Im Namen des Vaters

Vater Lech Kaczynski starb beim Absturz der polnischen Präsidentenmaschine im russischen Smolensk. Onkel Jaroslaw Kaczynski kämpfte vergeblich um die Nachfolge an der Staatsspitze. Nun mischt Marta Kaczynska Polens Polit-Szene auf.

Marta Kaczynska gab der Tragödie ein Gesicht. Die Fotos von der zur Waise gewordenen Präsidententochter gingen im April 2010 um die Welt. Sie zeigten eine zerbrechliche junge Frau, wie sie an den Särgen ihrer Eltern kniete. Bleich war sie da – und bildschön. Der polnische Staatschef Lech Kaczynski und seine Frau Maria waren soeben bei der Flugzeugkatastrophe von Smolensk ums Leben gekommen. Marta, ein Einzelkind, blieb mit ihren Töchtern Ewa und Martina zurück.

Kaum ein Jahr später betritt Kaczynska mit einem Donnerhall die politische Bühne in Warschau. In einem großen Zeitungsinterview kündigte sie an, nicht länger abseits stehen zu wollen, wenn es um Polens Zukunft geht: „Ich hatte zu lange Angst, dass mir die Leute vorwerfen, aus der Tragödie politisches Kapital zu schlagen“, sagte sie und fügte hinzu: „Ich hätte mehr tun sollen.“

Die 30-Jährige bezog diese Worte vor allem auf den Präsidentschaftswahlkampf im vergangenen Jahr. Damals hatte Marta ihren Onkel Jaroslaw unterstützt, den Zwillingsbruder ihres Vaters. „Er brauchte mich“, erklärte sie später. Aber Martas Engagement blieb halbherzig. Inhaltliche Aussagen vermied die schlanke Schöne mit den dunklen Haaren und den tiefbraunen Augen. Das schmutzige Geschäft der Politik, so hatte sich die zweifache Mutter einst geschworen, würde sie aus ihrem Leben heraushalten. Kaczynski verlor die Wahl gegen Bronislaw Komorowski.

Nun aber ist alles anders. Marta bekennt sich offensiv zu den national-konservativen Prinzipien der Kaczynski-Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS): „Je älter ich werde, desto besser verstehe ich die Ziele der Partei.“ Insider gehen davon aus, dass die Juristin im heraufziehenden Parlamentswahlkampf für die PiS ins Rennen gehen wird. Sie selbst widersprach dieser These allerdings in ihrem Blog.

All das hat einen sonderbaren Beigeschmack, schließlich ist die 30-Jährige in zweiter Ehe mit dem gleichaltrigen Marcin Dubieniecki verheiratet, der aus einer alten Kommunisten-Familie stammt und auch selbst schon für die Sozialisten in den Wahlkampf zog. Der verstorbene Lech Kaczynski hatte den Schwiegersohn, der sich so vorbildlich um die Kinder kümmerte, dennoch in sein Herz geschlossen. Onkel Jaroslaw dagegen erschien nicht einmal zur Hochzeit – und hat nun offenbar den kaum verhüllten „Krieg“ mit Dubieniecki für sich entschieden. Sie werde künftig wohl auf den Sachverstand ihres Mannes verzichten, sagte Marta Kaczynska bei ihrem politischen „Coming out“.

Polnische Medien konstruierten aus der Ankündigung bereits eine ernste Ehekrise. „Sie trennen sich“, titelte die Boulevardzeitung „Fakt“. Doch das ist Spekulation. Derzeit lebt das Paar auf großem Fuß in Gdingen an der Ostsee. Dort geht auch die ältere Tochter Ewa (8) zur Schule, die aus Kaczynskas erster Ehe stammt. Dubieniecki arbeitet im nahen Danzig als Anwalt. Marta hegte seit längerem Pläne, der Kanzlei beizutreten, sobald die dreijährige Martina die Mutter entbehren kann. Doch der Lockruf der Politik scheint stärker zu sein.

Jaroslaw Kaczynskis hat die Unterstützung der schönen Nichte bitter nötig. Seine PiS dümpelt in Umfrage bei 20 Prozent. Vor allem die jüngeren Wähler haben sich in den vergangenen Jahren von den Konservativen abgewandt. Kaczysnka mit ihrer Biografie einer erfolgreichen modernen Frau könnte sie zurückgewinnen, glauben Parteistrategen.

Marta selbst geht es vor allem um das Erbe des toten Vaters. Und um die Familienehre. Welch enges Verhältnis sie zu ihrem Onkel pflegt, belegt eine Anekdote aus Kindertagen. Als die noch nicht zweijährige Marta erstmals bewusst ihren Vater neben Zwillingsbruder Jaroslaw stehen gesehen habe, habe sie ausgerufen: „Oh, ein Papa! Und noch ein Papa, toll!“

Erschienen in der „Leipziger Volkszeitung” (18. Februar 2011)

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