Das Denken der Anderen

Die Nuklearkatastrophe in Japan hat die Atomlobby in Deutschland in Bedrängnis gebracht. Andernorts ticken die Uhren anders.

Über Deutschland rollt dieser Tage ein Bilder- und Nachrichten-Tsunami hinweg, der die Nation in einen Schockzustand versetzt. Die Erdbeben- und Atom-Katastrophe in Japan ereignet sich – gefühlt – nicht am anderen Ende der Welt, sondern in unseren Wohnzimmern. Das hat eine erfreuliche und eine bedenkliche Konsequenz.

Zunächst die gute Nachricht: Niemand kommt hierzulande mehr an der Erkenntnis vorbei, dass die Nutzung der Atomenergie eine Hochrisikotechnologie ist. Kanzlerin Merkel wird es nicht dabei belassen können, die Laufzeitverlängerung auszusetzen, will sie nicht dauerhaft alle Wahlchancen der Koalitionsparteien verspielen.

Doch der Schock in Deutschland macht auch blind für die Wirklichkeit. Die Wahrnehmung und die Erkenntnislage in vielen Regionen der Welt ist eine gänzlich andere als in der Bundesrepublik. Das beginnt bei den direkten Nachbarn. In Frankreich  muss wahrscheinlich erst ein eigener Reaktor hochgehen, bevor in der AKW-begeisterten Nation Zweifel an der Kernenergienutzung aufkommen. Und in Polen stellt dieser Tage kaum jemand die Pläne der Regierung in Frage, ein erstes eigenes Atomkraftwerk zu bauen.

Doch damit ließe sich vermutlich leben. Verheerend ist, was sich weiter östlich abspielt. Der weißrussische Diktator Alexander Lukaschenko will endlich seinen eigenen Meiler. Den wird ihm Russland bauen. So haben es beide Staaten jetzt beschlossen, während in Japan der GAU droht. Doch das interessiert Lukaschenko nicht. Es interessiert ihn auch nicht, dass die Reaktoren, die ihm der große Bruder liefern will, nicht ausreichend getestet sind – und das 25 Jahre nach der Tschernobyl-Katastrophe! Ein Viertel des weißrussischen Staatsgebietes ist bis heute radioaktiv verseucht.

Russland selbst plant zwei Dutzend neue Atommeiler. Auch China denkt nicht daran, von der Kernkraft abzulassen. Wir Deutschen täten gut daran, uns diese andere Wirklichkeit immer wieder vor Augen zu führen, bevor wir das Ende des nuklearen Zeitalters ausrufen. Im Denken der Anderen sind wir es, die mit unserer „German Angst“ maßlos übertreiben.

Dies sollte uns gleichwohl nicht davon abhalten, das Richtige zu tun. Schaltet Deutschland seine Reaktoren ab, wird dies zwar keine globale Energierevolution auslösen. Doch steter Tropfen höhlt den Stein. Orientierungsmarke und Vorbild könnte Deutschland sein, dass es auch ohne Atomkraft geht.

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