Ein nie endender Albtraum

In Japan zählt im Kampf gegen die radioaktive Verseuchung derzeit jede Stunde. Wer nicht rechtzeitig aus der Gefahrenzone flieht, dem drohen schwere gesundheitliche Schäden. Kaum jemand weiß dies besser als die Weißrussin Schanna Filonenko. Sie hat nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl 1986 mit ihren Kleinkindern in der Todeszone gelebt.

Der Feind der ersten Stunde heißt Jod-131. Das nukleare Spaltprodukt verflüchtigt sich zwar innerhalb weniger Tage. Doch kommt Jod-131 mit dem Menschen in Berührung, nistet es sich in der Schilddrüse ein. Dort lässt es Krebszellen wuchern oder zerstört das Hormonsystem und schädigt so das Hirn. Vor allem Kinder sind dem unsichtbaren Angreifer schutzlos ausgeliefert. Kinder wie Pawel Filonenko.

Viereinhalb Jahre alt war der weißrussische Junge, als in 60 Kilometer Entfernung von seinem Heimatort Naroulja der Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl explodierte. Mehr als 50 Tonnen hoch radioaktiver Stoffe verseuchten die angrenzenden Gebiete, darunter Jod-131, das nun auch im japanischen Unglücks-AKW Fukushima ausgetreten ist.

Wenn sich Pawel Filonenko an seine Mutter Schanna schmiegt, wird schnell klar, dass der 30-Jährige bis heute ein Kind geblieben ist. „Das Jod ist schuld“, sagt Schanna und erklärt: „1900 Becquerel haben die Ärzte noch zehn Tage nach der Havarie in Pawels Schilddrüse gemessen.“ 1900 Becquerel oder 1900 zerfallende Atomkerne pro Sekunde. Übersetzt heißt das: In dem haselnussgroßen Organ in Pawels Körper liefen in den ersten Wochen nach der nuklearen Verseuchung mehr als eine Milliarde radioaktive Prozesse ab. „Pawel ist ein Atom-Invalide“, sagt Schanna – ein Schicksal, vor dem die Menschen in Japan derzeit fliehen.

Die Filonenkos wohnen in einem verfallenen Häuserblock am Rande der weißrussischen Hauptstadt Minsk. Sechs Personen teilen sich die drei kleinen Zimmer, denn Schannas zweiter Sohn mit seiner Frau und den beiden Kleinkindern ist auch hier untergekommen. Im Bücherregal lehnt ein Foto von Schannas verstorbenem Ehemann. „Er ist anderthalb Jahre nach der Havarie gestorben. Sie haben das aber nicht mit Tschernobyl in Verbindung gebracht“, erzählt die 50-Jährige

Schanna spricht noch immer im alten sowjetischen Sprachgebrauch verharmlosend von „der Havarie“, wenn sie die Atomkatastrophe meint. Gegen die Albträume, die nachts kommen, hilft das nicht. Immer wieder kehrt sie zu diesem einen Punkt zurück: „Ich kann nicht verstehen, dass sie uns kein Sterbenswort gesagt haben, als die Havarie passierte“. Mit „sie“ meint Schanna die sowjetische Staats- und Parteiführung um Michail Gorbatschow. Eine Woche lang lebten die Menschen in Naroulja, als sei nichts geschehen.

Am 1. Mai, fünf Tage nach der Katastrophe, ließ die KPdSU die Parade zum Tag der Arbeit abhalten – und radioaktiven Staub aufwirbeln. „Alle nahmen ihre Kinder mit“, erzählt Schanna, die es später jahrelang nicht ertragen konnte, wenn ihre Jungs auf der Straße spielten. „Ich hatte den Frühling immer so geliebt. Nun begann ich ihn zu fürchten, weil die Kinder dann raus wollten. Aber da lauerte im Sand die Radioaktivität. Ein Albtraum!“

Erst Anfang Mai sickerten in Naroulja die Nachrichten von der Atomkatastrophe durch. Am 4. Mai, neun Tage nach der Explosion, schickte Schanna ihre Kinder zu Verwandten in die weniger verstrahlte Hauptstadt Minsk. Zu spät für Pawel. Das Jod-Isotop 131 hatte sein zentrales Nervensystem bereits dauerhaft geschädigt. Dennoch lebte die Familie weitere fünf Jahre in der verseuchten Zone nahe Tschernobyl. „Wir konnten nicht einfach gehen. Wir lebten in der Sowjetunion“, sagt Schanna voller Verbitterung und fügt resigniert hinzu: „Vielleicht hätten wir nach Sibirien fliehen sollen.“

Ein Ende hat der Schrecken bis heute nicht. Noch immer ist ein Viertel Weißrusslands verstrahlt, vor allem mit Cäsium 137 und Strontium 90, jenen radioaktiven Stoffen, die jetzt auch im japanischen Fukushima freigesetzt wurden. Viele Lebensmittel sind gefährlich belastet – vor allem Waldfrüchte und Pilze, aber auch Milch und Fisch. „Du weißt nie, ob du saubere Produkte bekommst“, sagt Schanna. „Selbst an staatlichen Verkaufsstellen mischen sie Lebensmittel aus der verstrahlten Zone darunter.“

„Die Havarie“ prägt das Leben der Filonenkos, und dies nicht nur, weil Pawel als ewiges Kind beständige Fürsorge braucht. „Wenn ich mit alten Bekannten aus Naroulja spreche, heißt es immer nur: Der ist tot und jener ist gestorben und die lebt nicht mehr“, sagt Schanna und fügt nachdenklich hinzu: „25 Jahre ist das her, aber ich denke immer, es sei gestern gewesen.“ Wenn sie erzählt, sind die Bilder sofort wieder da. Pawel und sein Bruder mit dem bunten Ball auf dem Spielplatz, mitten im tödlichen Staub. „Es fällt mir schwer, über all das zu sprechen“, sagt Schanna. „Vor allem, weil ich ein krankes Kind habe, das 30 Jahre alt ist.“

Erschienen in „Leipziger Volkszeitung” (16. März 2011)

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