Telefon-Terror

Polen hat in den vergangenen Jahren den Verbraucherschutz deutlich verbessert. Doch weil die Bürger nicht mitziehen, haben Abzocker weiter leichtes Spiel.

Am Anfang sind es ja immer nur die anderen. Was ist das bloß für eine polnische Unsitte, dachte ich ein ums andere Mal bei mir, sein Handy mit einer Begrüßungsmelodie zu bestücken, die bei Annahme des Gesprächs weiterdudelt? Es mag ja nett sein, Mick Jagger zu hören – aber nicht, wenn ich, nur zum Beispiel, mit der Pressesprecherin der Handelskammer reden möchte.

Doch dann trudelten auch bei mir die ersten Klagen ein. Wer mich in Warschau auf meinem Handy anrief, den begrüßten plötzlich ebenfalls die „Stones“. Bis die Leitung frei war, vergingen einige Sekunden. Viele Anrufer legten entnervt auf. Des Rätsels Lösung erfuhr ich bei meinem Mobilfunkanbieter. „Sie haben unserer SMS nicht widersprochen“, teilte mir ein freundlicher junger Mann mit. SMS? „Ja, wir haben Ihnen unseren kostenpflichtigen Musikdienst per SMS angeboten, und Sie haben nicht widersprochen.“

Das stimmte. Ich hatte es mir abgewöhnt, die penetranten Werbe-SMS meines Providers auch nur zur Kenntnis zu nehmen. „Aber wo kommen wir denn hin“, ereiferte ich mich, „wenn ich jedem Werbeangebot widersprechen muss, damit es nicht wirksam wird?“ Mit Verlaub, antwortete der junge Mann, all das sei vollkommen legal.

War es natürlich nicht. Zwei Tage später erfuhr ich aus der Zeitung, dass sich Polens Mobilfunkanbieter notorisch in rechtlichen Grauzonen bewegen. Der Jagger-Trick war demnach nur die Spitze des Eisbergs. Von zweifelhaften Gewinnspielen war zu lesen, von Warteschleifen-Betrug – kurz: das ganze Abzocke-Programm.

Die polnische Regierung hat in den vergangenen Jahren mehrfach die Gesetze verschärft, um den Verbraucherschutz zu stärken. Sie installierte auf regionaler Ebene rund 360 sogenannte Kundenanwälte. Sie sollen erste Ansprechpartner für Bürger sein, die sich von Unternehmen betrogen fühlen. Das Problem aber blieb. In Polen, so erklären es die Fachleute, gibt es keine Tradition, als Verbraucher vor Gericht zu ziehen. Der Druck auf die Abzocker ist niedrig.

Zu meiner persönlichen Sicherheit lese ich nun wieder jede einzelne SMS. Doch damit ist es nicht getan. Nun streite ich mich mit meinem Festnetzanbieter. Dort habe ich eine Flatrate mit der genialen Bezeichnung „Europa und die Welt“ gebucht. Soll heißen: Ich telefoniere für einen Festpreis in alle Länder der Welt – auch nach Europa.

Mehr noch als der sprachliche Unsinn hat mich allerdings die Tatsache irritiert, dass mir mein Anbieter zuletzt außer der Flatrate weitere Gebühren „für internationale Gespräche“ berechnet hat. Auf meine Nachfrage, wohin denn – außer nach Europa und in die Welt – diese internationalen Gespräche wohl geführt haben mochten, habe ich noch keine Antwort erhalten. Ich sehe mich schon beim Kundenanwalt.

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