Ein Affront

Neun Monate nach der Flugzeugkatastrophe von Smolensk hat die russische Luftfahrtbehörde ihre Sicht der Dinge präsentiert – und damit berechtigte Empörung in Polen ausgelöst.

Warum musste der polnische Präsident Lech Kaczynski sterben? Wie konnte es zu der Flugzeugkatastrophe von Smolensk mit 96 Opfern kommen? Die Meinungen darüber klaffen zwischen Moskau und Warschau weit auseinander. Der gestern abrupt präsentierte Abschlussbericht der vom Kreml gesteuerten Untersuchungskommission schiebt die Schuld eiskalt den Polen zu. Die Präsidentenmaschine habe im dichten Nebel auf Druck eines angetrunkenen Luftwaffengenerals zum Landeanflug angesetzt – ein tödlicher Fehler.

Das ist wahr. Möglicherweise hatte sogar Lech Kaczynski selbst seine Finger im Spiel. Richtig ist auch, dass die Piloten schlecht trainiert und der Situation nicht gewachsen waren. Doch es gibt eben auch die andere Seite der Medaille. Der Flughafen in Smolensk befand sich in einem miserablen Zustand. Im Tower hatte nicht der Lotse, sondern ein russischer Offizier das Sagen. Nach Rücksprache mit Moskau traute er sich nicht, die Landung der hochrangigen Besucher auf dem völlig ungeeigneten Militär-Airport zu verbieten.

Wer mit gesundem Menschenverstand die Fakten betrachtet, wird zu dem Schluss kommen, dass an jenem verhängnisvollen Morgen des 10. April beide Seiten versagt haben. Doch die russischen Ermittler beschränken sich auf ihre Sicht der Dinge und provozieren damit vehemente Reaktionen in Warschau. Zu Recht empören sich die Polen auch über die russische Überrumpelungstaktik. Die erst kurz zuvor angekündigte Präsentation des Untersuchungsberichts ist ein Affront. Ob dahinter die im Kreml übliche Ignoranz der Mächtigen steckt oder politisches Kalkül, ist unklar.

Fatal ist das Moskauer Vorgehen in jedem Fall. Denn die Katastrophe von Smolensk hatte Russen und Polen in der Trauer um die Toten geeint. Die Kontroverse um die Unglücksursachen hat jedoch das Zeug, beide Völker erneut gegeneinander aufzubringen. Für die Ost-West-Beziehungen in Europa verheißt das nichts Gutes. Es bleibt zu hoffen, dass die polnische Regierung Besonnenheit walten lässt.

In einem sind sich Moskau und Warschau immerhin einig: Um einen Anschlag auf Kaczynski handelte es sich bei dem Absturz nicht. Derartige Verschwörungstheorien vertritt die polnische Rechte, allen voran Jaroslaw Kaczynski. Dem Bruder des getöteten Präsidenten und seinen Gesinnungsgenossen spielt der unterbelichtete Untersuchungsbericht in die Hände. Auch in diesem Fall bleibt nur die Hoffnung, dass die Polen über ausreichend Scharfsinn verfügen, um Dichtung von Wahrheit zu trennen.

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