Vom Kriegsrechtsgeneral zum polnischen Gorbatschow

1981 ließ er in Polen den Solidarnosc-Aufstand brutal niederschlagen. Später gehörte er zu den Wegbereitern der friedlichen Revolution von 1989. Mit 88 Jahren schreibt Wojciech Jaruzelski nun seine Erinnerungen.

Der alte Mann sucht die Einsamkeit des Wassers. Wojciech Jaruzelski hat sich in die Abgeschiedenheit der Masurischen Seenplatte zurückgezogen, um seine Memoiren zu Papier zu bringen. Glaubt man Vertrauten des letzten kommunistischen Staatschefs in Polen, so hat der 88-Jährige seine Arbeit mit Hochdruck begonnen. Zu Silvester war Jaruzelski mit einer schweren Lungenentzündung in eine Klinik eingeliefert worden – und dies nicht zum ersten Mal. Die Krankheit hat dem „General mit der dunklen Brille“ nun offenkundig die Endlichkeit des Seins vor Augen geführt.

Knapp 30 Jahre ist es her, dass Jaruzelski nach dem Solidarnosc-Aufstand in Polen das Kriegsrecht verhängte. Vielen seiner Landsleute und manchem Beobachter im Westen galt er deshalb lange Zeit vor allem als „Hardliner“. Doch bis heute ist die Kontroverse nicht entschieden, ob der Mann, der seit seiner Jugend im Marineinternat vor allem in militärischen Kategorien dachte, sein Land nicht eher vor einer sowjetischen Invasion bewahrt und Blutvergießen vermieden hat. So sieht es der General selbst.

Die polnische Öffentlichkeit wartet gespannt auf Jaruzelskis Erinnerungen. „Das kann ein epochales Werk werden“, sagt einer seiner Nachfolger im Präsidentenamt, der Sozialist Alexander Kwasniewski (57). Und das Boulevardblatt „Fakt“ fragt: „Wird sich der General dazu bekennen, dass tausende unschuldig Eingekerkerte und zahllose Tote auf sein Konto gehen?“ Zbigniew Romaszewski (71) glaubt das nicht: „Jaruzelski wird nie die Wahrheit schreiben“, sagt der damalige Dissident, der selbst unter dem Kriegsrechtsregime gelitten hat.

Die meisten Historiker sind sich zumindest über die Ausweglosigkeit der Lage einig, in der sich Jaruzelski im Dezember 1981 dazu entschloss, über Polen das Kriegsrecht zu verhängen. Seit Jahren war es damals in der Volksrepublik wirtschaftlich bergab gegangen. Im Sommer 1980 stiegen dann zunächst die Danziger Werftarbeiter auf die Barrikaden. Ihr Streik weitete sich auf das ganze Land aus. Mehr noch: Unter Führung des späteren Friedensnobelpreisträgers Lech Walesa erhoben die Aufständischen politische Forderungen. Zuallererst ging es ihnen um die Zulassung einer unabhängigen Gewerkschaft.

Das Unglaubliche geschah: Noch unter Führung von KP-Chef Edward Gierek gab das kommunistische Regime den Streikenden nach. Die Solidarnosc trat auf den Plan, die sich schnell von einer Arbeiter- in eine Demokratiebewegung wandelte. Walesa und seine Mitstreiter erhielten 1981 immer mehr Zulauf. Zeitweise zählte die Solidarnosc fast zehn Millionen Mitglieder. Moskau erhöhte den Druck auf Warschau. Als Zugeständnis an den „großen sowjetischen Bruder“ übernahm schließlich der damalige Verteidigungsminister Jaruzelski in Warschau das Ruder.

Ein Armeegeneral als Ministerpräsident und Parteichef: Für viele Beobachter war dies ein untrügliches Zeichen heraufziehenden Unheils. Allzu lebhaft war auch noch die Erinnerung an die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ durch die Rote Armee 1968. Jaruzelski beriet sich 1981 immer wieder mit Kremlchef Leonid Breschnew. Dass die beiden auch die Frage einer sowjetischen Intervention erörterten, hat der an einer Lichtüberempfindlichkeit leidende „General mit der dunklen Brille“ längst preisgegeben. Wie akut die Drohung aus Moskau war, ist aber bis heute ungeklärt.

Jaruzelski, so vermuten Vertraute, wird sich in seinen Memoiren kaum von seiner bisherigen Version der Ereignisse lösen. „Hätte ich nicht gehandelt, hätte Breschnew gehandelt“, lautet sein immer wieder vorgetragener Leitsatz. Tatsächlich ist kaum anzunehmen, dass Moskau eine weitere Demokratisierung Polens und eine Herauslösung des Landes aus dem Warschauer Pakt zugelassen hätte, wie sie Walesa und die Solidarnosc anstrebten. Nicht von ungefähr verschärfte sich die Blockkonfrontation im Streit um den Nato-Doppelbeschluss nur wenig später erneut.

Jaruzelski hat in der Debatte um seine historische Rolle einige Pfunde, mit denen er wuchern kann. Während des Kriegsrechts, das die KP erst 1983 wieder aufhob, saßen zwar zehntausende Solidarnosc-Aktivisten in Haft. Dutzende Menschen starben bei Zusammenstößen mit der Staatsmacht. Doch der General an der Staats- und Parteispitze leitete wirtschaftliche Reformen ein. Als Michail Gorbatschow 1985 im Kreml die Macht übernahm, wurde Polen zum Vorbild und Labor für die Perestroika, die Umgestaltung in der Sowjetunion.

Doch es half alles nichts: „Das Land rutschte immer tiefer in einen ökonomischen und zivilisatorischen Abgrund“, wie es der Warschauer Historiker und Soziologe Edmund Wnuk beschreibt. Jaruzelski erklärte sich 1988 schließlich dazu bereit, mit der Opposition im Land zusammenzuarbeiten. Er akzeptierte Verhandlungen am Runden Tisch und ermöglichte 1989 die unblutige Machtübergabe an die Solidarnosc. Die friedliche Revolution in Polen war auch Jaruzelskis Revolution. Für die Exzesse während des Kriegsrechts hat sich der 88-Jährige wiederholt entschuldigt.

Doch nicht alle Polen wollen die Reue akzeptieren. Der „Kriegsrechts-General“ muss sich seit 2008 wegen kommunistischer Verbrechen vor Gericht verantworten. Jaruzelskis Memoiren könnten nun aber die Chance für eine neue, weniger ideologisierte Debatte über die jüngste polnische Geschichte bieten. „Ich würde mir wünschen“, sagt der einstige Jaruzelski-Vertraute und spätere Premierminister Jozef Oleksy, „dass der General über seine Seelenkämpfe schreibt, die er zu bestehen hatte, und über seine Fehler, die er zweifellos gemacht hat.“

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