„Die Deutschen sind Ferkel“

Eine polnische Putzfrau stöbert im Dreck unter unseren Betten: Unter dem Pseudonym Justyna Polanska hat sie ein Buch über die Scheinheiligkeit der Deutschen geschrieben.

Schwarzarbeit, Sexismus, Hochmut und Niedertracht
Was die meisten ahnten, wird jetzt publik: Hinter den Fassaden deutscher Spießbürgerlichkeit verbirgt sich ein Sündenpfuhl. Schwarzarbeit auch bei den Reichsten, Sexismus, Niedertracht und Hochmut sind dort an der Tagesordnung. So jedenfalls beschreibt es Justyna Polanska. Die Polin arbeitet seit mehr als einem Jahrzehnt in deutschen Haushalten als Putzfrau. Nun bricht sie in dem Buch „Unter deutschen Betten“ ihr Schweigen. Und was die 32-Jährige in unseren Schlafzimmern und mit ihren gutbürgerlichen Auftraggebern erlebt hat, ist atemberaubend.

„Eine mumifizierte Hamsterleiche war das Ekeligste, was ich unter Matratzen und Sofas entdeckt habe“, sagt Polanska im Gespräch mit dieser Zeitung und zählt auf: „Ein abgestorbener großer Zehnagel, benutzte Kondome und Tampons mit Spuren der Verrottung, Hundekotze, ein halbes Hähnchen…“ Wenn die Polin ins Reden kommt, ist sie kaum zu stoppen. Ist Polanska womöglich eine sensationslüsterne Schwätzerin mit einem unterdrückten Hass auf alles Deutsche? „Im Gegenteil“, antwortet die Autorin, „ich finde die Deutschen super! Aber es nicht alles Gold, was hier glänzt.“

„Pass doch auf, du blöde Polackin“
Ohnehin sei der Dreck nicht das Schlimmste, was sie in deutschen Haushalten erlebt habe, sagt Polanska: „Ich bin schließlich Putzfrau, Müll gehört zu meinem Job.“ Was die Polin weit mehr empört als jeder Unrat unter dem Bett, ist „dreckiges Benehmen“. Das sei „oft unerträglich gewesen“, sagt Polanska und erzählt Beispiele von plumper sexistischer Anmache („Trägst du rote Unterwäsche?“) und hochnäsiger Ignoranz („Pass doch auf, du blöde Polackin“).

Die polnische Putze muss zugucken
Und so ist die Episode, die Polanska als ihr schmerzhaftestes Erlebnis als Putzfrau empfindet, eine eher stille, traurige Geschichte. Nach einem Umzug habe sie mit einer deutschen Kollegin sechs Stunden lang bei schwüler Hitze das neue Heim ihrer Auftraggeber gewienert, erzählt die 32-Jährige mit gedämpfter Stimme. Am Abend aber habe die Familie, für die sie seit langem arbeitete, alle zum Pizzaessen gebeten. „Nur mich nicht. Die deutsche ‚Reinemachefrau‘ durfte mitessen. Aber die ‚polnische Putze‘ musste zugucken.“

Sie wollte Maskenbildnerin werden
Polanska, die mit einem Italiener verheiratet ist, kam nach dem Abitur nach Deutschland. „Ich wollte Maskenbildnerin werden“, erzählt sie. Doch zunächst ging es um die Existenzsicherung – „also habe ich geputzt, und dabei ist es geblieben.“ Sie mache ihre Arbeit gern, fügt Polanska hinzu. „Es geht Justyna in erster Linie um mehr Respekt“, sagt ein Freund, der die 32-Jährige bei ihren Buchplänen unterstützt hat. Er vermittelt den Kontakt zu der Polin, die nicht öffentlich auftreten möchte („Keine Namen, kein Fotos“). Die Bezeichnung „Polanska“ ist ein Pseudonym.

„Steuern? Sind Sie verrückt?“
Warum diese Geheimniskrämerei? „Ganz einfach“, antwortet die Autorin, „weil sonst morgen die Finanzfahndung vor meiner Tür steht. Ich arbeite ausschließlich schwarz.“ Der Grund dafür liege allerdings nicht bei ihr, sagt die Polin. „Ich habe anfangs versucht, eine legale Beschäftigung zu finden.“ Doch selbst Richter, Polizeibeamte und Anwälte hätten nur höhnisch gelacht: „Steuern? Sind Sie verrückt?“

Die Briten frohlocken über das Deutschen-Bashing
Wenige Tage nach der Erstveröffentlichung hat das Enthüllungsbuch über die Doppelmoral deutscher Spießbürger bereits die Topsellerlisten erreicht und wird sogar international bissig kommentiert. Vor allem britische Medien berichten genüsslich über die „heuchlerischen, knickrigen und dreckigen Deutschen mit ihren schmutzigen kleinen Geheimnissen“, wie die „Daily Mail“ titelte.

Schadenfreude auch in Polen
Aber auch im Heimatland der Autorin diskutieren Journalisten und Experten den handlichen Band mit dem eingängigen Inhalt und dem – Putzfrau bleibt Putzfrau – abwaschbaren Cover ausgiebig. Die Schadenfreude ist in Polen mitunter groß. „Die Deutschen sind Ferkel“, titelte das Boulevardblatt „Fakt“ kurz und knapp.

„Wir sind auch nicht besser“
Demnächst soll es eine polnische Übersetzung des Polanska-Buches geben. Doch schon jetzt mischen sich erstaunliche Untertöne in die polnische Debatte: „Wir sind auch nicht besser“, lautete in dieser Woche der Tenor einer populären Radio-Talkrunde. „Bei uns sind es die Ukrainerinnen, die schwarz putzen“, hieß es dort – „und was die unter polnischen Betten finden, möchte ich lieber nicht wissen.“

Erschienen in der Leipziger Volkszeitung (15. Januar 2011)

Angaben zum Buch: Justyna Polanska, „Unter deutschen Betten. Eine polnische Putzfrau packt aus“, Knaur-Taschenbuch, 224 Seiten, 8,99 Euro, ISBN 3426783975

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