Polnischer Minister will Nazi-Konzentrationslager „europäisieren“

Immer wieder ist weltweit in den Medien von „polnischen Konzentrationslagern“ die Rede. Tatsächlich befanden sich die Mordstätten der Nazis lediglich auf polnischem Territorium. Die Regierung in Warschau geht nun in die Offensive.

Es soll endlich Schluss sein mit der Sippenhaft. Polen will nicht länger mit den Menschheitsverbrechen der Nazis in Verbindung gebracht werden. Die Regierung in Warschau hat deshalb der weltweit anzutreffenden Verwendung des Begriffs „polnische Lager“ den Kampf angesagt. „Dabei entstehen völlig falsche Assoziationen“, sagte Kulturminister Bogdan Zdrojewski. Es habe sich schließlich um NS-Vernichtungslager gehandelt, um deutsche Mordstätten also, „die sich lediglich auf polnischem Territorium befanden“.

Zuletzt hatte das US-Magazin „Time“ vor wenigen Wochen über „das polnische Todeslager Sobibor“ berichtet und damit östlich der Oder für Empörung gesorgt. Doch auch deutsche Medien haben sich bereits im Ton vergriffen. In einem Artikel der Tageszeitung „Die  Welt“ war 2008 von dem „ehemaligen polnischen KZ Majdanek“ die Rede. Die Redaktion entschuldigte sich zwar umgehend. Doch der Sohn eines Nazi-Opfers verklagte das Blatt auf Zahlung eines Schmerzensgeldes. Das Verfahren ist noch immer anhängig.

Mit seiner neuesten Initiative allerdings begibt sich Polens Kulturminister Zdrojewski selbst auf geschichtspolitisches Glatteis. Den KZ-Gedenkstätten im Land empfahl er, ihre Internet-Auftritte nicht länger mit der Ortskennung „xxx.pl“ zu versehen. Ins Gespräch brachte der liberale Politiker vor allem die noch junge Domain „xxx.eu“, die erst 2005 installiert wurde und zumeist die europäische Dimension eines Internetauftritts betont. Vor allem EU-Institutionen und assoziierte Organisationen nutzen die Kennung. Will Polen die Konzentrationslager der Nazis also europäisieren?

Zdrojewski bemühte sich schnell um die Klarstellung, dass für die Gedenkstätten-Webseiten auch andere Domains denkbar seien, etwa „xxx.org“, „xxx.info“ oder „xxx.net“. Allerdings hat beispielsweise das Museum im ostpolnischen Majdanek bei Lublin, in dem die Nazis rund 80.000 Menschen ermordeten, bereits Fakten geschaffen. Die Einrichtung ist im Internet derzeit unter „www.majdanek.eu“ zu finden.

Die selten verwendete Domain „xxx.eu“ hat den Vorteil, dass sie im Gegensatz zu anderen Adressen-Kombinationen oft noch frei verfügbar ist. So will die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau zwar seit langem am liebsten die Kennung „xxx.org“ nutzen. Doch die entsprechende Web-Adresse ist bereits vergeben, obwohl der Besitzer keine eigene Seite betreibt. „Wir kennen die Hintergründe dieses Vorgehens nicht“, sagt Museumssprecher Pawel Sawicki. Um Geld gehe es in diesem Fall offenbar nicht.

Andernorts aber wittern Domain-Inhaber ein gutes Geschäft. Da Kulturminister Zdrojewski seinen Vorstoß via Fernsehen publik machte, bekamen mehrere Gedenkstätten bereits unmoralische Angebote. Das Museum auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Treblinka sollte umgerechnet 1300 Euro für den Erwerb einer neutralen Kennung zahlen. „Das Geld haben wir nicht“, sagte Sprecher Edward Kopowka der Zeitung „Gazeta Wyborcza“, die diesen und ähnliche Fälle gestern publik machte.

Für die Vergabe von Internet-Domains ist die Registrierungsbehörde IANA (Internet Assigned Numbers Authoriy) mit Sitz in den USA zuständig. Die noch junge Rechtsprechung in diesem Bereich geht davon aus, dass eine registrierte Domain einen eigentumsähnlichen Vermögenswert darstellt. Insofern ist der Handel mit Domains nicht illegal. Im Falle der KZ-Gedenkstätten sei es aber doch „traurig, dass die Leute daran verdienen wollen“, kommentierte der Museumsleiter im ehemaligen Lager Stutthof bei Danzig, Piotr Tarnowski, die jüngsten Vorgänge in Polen.

Der Zdrojewski-Vorstoß fällt in eine Zeit, in der die polnische Gesellschaft ihre Weltkriegs-Vergangenheit ohnehin lebhaft debattiert. Hintergrund ist das neue Buch des „Skandalautors“ Jan Tomasz Gross. In „Goldene Ernte“ vertritt der in den USA lebende Soziologe mit polnisch-jüdischen Wurzeln die These, dass viele Polen vom Holocaust profitiert hätten. Die Einheimischen hätten sich in großem Stil die Besitztümer ermordeter oder deportierter Juden angeeignet. Der Band soll zwar erst Anfang März erscheinen, spaltet die Nation aber schon jetzt. Bereits in seinen Büchern „Nachbarn“ (2001) und „Angst“ (2006) hatte Gross den Polen vorgeworfen, mit den Nazis kollaboriert zu haben und direkt am Judenmord beteiligt gewesen zu sein.

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