisch ist das ein ebenso armseliger wie ärgerlicher Ansatz. In der Praxis aber hat die verfluchte Flexibilität – wie geschildert – auch ihre Vorteile.

Tatsächlich bietet das polnische Gesundheitssystem seinen „Kunden“ viele Vorzüge. Natürlich findet sich auch in Deutschland im Notfall irgendwo ein diensthabender Doktor, der eine schmerzende Zahnwurzel ruhigstellt. In Polen aber bieten Ärzte eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung als Standard an. Wer sich wie ich bei meiner Zahnärztin zur Geisterstunde in der Praxis einfindet – bitte sehr, er ist willkommen.

All das hat natürlich seinen Preis. Meine Wurzelbehandlung habe ich bar bezahlt. Polen ist ein Land der Mehrklassenmedizin, frei nach dem Motto: „Wer hat, dem wird gegeben.“ Und dass die Situation auf dem Lande eine völlig andere ist als in Warschau, das ist auch wahr. In manchem polnischen Dorf mangelt es an der Grundversorgung. Vieles ist unerträglich. Und doch ruft die Erinnerung an das bis in die feinsten Verästelungen der Kassenverwaltung durchbürokratisierte deutsche System bei mir einen angenehmen Effekt hervor: Der Schmerz an den polnischen Missständen lässt schnell nach.

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