Die Ruhe vor dem Boom

In Polen herrscht energiewirtschaftliche Gründerzeit – ein Fallbeispiel

 

Im Treppenhaus blättert der Putz von den Wänden. Der Klingelknopf hängt heraus. Das Haus Nr. 19 in der Warschauer Mahatma-Gandhi-Straße ist kein sehr anheimelnder Ort. Marek Poltorak aber strahlt, als er die Tür öffnet und in die fast leere Wohnküche bittet. Auf der Spüle steht noch der längst vertrocknete Weihnachtsbaum. Daneben klemmt ein Faxgerät im Schrank. In einer Ecke lehnen einige Solarzellen.

 

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Marek Poltorak mit einem Miniwindrad seiner Firma Ecosolar. Foto: Krökel

Marek Poltorak plant von diesem Quartier aus so etwas wie Polens ökologische Revolution. Der 38-Jährige hat gemeinsam mit seiner Frau Dorota und Freund Pawel Sulkowski die Firma Ecosolar aufgebaut. Der Familienbetrieb mit seinen 23 Mitarbeitern ist auf dezentrale Versorgungslösungen spezialisiert. In Deutschland gilt diese Form der regenerativen Energiegewinnung vielen Experten als Königsweg in eine umweltfreundliche Zukunft. „In Polen sind wir Marktführer“, sagt Poltorak und lacht. „Und dies ist unser Unternehmenssitz.“

Es herrscht energiewirtschaftliche Gründerzeit in Polen. Das Land, das Strom und Wärme über Jahrzehnte hinweg aus heimischer Steinkohle gewonnen hat, sucht in Zeiten des Klimawandels nach einer neuen Versorgungsstrategie. In Gründerzeiten aber, so lässt Marek Poltorak durchblicken, sind Kunstgriffe erlaubt. Die Wohnung in der Gandhi-Straße 19 gehört in diese Kategorie. „Wer in Polen wirtschaftlich erfolgreich sein will, der braucht ein Firmenschild in der Hauptstadt“, erklärt Poltorak. „Wir produzieren in Radom.“

Der Weg in die Universitätsstadt 100 Kilometer südlich von Warschau führt durch eine Tiefebene, die – so sagen Fachleute – bestens geeignet wäre für die Nutzung der Windkraft. Doch die Schnellstraße E 77 passiert nur eine einzige Anlage. Ihre Flügel schaukeln müde vor sich hin. Ein überdimensionierter Werbeslogan für Minzbonbons prangt auf dem Mast: „Wir sorgen für Frische.“

Polen gilt als Land mit einem enormen Potenzial für die Nutzung von Wind- und Wasserkraft, Photovoltaik und Biomasse. „Ausgeschöpft wird es bislang kaum“, betont Grzegorz Wisniewski. Der Leiter des Warschauer Instituts für Erneuerbare Energien hat bereits die EU und die polnische Regierung beraten. Und die haben ehrgeizige Ziele. Bis 2020 soll der Anteil regenerativer Energien am Verbrauch europaweit auf 20 Prozent steigen. Für Polen lautet der Auftrag: Verdoppelung auf 15 Prozent.

Bei 7,5 Prozent liegt die Quote derzeit. Das ist gar nicht einmal wenig. In Deutschland sind es gut 10 Prozent. Doch in Polen trügt der Schein. Den Löwenanteil mache die Biomasse aus, erklärt Wisniewski. „Und das ist auf die bloße Holzverfeuerung in Privathaushalten zurückzuführen.“ Kurz hinter dem Ortseingang von Radom ist das zu riechen. An diesem eisigen Wintertag, an dem sich Marek Poltoraks Demonstrations-Windanlage kaum rührt, kann man den Smog der Öfen sogar auf der Zunge spüren. „Das ist alles eine einzige Mogelei“, sagt der 38-Jährige. „Die Leute verbrennen ihr Schnittholz, und das gilt dann als Bio-Energie.“

Poltorak will es besser machen. „Wir stellen zum Beispiel Straßenlampen mit Solartechnik her“, erzählt er und öffnet das Tor zu der Fertigungshalle. Der erste Blick jedoch fällt auf eine prachtvolle Yacht. Dahinter schleift ein Handwerker einen unfertigen Bootsrumpf. „Von unseren Windrädern allein können wir nicht leben“, sagt Poltorak wie beiläufig. „Beim Schiffbau verwenden wir ähnliche Komponenten und erzielen höhere Erlöse.“ Also baut Ecosolar auch Yachten.

Wörter wie Synergie-Effekt oder Quersubventionierung kommen dem studierten Mechatroniker und ausgebildeten Piloten nicht über die Lippen. Der 38-Jährige mit dem runden Gesicht und dem jungenhaften Lachen theoretisiert nicht – er ist vor allem Praktiker. „Unsere erste Turbine haben Pawel und ich auf einem Feld ausprobiert, weil der Test im Windkanal zu teuer war. Wir haben die Mühle aufgestellt und geguckt, was passiert.“

Sieht so die Zukunft der regenerativen Energien in Polen aus? Die Wirtschaftsberater der schweizerischen Consulting-Firma OSEC halten dies durchaus für denkbar. In ihrem Jahresgutachten „Erneuerbare Energien in Polen“ schrieben sie zuletzt über die dezentrale Versorgung, diese sei zwar wegen der hohen Kosten bislang „nur etwas für Enthusiasten“. Produzenten jedoch, „die professionell und mit Geräten zu vernünftigen Preisen auf dem polnischen Markt einsteigen, dürften sich ihres Erfolges fast schon sicher sein“. Das Land erlebt demnach die Ruhe vor dem Boom.

 

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Werdendes Windrad, noch etwas flügellahm: Blick in die Werkstatt von Ecosolar. Foto: Krökel

Daran glaubt auch Marek Poltorak. „Wir produzieren derzeit 50 Windräder im Jahr,aber unser mittelfristiges Ziel sind 25 pro Monat“, sagt er und öffnet die Tür zu einem Nebenraum der Fertigungshalle. Es sieht dort aus wie im Hobbykeller eines Modellbauers. Auf den Werkbänken liegen Spachtel, Stechbeitel und Zollstöcke. High-Tech-Maschinen gibt es nicht. Poltoraks Leute feilen an jedem einzelnen Flügelblatt. Ecosolar-Mikrowindräder entstehen in Handarbeit. Sie haben eine Nennleistung von drei bis sechs Kilowatt. Zum Vergleich: Durchschnittliche Windturbinen deutscher Bauart erzeugen die tausendfache Menge Strom.

„Wir produzieren für Otto-Normalverbraucher“, sagt Poltorak. Der Erfolg gibt dem Kleinunternehmer recht. „Anfangs war das für uns eine Spielerei“, gesteht er, „aber jetzt ist daraus ein echtes Geschäft geworden.“ Ecosolar exportiert seine Anlagen nicht nur nach Deutschland und in andere europäische Staaten, sondern auch nach Korea und in die USA. „Auf dem polnischen Markt tun wir uns schwerer, weil unsere Kunden keinerlei Förderung vom Staat erhalten.“

Das soll sich nun ändern. Erst vor wenigen Wochen hat die Regierung in Warschau einen „Aktionsplan Erneuerbare Energien“ vorgelegt, der Teil einer „Versorgungsstrategie 2030“ ist. Darin ist auch eine Unterstützung für dezentrale Windkraftanlagen vorgesehen. In den Startlöchern stehen aber vor allem Branchenriesen wie die dänische Vestas oder die deutschen Unternehmen Siemens, Repower und Nordex. Fünf Windparks haben die internationalen Marktführer in Polen bereits errichtet. Nun aber wollen sie das ganz große Rad drehen.

Grzegorz Wisniewski vom Warschauer Institut für Erneuerbare Energien rechnet mit einer Investitionssumme von 27 Milliarden Euro bis 2020. Doch Windkraft, Solartechnik und Biomasse haben im Ringen um staatliche Mittel zahlreiche Konkurrenten. „In Polen hat die Kohle weiterhin die stärkste Lobby“, erklärt Wisniewski. Fast zwei Drittel seines Energiebedarfs deckt das Land noch immer aus dem Verbrauch des Klimakillers Nummer eins.

Und dennoch: Die EU-Vorgaben zum Klimaschutz wirbeln den polnischen Energiemarkt durcheinander. „Diversifizierung“ hießt das Zauberwort. Möglichst viele verschiedene Quellen will die Regierung von Ministerpräsident Donald Tusk anzapfen. Im westpolnischen Swinemünde entsteht derzeit ein Spezialterminal für den Import von Flüssiggas aus Algerien und Katar. Bei Danzig will Polen sein erstes Kernkraftwerk bauen. Und im Südosten des Landes gräbt man nach Schiefergas, einer Sonderform des Erdgases.

Für Marek Poltorak ist all dies unter Umweltgesichtspunkten „ein Riesenbetrug“. Von Kohle und Atomstrom hält er ohnehin nichts. „Aber nehmen Sie auch die Windkraft“, sagt er beim Verlassen der Fertigungshalle in Radom. „Unsere Anlagen lassen sich mit einem Kleinlaster anliefern“, erklärt er und zeigt auf die Probeturbine. „Für große Windräder braucht man Spezial-Lkw, allein um die Flügel zu transportieren. Fahren können die aber nur auf breiten Straßen, die es bei uns in vielen Regionen gar nicht gibt. Also wird man erst einmal die Landschaft plattwalzen“, sagt Poltorak und lacht diesmal nicht“, um anschließend umweltfreundliche Windparks zu errichten.“

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