Die Rückkehr des polnischen Messias verzögert sich

Polens Formel-1-Held Robert Kubica ringt nach einem Unfall um seine Genesung. Eine ganze Nation fiebert mit.

Die ebenso erlösende wie beunruhigende Nachricht jagte als Eilmeldung durch die polnischen Medien. Formel-1-Pilot Robert Kubica hat auch die dritte Operation nach seinem schweren Rallye-Unfall in Italien gut überstanden. Doch die Ärzte in Pietra Ligure, die ihm gestern in einer fast sechsstündigen Operation den gebrochenen rechten Ellenbogen richteten, wiesen aber auch auf Gefahren hin: „Der Knochen war extrem zersplittert“, sagte Francesco Lanza, einer der behandelnden Ärzte. „Wir müssen nun beobachten, ob alle Nerven so funktionieren, wie sie sollen.“ Der Pole wird erst ganz allmählich mit einer monatelangen Reha beginnen können.

1000 Kilometer weiter nordöstlich bangt eine ganze Nation um ihren Helden. Der „polnische Schumi“ Kubica ist in seiner Heimat ähnlich populär, wie dies der siebenfache Weltmeister Michael Schumacher zu seinen besten Zeiten in Deutschland war. Dabei hat es der 26-jährige Renault-Pilot aus Krakau in der Saisonwertung bislang nur zu einem vierten Platz gebracht. Offenbar punktet Kubica vor allem mit Charakterstärken. „Robert ist aufgeschlossen und alles andere als ein Superstar“, sagt der ehemalige Vizeweltmeister David Coulthard über ihn. Und die meisten Polen antworten auf die Frage, mit wem sie am liebsten ein Bier trinken würden: „Mit Robert Kubica.“

Die Sehnsucht nach sportlichen Helden ist im Gastgeberland der Fußball-Europameisterschaft 2012 groß. Die Nationalelf findet anderthalb Jahre vor der EM nicht aus dem Tal der Tränen heraus. Und auch Skisprunglegende Adam Malysz kommt allmählich in die Jahre. Kubica galt deshalb bis zu seinem Unfall am 6. Februar in Polen als eine Art Messias. Für seine Fans war es nur eine Frage der Zeit, bis der Renault-Pilot zum WM-Titel rasen würde.

Entsprechend groß war der Schock nach dem Rallye-Crash in Norditalien. „Kubica – um Haaresbreite am Tod vorbei“, titelte die Boulevardzeitung „Fakt“. Das Internet-Nachrichtenportal „Wiadomosci24.pl“ berichtet seit dem Unfall ununterbrochen im Live-Ticker über den Gesundheitszustand des 26-Jährigen. Doch der Hype treibt mittlerweile immer groteskere Blüten. Geschäftemacher verkaufen Auto-Aufkleber mit Genesungswünschen. Und selbst Wahrsager finden in manchen Medien Gehör.

Für das größte Aufsehen aber sorgte die katholische Kirche, die auch in Polen nach diversen Missbrauchs- und Korruptionsskandalen um ihren Ruf ringt. Kardinal Stanislaw Dziwisz, seines Zeichens Bischof in Kubicas Heimatstadt Krakau, händigte einem Fernsehreporter einige Tropfen Blut des verstorbenen polnischen Papstes Johannes Paul II. aus. „Ich vertraue Robert der Fürsorge unseres Heiligen Vaters an“, sagte der Kirchenmann huldvoll vor laufenden Kameras. Dem Journalisten erteilte er den Auftrag, die Reliquie ans Krankenbett des Rennfahrers in Italien zu bringen.

Kubica ist ein tief gläubiger Mensch. Seiner Popularität im katholisch geprägten Polen kam dies zweifellos zugute. Voller Ergriffenheit erinnern sich Kubicas Landsleute bis heute an das „Wunder von Montréal“. Dort war der Formel-1-Pilot 2007 schon einmal schwer verunglückt. Mit Tempo 280 raste Kubica damals in eine Betonwand und zerlegte den Boliden in seine Einzelteile. Dennoch blieb der Pole nahezu unverletzt. „Das habe ich nur dem Heiligen Vater zu verdanken“, kommentierte Kubica das Geschehen später. Schließlich trage sein Helm die Aufschrift „Johannes Paul II.“

Daran erinnerte sich nun augenscheinlich Kardinal Dziwisz. Nach der „Reliquien-Show“, wie Kritiker spotteten, lud er Kubica sogleich für den 1. Mai zur Seligsprechung Johannes Pauls II. in den Vatikan ein und verstieg sich dabei zu dem Wortspiel: „Ist doch klar, dass Robert dort die Pole Position bekommt. Wir reservieren ihm einen Platz in der ersten Reihe.“

Andere selbst ernannte Kubica-Freunde schüren den Neid auf die Konkurrenz. Ins Visier der Medien geriet vor allem der Deutsche Nick Heidfeld, der sich am vergangenen Wochenende bei Testfahrten in Spanien mit Bestzeiten als Ersatzmann im Renault-Cockpit empfohlen hatte. Die Warschauer Zeitung „Dziennik“ verkürzte ein Zitat des Mönchengladbachers zu der Schlagzeile: „Ich kann von Roberts Unglück profitieren.“ Tatsächlich hatte Heidfeld, der vier Jahre lang zusammen mit Kubica das BMW-Team bildete, erläutert, „welch bedrückende Situation es ist, durch den Unfall eines Kollegen eine unverhoffte Chance zu bekommen“.

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