Orgie obszöner Pöbeleien

Skandal um deutsch-polnischen Chopin-Comic: Da der Sammelband angeblich zu vulgär gestaltet ist, hat das polnische Außenministerium als Auftraggeber die Reißleine gezogen.

Von dem polnischen Komponisten Frederic Chopin (1810-1849) ist bekannt, dass er sich von der ebenso exzentrischen wie emanzipierten französischen Schriftstellerin George Sand hegen und pflegen ließ. Die Sand war nicht nur geschieden und rauchte, was in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einem Skandal gleichkam. Sie liebte vor allem auch die Männer – den stets kränkelnden Klaviervirtuosen aus dem fernen Warschau vorneweg.

Den Machern eines deutsch-polnischen Chopin-Comics war diese Geschichte allerdings nicht schlüpfrig genug. Sie versetzten den Komponisten kurzerhand in die Gegenwart, stellten dem Lockenkopf als besten Kumpel einen Skinhead zur Seite und entfesselten eine Orgie obszöner Pöbeleien. „Steht er da auf seinem Schwanz?“ gehört noch zu den harmloseren Zitaten aus dem 148-Seiten-Buch, das in Polen dieser Tage für blankes Entsetzen sorgt. Denn bei dem Comic handelt es sich zu allem Überfluss um eine Auftragsarbeit des Außenministeriums, um einen Akt hoch offizieller Kulturpolitik!

Gestern entschied die polnische Regierung in höchster Not: Die bereits gedruckten 2000 Exemplare von „Chopin New Romantic“ werden schnellstmöglich eingestampft. Außenminister Radoslav Sikorski erklärte eilig, er habe von der Existenz des schändlichen Werkes nichts gewusst. Selbst Polens Korruptionsbeauftragte Julia Pitera schaltete sich ein, denn Texter, Zeichner und Verlag erhielten immerhin rund 30.000 Euro für ihr lästerliches Tun.

Dabei hegten die Macher des Comics – rund ein Dutzend Autoren aus Deutschland und Polen – durchaus hehre Ziele. Sie wollten die polnische Herkunft des Musikers im deutschsprachigen Raum bekannter machen. Das Chopin-Jahr 2010 hatte gezeigt, dass der Komponist in Westeuropa nicht selten als Franzose durchgeht. Der Comic-Sammelband über das Leben des Genies sollte auf Deutsch und auf Polnisch erscheinen. Ideengeber war ein Mitarbeiter der polnischen Botschaft in Berlin, den Minister Sikorski nach eigenem Bekunden „leider nicht mehr entlassen kann, weil er den diplomatischen Dienst bereits quittiert hat“.

Der am heftigsten kritisierte Zeichner und Texter Krzysztof Ostrowski versteht dagegen die ganze Aufregung nicht. Er habe dem Hochkultur-Hype des Chopin-Jahres etwas Handfestes entgegensetzen wollen und deshalb als Schauplatz seiner Story ein Gefängnis gewählt. „Und bei einem Knast-Konzert spricht man eben so“, sagte Ostrowski. Kritiker werfen ihm die inflationäre Verwendung von „F-Wörtern“ vor. Zudem hätten obszöne Beschreibungen weiblicher und männlicher Geschlechtsorgane in einem Werk, das für Kinder bestimmt sei, nichts zu suchen. Tatsächlich sollte das Buch vor allem an Schulen verteilt werden. Davon habe er nichts gewusst, verteidigte sich Ostrowski.

Comic-Experten springen den Autoren zur Seite. Der Danziger Literaturwissenschaftler Jerzy Szylak sagte: „In Deutschland sind brutale und obszöne Comics außergewöhnlich populär.“ Im Prinzip hätten die Texter deshalb „alles richtig gemacht“. Für diese These spricht auch die große Nachfrage nach dem Büchlein, die sich nach der regierungsamtlichen Rückholaktion nun im Internet Bahn bricht. In einschlägigen Online-Foren kursieren bereits zahllose Kopien des Comics. Tenor vieler Chat-Kommentare: „Alles halb so wild.“ Ob auch die exaltierte Chopin-Geliebte George Sand ihre Freude an dem Werk gehabt hätte, lässt sich dagegen nur mutmaßen.

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