Ewige Mahnung

Die Überlebenden sterben aus: 66 Jahre nach Kriegsende tritt das Gedenken an den Holocaust in eine neue Phase ein – ein Leitartikel.

Als erster Bundespräsident überhaupt hat Christian Wulff am Holocaust-Gedenktag in Auschwitz eine Rede gehalten. Das war eine starke Geste, zumal sich die Befreiung des NS-Vernichtungslagers gestern zum 66. Mal jährte und somit kein runder Jahrestag anstand.

Wulff hat das richtige Signal zur richtigen Zeit gesendet. Denn jene, die aus erster Hand über das Grauen berichten können, sterben allmählich aus. Und je weniger Überlebende des Holocaust es gibt, desto wichtiger wird das institutionalisierte Gedenken an die Opfer.

Der von Deutschen verübte Völkermord an den Juden war ein einzigartiges Menschheitsverbrechen. Doch ist dies den nachwachsenden Generationen noch authentisch zu vermitteln, wenn es die, die dabei waren, nicht mehr gibt? Zumindest den Versuch müssen die Nachkriegsgeborenen unternehmen. Wulff und sein polnischer Amtskollege Bronislaw Komorowski haben dies gestern im direkten Gespräch mit Jugendlichen getan. Dafür gebührt ihnen Lob.

Anerkennung verdient auch das Bemühen des polnischen Auschwitz-Überlebenden Wladyslaw Bartoszewski, der die internationale Staatengemeinschaft wieder und wieder um Spenden für die Gedenkstätte auf dem ehemaligen KZ-Gelände bittet. 60 Millionen Euro, die Hälfte des anvisierten Betrages, hat die Bundesrepublik bereits zugesagt. Andere Länder ziehen nun nach. Das ist gut so, denn das Auschwitz-Museum ist und bleibt der zentrale Ort des Erinnerns. Und der Holocaust geht alle an.

Bartoszewski personifiziert die Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen wie kaum ein Zweiter. An ihn und seinesgleichen – nicht nur in Polen, sondern vor allem auch in Israel und unter den Juden in Deutschland – richtete Wulff gestern seinen Dank für die Bereitschaft zur Vergebung. Auch diese Sätze des Bundespräsidenten waren ebenso bemerkens- wie bedenkenswert. Denn in der Tat war die neue Chance, die Deutschland nach dem Krieg bekommen hat, ein schier unglaublicher Glücksfall unserer Geschichte.

Wichtiger noch als alle nachdenkliche Rückschau sind jedoch das Handeln in der Gegenwart und die Gestaltung der Zukunft. Der Ruf „Nie wieder Auschwitz!“ sollte – im weit gefassten Sinne – ewige Mahnung und Leitlinie unseres Tuns bleiben. Deshalb ist es für die deutsche Außenpolitik entscheidend, nicht wegzuschauen, wenn Diktatoren in Weißrussland, Nordkorea oder Iran Menschenrechte mit Füßen treten.

Die Probleme allerdings beginnen direkt vor unserer Haustür. Im Umgang mit den Roma haben sich diverse EU-Staaten im vergangenen Jahr kein Ruhmesblatt erworben. Die Ausweisungspolitik in Frankreich und die Diskriminierung in einigen Ländern des östlichen Europa sind zwar in keiner Weise mit dem Rassenwahn der Nazis zu vergleichen. Doch Ausgrenzung bereitet den Boden, auf dem Hass gedeiht.

Auch in Deutschland liegt in dieser Hinsicht noch manches im Argen. Dabei gehören die Sinti und Roma zu den – oft vergessenen – Opfern der NS-Vernichtungspolitik. Der Bundestag hat daran gestern in seiner Feierstunde zum Holocaust-Gedenken erinnert. Es war ein überfälliges Zeichen. Den hehren Worten müssen aber Taten folgen. Noch immer haben Roma in Deutschland schlechtere Chancen als fast alle anderen gesellschaftlichen Gruppen. Das muss sich ändern.

Wulff steht für einen integrativen Politikansatz. In Auschwitz hat er gestern einmal mehr die richtigen Worte gefunden und das Richtige getan. Der Bundespräsident, dessen erste Monate im Amt von Misstrauen begleitet waren, weil mancher Kommentator dem unterlegenen Gegenkandidaten Joachim Gauck nachtrauerte, mausert sich zum Macher auf einem eher machtlosen Posten.

Am 20. Jahrestag der Wiedervereinigung hatte Wulff der Islam-Debatte neue Impulse gegeben. Nun bekannte er in Auschwitz Farbe. Beides war mutig, beides ist ihm gelungen. Wulff schickt sich damit an, die Definitionshoheit über die Staatsräson der Bundesrepublik zu erobern. Mehr kann ein Bundespräsident nicht leisten.

Erschienen in „Mittelbayerische Zeitung” (28. Januar 2011)

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