Massengräber als Massenthema

Vor 65 Jahren begann die organisierte Vertreibung der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei. Jetzt stellen sich die Tschechen den dunklen Kapiteln ihrer Vergangenheit.

Dobronin, Postoloprty, Podborany: Die einzelnen Namen verflüchtigen sich immer mehr zu Schall und Rauch. Sie reihen sich ein in eine immer länger werdende Liste von tschechischen Orten, an denen in den vergangenen Jahren Massengräber mit ermordeten Deutschen entdeckt wurden. Getötet 1945/46 von Sowjetsoldaten, vor allem aber von einheimischen Tschechen – aus Rache und Hass nach der jahrelangen Unterjochung durch die Nazis.

In diesen Tagen jährt sich der Beginn der organisierten „Aussiedlung“ der Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg zum 65. Mal. Doch dem geregelten Abtransport seit dem Winter 1946 waren monatelange „wilde Vertreibungen“ vorangegangen. Staatlich geduldete tschechische Milizen zogen damals plündernd und mordend durch das Land, das Hitler in seinem Blut-und-Boden-Wahn allein den Deutschen vorbehalten hatte. 1945/46 schlug das Pendel zurück. Fast drei Millionen Sudetendeutsche mussten ihre Heimat verlassen. Mehrere zehntausend Menschen verloren ihr Leben.

Die nüchternen Zahlen sagen wenig über das Leid der Opfer und die Motive der Täter. „Deswegen sind eben doch die Einzelfälle wichtig, die Namen der Orte und der Ablauf des Geschehens“, sagt der Prager Politikwissenschaftler und Historiker Ondrej Matejka im Gespräch mit dieser Zeitung. Unabhängig von dem „Gewöhnungseffekt“, den er in der tschechischen Gesellschaft ausgemacht hat, wenn es um Enthüllungen über Massaker an Sudetendeutschen geht. „Es werden noch hunderte Massengräber gefunden werden“, heißt es immer wieder in tschechischen Zeitungen. Verkommt die Aufarbeitung der Vergangenheit zu einer Pflichtübung?

Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Vor allem die elektronischen Massenmedien greifen das Thema regelmäßig auf. So löste der Film „Töten auf Tschechisch“, den das Staatsfernsehen im vergangenen Mai zur besten Sendezeit ausstrahlte, heftige Debatten aus. Die Dokumentation zeigte – 65 Jahre nach dem Beginn der „wilden Vertreibungen“ – Originalaufnahmen vom mitleidlosen Wüten der Milizen in Dobronin (Dobrenz) und anderswo. Erst vor wenigen Tagen präsentierte das öffentlich-rechtliche „Radiojournal“ seine Recherchen zum Massaker von Podborany (Podersam). Im Juni 1945 trieben dort tschechische Paramilitärs rund 70 inhaftierte Sudetendeutsche in einen Wald und erschossen sie. Die meisten von ihnen, aber bei weitem nicht alle, waren Nazis.

Eine gerichtliche Aufarbeitung des Geschehens hat es bis heute nicht gegeben. Das verhinderten schon die umstrittenen Dekrete des 1945 bis 1948 amtierenden tschechischen Präsidenten Edvard Benes. Das Grauen der „wilden Vertreibungen“ sollte demnach straffrei bleiben. Doch den Nachkommen der Täter wie der Opfer sind Wissen und Wahrheit wichtiger als die juristische Dimension. „Seit etwa zwei Jahren debattieren die Tschechen die Verbrechen an den Deutschen sehr intensiv“, sagt der 31-jährige Politologe Matejka. „Das ist ein Dauerbrenner, und das ist gut so.“

Matejka ist Mitbegründer der Bürgerinitiative „Antikomplex“, die sich „die tschechische Reflexion der deutschen Geschichte in Böhmen, Mähren und Schlesien“ auf die Fahnen geschrieben hat. Er gehört zu jenen „mutigen jungen Leuten“, die Martin Dzingel, der Präsident der deutschen Minderheitenvertretung in Tschechien, ausdrücklich für ihr Engagement lobt. Die öffentliche Diskussion über die Verbrechen an den Sudetendeutschen könne zur Aussöhnung beitragen, sagt der Mittdreißiger. „Ein echter Dialog mit uns steht aber noch aus.“

Der Sprecher der sudetendeutschen Volksgruppe, der CSU-Europaabgeordnete Bernd Posselt, ist ebenfalls davon überzeugt, dass die tschechische Debatte Versöhnung stiften kann. Auch er gehört mit seinen 54 Jahren zu den Nachfahren der Opfer. „Ich bin von der tschechischen Diskussion tief beeindruckt“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Noch lange nach der friedlichen Revolution von 1989 habe sich „nur eine intellektuelle Elite für die Vertreibungen interessiert“. Inzwischen seien die Verbrechen aber „ein Massenthema in Tschechien“, erklärt Posselt. „Darüber empfinden alle Sudetendeutschen große Freude.“

Doch das „Massenthema“ ruft auch Gegner einer „allzu einseitigen Geschichtsdarstellung“ auf den Plan, über die sich der tschechische Präsident Vaclav Klaus ärgert. Der Staatschef hat sich im vergangenen Herbst an die Spitze jener Minderheit in seinem Land gestellt, der die Aufarbeitung der eigenen Verbrechen zu weit geht. In Tschechien gebe es „zu viele selbstkritische Stimmen“, während die „weitaus schlimmeren Schandtaten der Nazis“ in den Hintergrund gerieten, schimpfte Klaus. Der Präsident verlangte, in der öffentlichen Debatte „ein Gleichgewicht“ herzustellen.

Matejka ist davon überzeugt, dass dies der „falsche Ansatz“ wäre. „Wenn wir über unsere Verbrechen sprechen, sollten wir nicht pro forma auch über den Nazi-Terror reden, um irgendetwas zu relativieren.“ Der Politikwissenschaftler hält den Streit mit Klaus und seinen Anhängern für entschieden. „Die allermeisten Tschechen stellen die historischen Fakten nicht mehr in Frage. Wir wissen um unsere Verbrechen.“ Widerstand gegen die Veröffentlichung von Dokumenten gebe es deshalb allenfalls auf lokaler Ebene. „In den Orten, in denen man Massengräber entdeckt oder von Massakern erfährt, tut das natürlich weh“, sagt Matejka.

Wie in Postoloprty (Postelberg). Im Juni 1945 töteten tschechische Milizen dort mindestens 700 Sudetendeutsche. Ihre Gräber hatten sie zuvor selbst ausheben müssen. Das Morden in Postoloprty war eines der schlimmsten bekannten Massaker während der „wilden Vertreibungen“. 65 Jahre nach der Tat errichteten die Einwohner von Postoloprty schließlich eine Gedenktafel für die Opfer. Vorangegangen war allerdings eine schmerzhafte Debatte in dem 5000-Einwohner-Städtchen. „Warum“, fragten die Gegner eines Mahnmals, „sollen wir an die Deutschen erinnern, die so viele Tschechen auf dem Gewissen haben?“ Politikwissenschaftler Matejka lässt in seiner Antwort keinen Zweifel am Sinn des Gedenkens aufkommen: „Der Weltkrieg mit all seinen Verbrechen war ein historischer Bruch. Diesen Bruch können wir nur kitten, wenn wir alle Opfer würdigen.“

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