Schlesien – das Kosovo Mitteleuropas?

Die Autonomiebewegung in Schlesien gewinnt rasant an Zulauf. Was steckt dahinter?

 

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Schlesier-Führer Jerzy Gorzelik (Mitte) mit weiteren RAS-Aktivisten in den Landesfarben Blau-Gelb. Foto: privat

Furcht vor Abspaltung wächst
Vom Kosovo will Jerzy Gorzelik nichts hören. Seine Vorbilder sind der Freistaat Bayern, die Provinz Südtirol oder die Schweizer Kantone. Die Eigenständigkeit der Süddeutschen, der Norditaliener und der Eidgenossen gefällt dem 39-jährigen Kunsthistoriker ausgesprochen gut. Der Universitätsgelehrte aus dem polnischen Kattowitz führt seit 2003 die Bewegung für ein autonomes Schlesien (RAS) an. Seither gewinnt die Gruppierung rasant Zulauf. Bei den Kommunalwahlen erhielt die RAS vor wenigen Wochen in der Wojewodschaft Schlesien 8,5 Prozent der Stimmen. Gorzelik eroberte einen Platz in der Regionalregierung. Die wichtigste polnische Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ fragte bereits: „Spaltet sich Schlesien jetzt von Polen ab?“

Erinnerung an die Tragödie von 1945
Gorzelik weist dies im Gespräch mit dieser Zeitung weit von sich. Frei nach dem Motto „Kantone statt Kosovo“ verlangt er nicht die Unabhängigkeit, sondern „mehr politische Eigenständigkeit und kulturelle Autonomie für Schlesien“. Es gehe ihm vor allem um die „Anerkennung unserer regionalen Identität“, sagt Gorzelik. Was er und seine Gefährten darunter verstehen, ist an diesem Sonnabend in Kattowitz zu bestaunen. Seit drei Jahren versammeln sich die RAS-Aktivisten dort jeweils am letzten Januar-Wochenende zu einem „Marsch nach Zgoda“, um der „oberschlesischen Tragödie des Jahres 1945“ zu gedenken.

Verschleppt, vergewaltigt, ermodet
In dem einstigen KZ vor den Toren der Stadt pferchten die Nazis zwischen 1942 und 1945 Zwangsarbeiter ein. Ende Januar 1945 übernahm die vorrückende Rote Armee das Lager. Die Sowjets und später die polnischen Kommunisten internierten dort vorwiegend deutsche Gefangene. „Schlesier“, sagt Gorzelik, der nicht gern in Kategorien nationaler Zugehörigkeit denkt. „Es waren Einheimische, die Stalins Schergen nach Sibirien verschleppten, vergewaltigten oder ermordeten – gleichgültig, ob sie etwas mit den Nazis zu tun hatten oder nicht. An ihr Leiden erinnern wir.“

„Ich bin Schlesier, nicht Pole“
Tatsächlich deportierten die Sowjets und ihre polnischen Kampfgenossen 1945 Zehntausende Schlesier, sperrten sie ein oder brachten sie auf der Stelle um. Ob die Opfer ethnische Deutsche waren, darüber gehen die Meinungen auseinander. In der Region hatten sich seit Jahrhunderten die Völkerschaften gemischt. Unabhängig davon, ob das Gebiet gerade als Herzogtum eigenständig war, ob es zu Polen, zu Böhmen, zu Österreich oder zu Preußen/Deutschland gehörte, bildete sich eine eigene Identität mit ausgeprägten Mundarten wie dem „Wasserpolnischen“ heraus. „Ich bin Schlesier, nicht Pole“, sagt Gorzelik, der in Zabrze westlich von Kattowitz geboren ist.

Vorbilder waren die Oma und der Vater
Jugendfreunde erklären Gorzeliks Heimatverbundenheit mit dem Einfluss seiner Großmutter Stefania – einer Ur-Schlesierin. Vorbild für das politische Engagement war der Vater, der in der polnischen Untergrundarmee gegen die Nazis kämpfte. In der Regierung der Wojewodschaft Schlesien, die faktisch nur die Gebiet Oberschlesiens umfasst, ist der promovierte Kunsthistoriker für Bildung und Kultur zuständig. „Das gibt ihm großen Einfluss“, urteilt der schlesische Publizist und RAS-Experte Przemyslaw Jedlecki, der die Entwicklung der Bewegung seit Jahren verfolgt. Dass sich die liberale Bürgerplattform (PO) des in Warschau regierenden Premierministers Donald Tusk zu einer Koalition mit der RAS bereit erklärt hat, belege die Wandlungsfähigkeit der Autonomiebewegung, erklärt Jedlecki.

Klage gegen den polnischen Staat
Er spielt damit auf Gorzeliks radikale Vergangenheit an. In den 90er Jahren hatte der Aktivist den polnischen Staat vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof auf Zulassung einer separatistischen Schlesierpartei verklagt. Daraufhin nahm der Verfassungsschutz Gorzelik ins Visier. Landesweit gerieten die Schlesier in den Ruf, sich von Polen abspalten und Deutschland anschließen zu wollen. Dort, im westlichen Nachbarland, beobachtet man das Treiben der RAS misstrauisch. Bei der schlesischen Landsmannschaft im Bund der Vertriebenen heißt es auf Anfrage nur: „Vorerst kein Kommentar.“

„Schlesisches Geld für Schlesien“
Von Unabhängigkeit will die RAS mittlerweile nichts mehr wissen. „Gorzelik hat aus früheren Niederlagen gelernt“, sagt Jedlecki. Vor den Kommunalwahlen forderte die RAS unter der Devise „Schlesisches Geld für Schlesien“ vor allem mehr Entscheidungsgewalt für die Wojewodschafts-Regierung. Das kam in der reichen Industrieregion mit ihren Kohlegruben, Stahlwerken und Maschinenbaubetrieben gut an. „Warum sollen wir unsere Steuereinnahmen nach Warschau abführen“, fragt Gorzelik mit Blick auf das stark zentralisierte polnische Staatswesen, „um anschließend von dort Almosen zugeteilt zu bekommen?“

Die ehrgeizigen Jungen wollen sich nicht bevormunden lassen
Die Rhetorik eines nationalistischen Extremisten klingt anders. Mitteleuropa wird also ein bewaffneter Kampf wie im Kosovo, im Baskenland oder in Nordirland erspart bleiben. Eher dürften sich Gorzelik und die RAS an der Lega Nord in Italien orientieren. Auch dort geht es nicht zuletzt um die Sicherung des Wohlstands in einem wirtschaftlich starken Landesteil. Die RAS zählt heute 7000 Mitglieder. Das Durchschnittsalter beträgt 35 Jahre. Es sind die ehrgeizigen jungen Schlesier, die sich nicht länger von Warschau aus bevormunden lassen wollen. Und so sagt Gorzelik immer wieder: „Wir sind polnische Staatsbürger, aber unsere Heimat ist Schlesien.“

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