Atomstation im Naturparadies

25 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl will der weißrussische Diktator Alexander Lukaschenko einen neuen Risikoreaktor bauen.

 

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Naturparadies Sarotschansker Seen (Foto: Pastuchow)

Igor Pastuchow ist entsetzt. Überrascht ist er nicht. „Ich habe es gesagt: Wenn die Erde bebt, sind Atomreaktoren nicht sicher“, zitiert sich der weißrussische Kernkraftgegner selbst. Ausgesprochen hatte er den Satz, kurz bevor sich in Japan die Erde auftat und das Land auf den Abgrund eines nuklearen GAU zusteuerte.

Pastuchow hat Recht behalten. Doch das ist alles andere als ein Grund zur Genugtuung für den Mann, dem sein Präsident Alexander Lukaschenko ein Atomkraftwerk vor die Haustür stellen will – 25 Jahre, nachdem die Reaktorkatastrophe im benachbarten ukrainischen Tschernobyl Weißrussland heimgesucht hat. Bis heute ist ein Viertel des Staatsgebietes radioaktiv verseucht.

Lukaschenko und der russische Regierungschef Wladimir Putin vereinbarten am Dienstag den Bau zweier Reaktoren des bislang nicht erprobten Typs NPP-2006. „Wir realisieren Anlagen der allerneuesten Generation, deshalb sind diese Reaktoren um ein Vielfaches sicherer als jene in Japan“, behauptet Putin. Entstehen soll die Atomstation, wie der russische Fachausdruck lautet, in Ostrowez im Nordwesten Weißrusslands. Die Grenze zu Litauen ist dort nicht weit. Noch näher aber liegt der Nationalpark Sarotschansker Seen.

 

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Igor Pastuchow

Igor Pastuchow ist in dem Gebiet aufgewachsen, das kaum größer ist als die Nordseeinsel Sylt. „Ich bin ein Kind der Wildnis“, sagt der 45-Jährige, der zu jeder Tageszeit und selbst bei einem Besuch in der Hauptstadt Minsk Tarnkleidung trägt. Über „sein“ Reservat und sein Leben dort spricht Pastuchow, als sei es das Paradies auf Erden. „Das Wasser unserer Seen ist rein wie Quellwasser. Diese Natur ist etwas Göttliches. Deshalb mag ich es nicht, wenn jemand Müll in unsere Seen wirft oder daneben eine Atomstation baut. Beides ist ein Verbrechen.“

Kurze viereinhalb Monate war der gelernte Forstwirt als Nationalpark-Direktor so etwas wie der Herr über die Sarotschansker Seen mit ihren verwunschenen Inseln und dem unberührten Urwald. Dann rollten die Bagger und Planierraupen an, um sechs Kilometer vom Paradies entfernt den Boden für Lukaschenkos Atomstation zu bereiten. Pastuchow protestierte – und verlor seinen Job.

Anfangs hatte er als Park-Direktor noch ein offizielles Gesuch an die Regierung gerichtet. Er berief sich auf den Beschluss Nr. 822 des Ministerrates der Republik Weißrussland über die Einrichtung des Reservats Sarotschansker Seen aus dem Jahr 1998. Dort heißt es: „Um die einzigartige Natur des Gebiets mit seinen bedrohten Pflanzen- und Tierarten zu bewahren, sind alle Arbeiten in dem Landschaftspark verboten, die einen Eingriff in die Umwelt darstellen.“ Pastuchow fragt: „Ist der Bau einer Atomstation kein Eingriff in die Natur?“

Lukaschenko interessierte es wenig, dass seine Reaktoren gegen das Gesetz verstoßen könnten. Also unterschrieb Pastuchow einen offenen Brief gegen die AKW-Pläne. „Da haben sie mich von einem Tag auf den anderen gefeuert“, erzählt der Vater zweier Kinder und muss schlucken. Der jüngere Sohn ist erst zwei Jahre alt, der ältere zehn. Doch der Naturschützer fügt hinzu: „Mir war bewusst, was ich tue, als ich in diesen Konflikt gegangen bin.“

Pastuchow ist einer der entschlossensten Gegner der Atomstation. „Ich habe keine Angst“, sagt er, „denn ich habe eine tiefe Beziehung zu Gott.“ Aber auch in seinem irdischen Widerstand ist er nicht allein. Der russische Nuklearphysiker Andrei Oscharowski etwa verbrachte sieben Tage in einem weißrussischen Gefängnis, weil er auf Flugblättern die Technik der NPP-2006-Reaktoren kritisiert hatte.

In der Nähe von Sankt Petersburg und im zentralrussischen Nowoworonesch befinden sich zwar bereits Atomkraftwerke desselben Typs im Bau. Doch „weder das ganze Projekt noch seine Einzelteile sind bislang ausreichend darauf hin geprüft worden, ob sie in der Praxis funktionieren“, sagt Oscharowski und erläutert: „Die Pumpen, eine Schwachstelle in jedem AKW, sind auf eine Haltbarkeit von 7000 Stunden getestet. Die Entwickler garantieren aber eine Laufzeit von 70.000 Stunden!“ Das Fazit des Physikers ist eindeutig: „Russland experimentiert in Ostrowez mit einer unbekannten Technologie.“

Zoja Trofimtschik kann daran nichts Schlechtes finden. Die Leiterin des Weißrussischen Informationszentrums zur Überwindung der Tschernobyl-Katastrophe hat einen Auftrag zu erfüllen. Sie ist angetreten, um den „Sieg über Tschernobyl“ zu verkünden. Trofimtschiks Institut gibt die Monatsschrift „Wiedergeburt der Heimaterde“ heraus und bereitet so den Boden für die neue Energiepolitik ihres Präsidenten Alexander Lukaschenko.

Die Kernkraft spielt darin eine zentrale Rolle. Bislang ist das rohstoffarme Weißrussland zu mehr als 90 Prozent auf den Import von Erdgas und Öl aus Russland angewiesen. Das soll nun anders werden – mithilfe der Atomenergie. „Warum auch nicht?“, fragt Zoja Trofimtschik und wehrt alle denkbaren Einwände mit dialektischer Finesse ab: „Ihr Deutschen verlängert die Laufzeiten eurer alten Reaktoren um ein Dutzend Jahre. Und wir dürfen kein nagelneues Kraftwerk bauen? Das verstehe, wer will.“ Im Übrigen sei die Entscheidung gefallen. Punkt.

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Ein Bagger bereitet den Boden für Weißrusslands neues Atomkraftwerk.

Atomkraftgegner wie Pastuchow und Oscharowski dagegen begreifen Lukaschenkos wirtschaftlichen und politischen Ansatz nicht. „Das Regime macht sich doch noch abhängiger von Russland, als es dies durch den Öl- und Gasimport ohnehin schon ist“, betonen sie im Gleichklang der Worte. Die Atomstation kostet nach heutigen Prognosen neun Milliarden US-Dollar. Das Geld muss sich Lukaschenko von Russland leihen. Und auch das Spaltmaterial soll der „große Bruder“ im Osten liefern.

Mit dem Westen hatte sich der seit bald 17 Jahren mit eiserner Faust regierende Lukaschenko nach der gefälschten Präsidentenwahl im Dezember endgültig überworfen. Der „letzte Diktator Europas“, wie ihn seine Kritiker nennen, hatte regimekritische Demonstranten niederknüppeln lassen. Die EU und die USA verhängten daraufhin Sanktionen. Dennoch rätseln Beobachter, warum sich Lukaschenko derart an den Kreml kettet – hatte er doch mit Moskau zuvor diverse „Kriege“ um Gaspreise und Transitgebühren geführt.

Igor Pastuchow hat eine einfache Erklärung für diesen „völligen Nonsens“, wie er es nennt. „Einige wenige Leute verdienen sich an dem Projekt eine goldene Nase“, sagt er. „Bei uns im Staatsapparat sowieso, aber auch in Russland.“ Pastuchow lässt den Namen Sergej Kirijenko fallen. Der Leiter der russischen Atombehörde Rosatom ist ein enger Vertrauter von Wladimir Putin. Eine weitere Spur im Dschungel des russischen Staatskapitalismus führt zum Energieriesen Gasprom. Dessen konzerneigene Investmentbank ist zu 49,8 Prozent an dem Petersburger AKW-Entwickler Atomstrojexport beteiligt, der das Kraftwerk in Ostrowez in nur fünf Jahren Bauzeit aus dem Boden stampfen soll.

Gäbe es Alternativen? Lukaschenko sieht sie nicht oder will sie nicht sehen. Demonstriert hat er dies am Exempel des Dorfes Druschnaja, das sich 80 Kilometer südlich vom Bauplatz der Atomstation Ostrowez in eine sanfte Hügellandschaft bettet. Auf einer Anhöhe recken sich zwei Windkraftanlagen in den Himmel. Es sind die beiden einzigen Installationen dieser Art in ganz Weißrussland.

Druschnaja ist nicht irgendein Dorf. Rund 170 Menschen leben in dem Ort, allesamt sogenannte Umsiedler. Nach 1986 hatten sie noch einige Jahre lang in der radioaktiv verseuchten Region rund um den explodierten Kernreaktor von Tschernobyl verbracht. Dann verließen sie ihre Heimat und errichteten mit Unterstützung deutscher Hilfsorganisationen im weniger verstrahlten Westen des Landes das Dorf, dessen Name so viel wie Freundschaft heißt.

Druschnaja ist nach ökologischen Prinzipien gebaut. Im Keller des Gemeindehauses bollert eine Holzpellet-Heizung, die aus Lehm gefertigten Häuser verfügen über eine spezielle Dämmung, und auf den vorgelagerten Hügeln drehen sich die Rotorblätter im Wind. „Hilfe vom Staat haben wir nicht bekommen“, erinnert sich die 40-jährige Nadeschda Drosdik, die so etwas wie die gute Seele von Druschnaja ist. Schließlich erklärten sich deutsche Unternehmen bereit, das Windenergie-Projekt zu sponsern.

Doch das ging schief. „Sie haben uns eine Anlage geliefert, die für den Betrieb in Küstennähe ausgelegt war“, erzählt Nadeschda. Im Landesinnern aber erzeugte Weißrusslands erstes Windrad deutlich weniger Strom als versprochen. Lukaschenko frohlockte. „Seht ihr, es funktioniert nicht!“, habe der Staatschef damals gejubelt und das Thema erneuerbare Energien ein für alle Mal zu den Akten gelegt, berichtet Nadeschda.

Naturschützer Igor Pastuchow, der um den Erhalt seiner Sarotschansker Seen kämpft, erklärt diese Verweigerungshaltung mit einer bei Lukaschenko tief verwurzelten Sowjetideologie. „Ich fühle mich manchmal wie in einer Zeitmaschine, die uns ein Vierteljahrhundert zurückkatapultiert“, sagt er. „Damals haben sie die Atomstationen des Landes in Gedichten besungen“, erinnert sich Pastuchow. Lukaschenko selbst macht keinen Hehl daraus, dass er das Ende der UdSSR bis heute für eine Katastrophe hält. „Das war ein historisches Verbrechen“, sagt der Diktator.

Im Dorf Druschnaja dagegen erinnern sich die Bewohner vor allem an die Schattenseiten der Sowjetzeit. Die Tragödie ihres Lebens trägt den Namen Tschernobyl. „Das Echo der Katstrophe hallt hier jeden Tag nach“, sagt Nadeschda. In der Fachwelt ist bis heute umstritten, wie dramatisch die gesundheitlichen Auswirkungen der Reaktorexplosion wirklich waren uns sind. Nicht immer fällt der Nachweis leicht, dass Krebserkrankungen, Säuglingssterben, genetische Schäden oder auch Nervenkrankheiten auf die radioaktive Verseuchung zurückzuführen sind.

Nadeschda dagegen spricht aus Erfahrung: „Viele Umsiedler haben ihre Söhne und Töchter bereits verloren“, sagt die 40-Jährige und atmet tief durch. „Bei uns sterben die Menschen jung.“ Trotz allem lacht sie gern und viel. Wie das Freundschafts-Dorf Druschnaja trägt sie einen sprechenden Namen: Nadeschda – Hoffnung. Am Ende des Gesprächs aber verfinstert sich ihre Miene erneut. „Jetzt bauen sie wieder eine Atomstation“, sagt sie. „Die ist 80 Kilometer von Druschnaja entfernt. Tschernobyl war auch 80 Kilometer von meinem Heimatort entfernt.“

Erschienen im Züricher „Tages-Anzeiger” (16. März 2011)

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