Schneemann im Zug

Glaubt man den Kritikern, befindet sich Polens Staatsbahn PKP auf dem Weg in die Anarchie. Die meisten Reisenden sind angesichts des Chaoswinters entnervt.

Der Strom der Passagiere ergießt sich von Sektor 1 in Sektor 3. Doch wenig später krächzt es erneut in einem Lautsprecher, irgendwo hoch oben in der Finsternis unter dem Stahlbetondach. Wo nur mögen die Wagons der zweiten Klasse zum Stehen kommen? Die Masse wogt zurück. Der Abgrund des Gleisbetts und ein rostiger Bauzaun kanalisieren die Menge. Doch all die Mühen sind vergebens. Intercity EIC 4500 von Warschau nach Danzig fährt ohne Ankündigung auf einem anderen Bahnsteig ein. Die verzweifelten Menschen stürzen auf die wenigen Rolltreppen zu. Alternative Aufgänge, die den Ansturm bewältigen könnten, gibt es nicht.

„Wir machen den Weg frei!“, hat sich die polnische Staatsbahn PKP auf die Fahnen geschrieben. Nichts könnte auf dem Warschauer Hauptbahnhof derzeit provokativer wirken als dieser Werbeslogan, mit dem die PKP auf den Spuren einer deutschen Bank wandelt. Denn in dem baufälligen Betonklotz, der gerade rundsaniert wird, sind alle Wege verstopft. Und der irreführende Reklamespruch scheint nicht die einzige ungute Anleihe im westlichen Nachbarland zu sein. Das Chaos, das seit Wochen den Schienenverkehr in Polen lahmlegt, wirkt wie eine schlechte Kopie des Katastrophenwinters bei der Deutschen Bahn.

Wo sich zwischen Flensburg und Garmisch Züge verspäten, da fallen sie zwischen Stettin und Krakau gleich ganz aus. Und wenn sich Reisende in Deutschland über mangelnde Informationen empören, so fehlen die Hinweise in Polen oft vollständig. Schlimmer noch: Nach einem völlig missglückten Fahrplanwechsel vor Weihnachten weisen Internet-Suchmasken Verbindungen aus, die es in der Realität gar nicht gibt.

Warszawa Zentralna ist Sinnbild des Niedergangs. Der wichtigste Bahnhof der Hauptstadt und damit des Landes ist zugleich eines der hässlichsten und für seine Zwecke untauglichsten Gebäude der Metropole. Zu den unterirdisch verlegten Gleisen führt ein Labyrinth aus düsteren Gängen, durch die der Dunst der Menschenmassen wabert. Er mischt sich mit dem Geruch von altem Fett, den die zahllosen Imbissbuden verströmen. An den Fahrkartenschaltern trennt undurchdringliches Plexiglas die Kassierer von ihren Kunden. Winzige Mikrofone und Lautsprecher sollen es richten. Doch die verzerrten Stimmen verlieren sich in der riesigen Bahnhofshalle.

„Es ist eine Farce“, sagt der 28-jährige Roman. Der Jungunternehmer im Trenchcoat steht an, um ein Ticket nach Berlin zu ergattern. Zwei Schalter gibt es in Warszawa Zentralna, die internationale Fahrkarten im Angebot haben. Regelmäßig bilden sich Schlangen „wie zu Zeiten des Kommunismus vor den Lebensmittelläden“, schimpft Roman, der die Leiden des Realsozialismus allerdings nur aus Erzählungen kennt. Doch der Vergleich trifft das Wesen des Problems. Die PKP ist an der Transformation in die schöne neue Welt der Marktwirtschaft gescheitert.

Polens Staatsbahn befand sich 1989/90 in einem erbärmlichen Zustand. Wer damals auf dem maroden Schienennetz in zugigen Wagons durch das Land zuckelte, begab sich auf eine Zeitreise ans Ende des Zweiten Weltkriegs. Und einiges verharrt bis heute auf diesem Stand. Bis vor kurzem noch dauerte eine Fahrt von Warschau nach Danzig mit sieben Stunden fast so lange wie in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Die wechselnden Regierungen drückten sich in den 90er Jahren vor den unvermeidlichen Einschnitten. Angesichts einer Arbeitslosigkeit von 15 bis 20 Prozent hatte niemand ein Interesse daran, die Staatsbediensteten der PKP aufs Abstellgleis zu schieben. Die hohen Personalkosten verhinderten notwendige Investitionen in die Infrastruktur. Am Ende häufte die PKP Milliardenschulden an, die noch immer auf dem Unternehmen lasten.

Und dennoch: „Was jetzt unter dem Deckmantel der Erneuerung geschieht, ist peinlich und unseriös“, sagt der konservative Oppositionspolitiker Jerzy Polaczek. „Bei der Bahn herrscht Anarchie“, wettert er. Tatsächlich hat die rechtsliberale Regierung von Premier Donald Tusk nach ihrem Amtsantritt 2007 der Bahn ein Modernisierungsprogramm verordnet, das derzeit in seine heiße Phase geht.

Bereits Tusks Vorgänger hatten damit begonnen, die PKP in ihre Bestandteile zu zerlegen. Inzwischen wirtschaften der Gleisnetzbetreiber PLK, die Schlaf- und Speisewagengesellschaft WARS, die Intercity AG, der Güter- und Logistikbereich PKP-Cargo sowie die Regionalbahnen jeweils für sich. Der Sinn der Operation trägt einen einfachen Namen: Privatisierung. Die Unternehmensteile sollen portionsweise aus der Obhut des Staates entlassen werden. „Nur mit einem radikalen Kurswechsel bekommen wir die Probleme in den Griff“, sagt Tusk.

Die Menschen auf dem Bahnhof Warszawa Zentralna sind sich da zumeist nicht so sicher. Fast jeder hat dort eine Geschichte zu erzählen, wie ihm die PKP in den vergangenen Wochen das Reisen zur Höllenfahrt gemacht hat. Im Internet lassen PKP-Kunden ihrem Ärger freien Lauf. Von Passagieren ist dort die Rede, die durch Fenster klettern, um ihren Platz zu erreichen. Hinzu kommen wie in Deutschland Probleme mit dem Winterwetter: „In unserem Intercity sammelte sich im Übergang zwischen den Wagen so viel Schnee“, schreibt ein Nutzer, dass „ein Reisender daraus einen Schneemann gebaut hat.“

Selbst der smarte Jungunternehmer Roman zweifelt am Segen der Privatisierungspolitik. Der 28-Jährige, der in der IT-Branche arbeitet, verweist auf das Beispiel der Billiglinie TLK, die zur Intercity AG gehört. TLK stehe für „Deine Eisenbahn“, erläutert Roman und verzieht verächtlich die Mundwinkel. „Aber meine Eisenbahn bietet nun ausschließlich Reisen zu Sonderpreisen an und nimmt dem eigenen Unternehmen die Kunden weg.“

Der Fahrplanwechsel Mitte Dezember geriet vor diesem Hintergrund zum GAU. Der ausgeweitete Einsatz von TLK-Zügen war nicht mit den anderen Anbietern abgestimmt. Die Folge: Angekündigte Züge mussten im Depot bleiben, andere waren heillos überfüllt oder blieben auf offener Strecke stehen. Am Ende musste PKP-Chef Andrzej Wach kurz vor Silvester seinen Hut nehmen.

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt – selbst im Gedränge auf dem Warschauer Hauptbahnhof. „Die Fußball-Europameisterschaft 2012 wird uns retten“, sagt Roman. Das prestigeträchtige Großereignis spült viel Geld nach Polen und ins Co-Gastgeberland Ukraine. Und da der Erfolg mit der Mobilität der Sportfans steht und fällt, haben Staat und PKP eine umfangreiche Sanierung der wichtigsten Strecken und Bahnhöfe eingeleitet. So soll sich die Fahrzeit von Warschau nach Danzig vom Nachkriegsniveau auf dreieinhalb Stunden halbieren.

Ob die Modernisierung gelingt, ist angesichts immer neuer Hiobsbotschaften allerdings ungewiss. Zunächst bremste der frühe und harte Winter die Arbeiten aus. Am Dienstag meldeten polnische Medien, dass die Verhandlungen über den Kauf von 20 koreanischen Hochgeschwindigkeitszügen geplatzt seien. Der PKP fehle das nötige Kleingeld, hieß es.

Der Bahnhof Warszawa Zentralna soll bis 2012 ebenfalls in neuem Glanz erstrahlen. Deshalb auch sind derzeit große Teile des Gebäudes gesperrt. „Das mindert den Abschiedsschmerz“, sagt Roman und zeigt auf verdreckte Planen, hinter denen Funken von Schweißgeräten sprühen. Ohnehin bietet das Chaos manchen Nutzen: „Neulich“, erzählt der 28-Jährige weiter, „bin ich in Eile ohne Fahrkarte in einen völlig überfüllten Zug gestiegen. Der Schaffner ist im Gedränge nicht bis zu mir durchgedrungen. Also konnte ich umsonst fahren.“

Erschienen in der „Berliner Zeitung” (12. Januar 2011)

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