„Bei uns wird heutzutage jedem ans Bein gepinkelt“

Andrzej Wajda und die Polen verbindet eine Hassliebe. Am Sonntag feiert der Oscar-Preisträger seinen 85. Geburtstag.

Das Wort von Andrzej Wajda hat in Polen Gewicht. „Ich habe grenzenloses Vertrauen zu ihm“, sagt der Solidarnosc-Führer und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa über den kaum weniger ruhmreichen Film-Regisseur. Im Jahr 2000 bekam Wajda einen Oscar für sein Lebenswerk. Am Sonntag feiert er seinen 85. Geburtstag – und ist noch immer so etwas wie das höchst umstrittene Gewissen einer zutiefst gespaltenen Nation.

„Wajda erklärt uns die Welt, und der Welt erklärt er, was es mit uns Polen auf sich hat“, sagt der Warschauer Historiker Tomasz Szarota. Wie der Filmemacher hält Szarota den Zweiten Weltkrieg mit all seinen Folgen für den „Dreh- und Angelpunkt unseres Selbstverständnisses“. Die deutsche Besatzung und die kommunistische Diktatur waren stets Wajdas wichtigste Themen. Schon in seinem Debüt „Eine Generation“ (1955) mit dem jungen Roman Polanski in einer der Hauptrollen erzählte er vom Widerstand gegen die Nazis – und schrieb sogleich Filmgeschichte.

Wajda hatte im Krieg in der polnischen Untergrundarmee gekämpft. Dennoch wird der Mann, der in Cannes die Goldene Palme, in Venedig den Goldenen Löwen und in Berlin den Goldenen Ehrenbären erhielt, in seiner Heimat nicht nur als Ikone verehrt, sondern auch als „Agent provocateur“ angefeindet. „Er ist ein politischer Regisseur, damit hat er Hass auf sich gezogen“, sagt Szarota. In der kommunistischen Zeit lavierte Wajda zwischen Duldung und Herausforderung des Regimes. „Ich war die Stimme der Nation, die nicht frei sprechen konnte“, sagt der Regisseur über sich selbst.

Wajda nimmt für sich in Anspruch, Wegbereiter des Solidarnosc-Aufstandes von 1980 gewesen zu sein. In „Der Mann aus Marmor“ hatte er 1977 eine schonungslose Abrechnung mit dem Stalinismus vorgelegt. Für die politische Rechte im Land bleibt er jedoch ein Kompromissler, wenn nicht gar ein kommunistischer Kollaborateur und Wendehals. Als sich Wajda nach der Flugzeugkatastrophe von Smolensk im vergangenen Frühjahr gegen das Begräbnis des getöteten konservativen Präsidenten Lech Kaczynski in der Krakauer Königsgruft Wawel aussprach, zog er sich den Zorn des überlebenden Kaczynski-Zwillings Jaroslaw zu.

Schwarz oder Weiß, himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt – so lässt sich am Fall Wajda die Seelenlage der polnischen Gesellschaft 20 Jahre nach der friedlichen Freiheitsrevolution beschreiben. „Intellektuelle und Politiker neigen bei uns zur Megalomanie“, sagt der Historiker Szarota, „aber dieser Größenwahn ist eine Ausgeburt unserer Komplexe, unserer Minderwertigkeitsgefühle.“ Mehr als 200 Jahre unter deutscher und russischer Herrschaft hätten ihre Spuren hinterlassen.

„Wir haben die Tendenz, am Ende alles niederzumachen“, sagt auch der Liedermacher Zbigniew Holdys. In Polen gebe es deshalb heute „weder eine Elite noch unbestrittene Autoritäten“. Zu beobachten sei dies nicht nur im Falle Wajdas, dem Kaczynski-Anhänger zuletzt vorwarfen, sich „im Alter zum Affen zu machen“, weil er noch immer Filme drehe und sich politisch engagiere. Ob von Lech Walesa die Rede ist, von Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz oder dem ersten postkommunistischen Premierminister Tadeusz Mazowiecki – „bei uns wird heutzutage jedem ans Bein gepinkelt“, sagt Holdys.

Der Musiker sieht diese selbstzerstörerische Tendenz allerdings weniger in der Geschichte begründet als vielmehr in den Mechanismen der modernen Medienmaschinerie. „Im Internet kann sich heute jeder austoben“, erklärt Holdys das „globale Phänomen“. Demnach wäre der tiefe Fall des deutschen Politstars Theodor zu Guttenberg in ähnlicher Weise auch in Polen möglich. So stöbern national-konservative Historiker seit Jahren in Stasi-Dokumenten zur Biografie Lech Walesas, um dem Freiheitshelden ausgerechnet eine kommunistische Agententätigkeit nachzuweisen – bislang mit mäßigem Erfolg.

Andrzej Wajda hält dagegen. Der alte Mann steht dieser Tage wieder am Cut, um Walesas Leben zu verfilmen. Der Streifen soll im Herbst in die Kinos kommen. Kritiker werfen dem Oscar-Preisträger schon jetzt vor, dem Solidarnosc-Führer, der vom einfachen Werftarbeiter zum ersten Präsidenten des postkommunistischen Polen aufstieg, ein glattgeschliffenes Denkmal setzen zu wollen. Man wird das Ergebnis abwarten müssen. Walesa selbst hat bereits versprochen: „Egal, was Wajda zeigt – ich werde in jedem Fall applaudieren.“

Dass er es nie allen gleichermaßen recht machen konnte – und dies wohl auch nicht wollte –, erlebte Wajda vor vier Jahren, als sein Film über das stalinistische „Massaker von Katyn“ in die Kinos kam. 1940 hatte der sowjetische Geheimdienst Zehntausende polnische Kriegsgefangene ermordet und für das Verbrechen anschließend die Nazis verantwortlich gemacht. Wajda gestaltete die Geschichte als nationales Historienepos und erntete damit sogar beim damaligen Präsidenten Lech Kaczynski Lob. Der Film, der für einen Oscar nominiert wurde, sei ein „wichtiges Lehrstück“.

Zugleich sorgte das Werk für eine Annäherung zwischen Moskau und Warschau. Das russische Staatsfernsehen zeigte das „Massaker von Katyn“ zur besten Sendezeit und führte dem eigenen Publikum erstmals die eigenen Verbrechen vor. Kremlchef Dmitri Medwedew zeichnete Wajda mit einem russischen Verdienstorden aus. Doch wie so oft waren nicht alle zufrieden. Polnische Kritiker schrieben von einem „Geschichtswälzer im Hochglanzdruck“. Ein wenig Urin, würde Zbigniew Holdys sagen, findet sich für jedes Bein.

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