Karneval in der Diktatur

Tschernobyl, KGB-Gefängnisse, ein neo-sowjetischer Präsident: Die Weißrussen versuchen während der Butterwoche, das Böse aus ihrem Alltag zu verbannen.

Die Flammen züngeln zunächst zögerlich am Rock empor, lecken über den Rücken der verkleideten Strohpuppe. Dann springt ein Funke über, und urplötzlich brennt die Figur lichterloh. Die Menschen im Museumsdorf Strochizy vor den Toren von Minsk beginnen tanzend das Feuer zu umkreisen, bitten singend um Vergebung für vergangene Sünden und begrüßen fröhlich eine neue Zeit.

Mit der Verbrennung der Winter-Puppe endet in Weißrussland die Masleniza, die Butterwoche – Schlemmerzeit und slawischer Karneval in einem. Anschließend wird bis Ostern gefastet. Am „Sonntag der Vergebung“ aber, einer Art weißrussischem Aschermittwoch, gehen in Gestalt der Strohfigur die bösen Geister in Flammen auf.

Anna Jemeljantschik wird ihre bösen Geister so schnell nicht los. Vor 25 Jahren kommandierte ein Leiter der sowjetischen Jugendorganisation Komsomol die damals 19-jährige Verkäuferin in die Todeszone am explodierten Atomreaktor von Tschernobyl. „Liquidation“, lautete der Auftrag – Beseitigung der unmittelbaren Schäden, die der GAU, der größte anzunehmende Unfall, im Grenzgebiet zwischen Weißrussland und der Ukraine verursacht hatte.

Ein Vierteljahrhundert später, mitten im Karneval und wenige Wochen vor dem Katastrophen-Jubiläum, sitzt Anna auf dem Sofa ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung in Minsk und erzählt. Die Geschichten brechen förmlich aus ihr heraus. Etwa jene von dem Lkw-Fahrer, der auf dem Rückweg von den Aufräumarbeiten am geschmolzenen Reaktorkern vorbeikam. „Er konnte den Tod sichtbar machen“, sagt Anna. „Er rieb mit der Hand am Unterboden des Lasters, und da begannen seine Finger im Schatten zu leuchten.“ Anna schüttelt den Kopf. „Uns haben sie in diese Hölle geschickt, um ein Kaufhaus wieder in Betrieb zu nehmen.“

Rund 600.000 Liquidatoren entsandte die Sowjetmacht in den Monaten nach dem GAU in die verstrahlten Gebiete rund um Tschernobyl. Die totalitäre Staatsmacht wollte sich die Katastrophe, das Sinnbild ihres Scheiterns, nicht eingestehen. Also verheizte der Kreml Menschenmaterial, um in einem Land des Todes neues Leben zu organisieren, als sei nichts geschehen.

Anna ist den Tränen nah, wenn sie von ihren Krankheiten erzählt und vom Leiden der beiden Töchter. Sie kamen nach Annas Einsatz in Tschernobyl zur Welt. Das Erbgut ist geschädigt, die Immunsysteme sind teilweise zerstört. Jeder Keim, jedes Virus hat leichtes Spiel in den schutzlosen Körpern. „Warum ich in die Zone gegangen bin? Ich weiß es nicht“, sagt Anna und sucht dann doch nach einer Erklärung: „Wir waren jung, wir waren naiv, und wir waren stolz darauf, dass der Komsomol uns in den Einsatz geschickt hat. Wir haben wenig gewusst und vieles verdrängt. So funktionierte die Sowjetunion.“

Das heutige Weißrussland funktioniert ähnlich. Verdrängung gehört zu den wichtigsten Treibriemen der Diktatur. Auch Anna verdrängt viel. Wenn sie auf den Markt geht, lässt sie die Lebensmittel nicht in der Prüfstation auf eine mögliche Strahlenbelastung testen. „Ich entscheide intuitiv“, sagt sie. Aufklärung über den richtigen Umgang mit dem unsichtbaren radioaktiven Feind meidet sie. „Was soll das bringen?“, fragt sie. In Annas Küche stapeln sich Fladenbrote und Gebäck. Es ist Masleniza – Zeit, gegen die bösen Geister anzufeiern.

Die Jüngeren feiern auf ihre Weise. Im Szene-Club „Reaktor“ zum Beispiel. Eine blinkende Generatorattrappe stellt dort den Bezug zum Namen her. Ansonsten gibt es zwei Bars, eine Tanzfläche und eine Bühne für Live-Auftritte – nichts Spektakuläres. „Die Bezeichnung Reaktor ist schon reichlich zynisch in unserem Land“, sagt die 25-jährige Olga, die tagsüber internationale Projekte managt. „Keine Ahnung, warum der Club so heißt“, fügt sie hinzu und taucht in die Klangwelten des Konzert-Abends ein.

Die fünf jungen Männer auf der Bühne entfachen ein Feuerwerk der Instrumentalmusik. Kontrabass, Klarinette, Akkordeon, ein Schlagzeug und ein Ensemble aus Bongos und Congas genügen, um die Zuhörer aus dem Hier und Jetzt in andere Sphären zu entführen. Hinter den Musikern ist eine Leinwand aufgespannt, über die wechselnde Bilderfolgen flimmern. Tiefseefische tauchen ab, Galaxien ziehen vorüber, Sterne explodieren.

Olga zieht es am späten Abend aus dem „Reaktor“ weiter ins Café „Feuervogel“. Dort treffen sich Menschen aller Altersstufen, um sich in traditionellen weißrussischen Volkstänzen zu üben. In Sichtweite des Lokals erhebt sich der Präsidentenpalast in den nächtlichen Winterhimmel. Dort herrscht die Realität. Seit bald 17 Jahren regiert Alexander Lukaschenko sein Land mit eiserner Faust.

Der „letzte Diktator Europas“, wie ihn seine Kritiker nennen, stützt seine Macht vor allem auf den Geheimdienst KGB. Dessen Zentralgefängnis befindet sich nicht weit von Lukaschenkos Amtssitz und dem „Feuervogel“ entfernt. Der ehemalige Präsidentschaftskandidat Ales Michalewitsch nennt die Haftanstalt „ein Konzentrationslager im Herzen von Minsk.“ Der 35-Jährige weiß, wovon er spricht. Zwei Monate lang war er in dem KGB-Kerker eingesperrt.

Nach der gefälschten Präsidentenwahl am 19. Dezember hatte Michalewitsch mit rund 20.000 weiteren Oppositionellen gegen Lukaschenkos Unrechtsregime protestiert. Doch der Diktator ließ die Demonstranten niederknüppeln. Mehreren Dutzend Regimegegnern drohen wegen „Anstiftung zu Massenunruhen“ bis zu 15 Jahre Haft.

Michalewitsch unterzeichnete im KGB-Gefängnis eine Erklärung zur Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit, kündigte diese aber nach seiner Freilassung öffentlich auf. Er sei gefoltert worden, berichtete er. Er habe nicht schlafen dürfen und sei nackt der eisigen Winterkälte ausgesetzt worden. „Maskierte haben die Arme der gefesselten Häftlinge verdreht, bis die Gelenke anfingen zu brechen.“

Im Gedränge des Cafés „Feuervogel“ ist die Stimmung an diesem Abend ausgelassen. Jugendliche, Hausfrauen und Rentner bewegen sich gleichermaßen gelöst im Rhythmus der Live-Musik. Viele tragen trachtenartige Gewänder. „Eigentlich ist der Feuervogel ein Treffpunkt für Kinder“, erklärt Olga, „dient aber auch als Cafè und Tanzlokal.“ Ein Wunderland.

Olga weiß um Michalewitsch, um die KGB-Folter und um die Schauprozesse gegen Regimekritiker. Sie ist enttäuscht, entsetzt – und hilflos. „Die meisten schauen weg, darauf basiert das System“, sagt die junge Frau und setzt zu einer Erklärung dafür an, warum sich in Weißrussland auch im 17. Jahr der Lukaschenko-Herrschaft noch immer nichts ändert. „Wirtschaftlich steht das Land vor dem Kollaps“, davon ist Olga überzeugt. „Aber solange nicht alles zusammenbricht, feiern die Menschen Masleniza und gucken abends die Nachrichten im Staatsfernsehen.“

Dort verbreitet sich Lukaschenko im Nachtprogramm über den internationalen Frauentag. „Die Gleichberechtigung ist in Weißrussland eine Erfolgsgeschichte“, erklärt er. Demnächst, zum 25. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl im April, wird er auch „die Beseitigung der Folgen der Havarie“ als Erfolgsgeschichte bezeichnen. Seit Jahren tut er das. „Wir vollenden die Wiedergeburt der Heimaterde“, lautet die offizielle Losung, die im Duktus altbekannter Sowjetpropaganda gehalten ist.

Olga verzichtet meist auf die Fernsehnachrichten. Sie geht in den Klub „Reaktor“ und ins Café „Feuervogel“. Sie hat ein Leben zu leben, im Schatten der Diktatur.

Erschienen in der „Berliner Zeitung“ (8. März 2011)

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