Sodom und Gomorrha

Allzu viel Staat ist ungesund. So jedenfalls empfinden es viele Polen. Doch wer sorgt dann für Ordnung?

Viele Polen halten sich auf ihren Hang zur Anarchie einiges zugute. Zu beobachten ist das mitunter bei Fahrkartenkontrollen in Bussen und Bahnen. Das Spielchen geht so: Jene, die ein gültiges Ticket haben, nesteln minutenlang an ihren Brief- und Manteltaschen herum. Sie bremsen damit die Fahnder aus und ermöglichen dem einen oder anderen Schwarzfahrer die Flucht an der nächsten Haltestelle.

Die sympathische Tradition stammt aus den Zeiten des antikommunistischen Widerstandes in den 80er Jahren. „Trefft die Staatsmacht, wo ihr könnt“, lautete damals die Devise der Solidarnosc-Aktivisten. Heute zeigt sich die antistaatliche Attitüde vor allem auf Polens Straßen. Verkehrsregeln sind demnach dazu da, gebrochen zu werden. Zebrastreifen etwa sind die Farbe nicht wert, mit der sie auf den Asphalt gepinselt sind.

Womöglich liegt es an dem anarchischen Grundgefühl der Polen, dass sich in Teilbereichen des Alltagslebens das genaue Gegenteil zeigt: ein kaum gebremster Ordnungsdrang, der alle deutsche Spießbürgerlichkeit in den Schatten stellt. Als ich kürzlich von einer Reise in meine Warschauer Wohnung zurückkehrte, fand ich einen anonymen Notizzettel im Briefkasten vor. der Verfasser rief alle Bewohner des Hauses zu unbedingter Wachsamkeit auf. Andernfalls drohe der Untergang des Abendlandes: „Lassen Sie uns alles tun, damit wir die Kulturlosigkeit ausrotten!“

Was war geschehen? Vor meiner Abreise hatte ich mehrfach einen jungen Mann beobachtet, der in Pyjama, Puschen und Bademantel vor unserem Haus auf und ab ging, eine Zigarette rauchte und in einem Buch las. „Ungewöhnlich“, dachte ich bei mir, „aber durchaus liebenswert.“ Jedenfalls das Gegenteil von Kulturlosigkeit. Davon zeugten schon der dicke Wälzer sowie die Tatsache, dass der passionierte Raucher die Wohnung verließ, um seiner Sucht zu frönen.

Letztlich muss aber wohl doch der strenge Winter gesiegt und den jungen Mann in das Treppenhaus zurückgetrieben haben. Die Blockwarte fanden dort Asche! Welch ein Skandal: „In brennender Sorge um die Gesundheit unserer Enkelkinder“, schrieb der Anonymus, „müssen wir dieses Verhalten schnell und entschieden unterbinden!“ Sonst, ja sonst „finden wir womöglich bald Alkohol und leere Flaschen im Eingangsbereich“. Klarer Fall von Sodom und Gomorrha.

Was aus all dem geworden ist, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Wahrscheinlich war Gottes Strafe schon vor meiner Rückkehr auf den Sünder niedergefahren. Gesehen habe ich den sympathischen jungen Mann mit Fibel und Fluppe jedenfalls nicht mehr. Nun ja, letztlich trifft es immer die Falschen.

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