„Wie eine Bombe“

Alle Jahre wieder warnen Polizei und Zoll vor sogenannten Polen-Böllern. Deutsche Pyro-Freaks beeindruckt das wenig.

Kenner der Szene nennen sie „Totenköpfe“ oder „kleine Atombomben“. Alle Jahre wieder sorgen kurz vor Silvester die berüchtigten Böller aus Polen für Wirbel. In Internetforen stacheln sich vor allem jüngere deutsche Männer zu teilweise extrem gefährlichen Experimenten an. Die Druckwellen der Sprengsätze seien noch in zehn Metern Entfernung spürbar, heißt es da anerkennend, und weiter: „Das reißt ein Loch in den Boden, das sieht aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.“

Polizei und Zoll warnen angesichts der Gefahren für Leib und Leben schon seit Wochen vor der Verwendung geschmuggelter Feuerwerkskörper. „Die illegal eingeführten Silvesterkracher enthalten oft deutlich mehr Schwarzpulver oder in Deutschland nicht erlaubte chemische Zusatzstoffe“, sagt der Sprecher des Hauptzollamtes Frankfurt an der Oder, Andreas Behnisch. Viele der nicht zugelassenen Knaller seien in ihrer Wirkung völlig unberechenbar.

„In polnischen Böllern finden sich häufig Perchlorate“, erläutert Behnisch im Gespräch mit unserer Zeitung. Diese Chemikalien seien um ein Vielfaches explosiver als Schwarzpulver, das auf Nitratbasis angefertigt wird. „Manchmal reicht schon eine erhöhte Luftfeuchtigkeit oder zu starker Druck, um Perchlorat-Sprengsätze hochgehen zu lassen“, warnt der Zoll-Experte und mahnt: „Niemand kann dabei einschätzen, was genau wann und warum passiert.“

Das Hantieren mit den sogenannten Polen-Böllern verursacht bei uneinsichtigen Pyrotechnik-Fans vor allem zu Silvester immer wieder Verbrennungen oder sogar Verstümmelungen. Erlaubt ist in Deutschland nur das Abbrennen von Feuerwerkskörpern, die über ein entsprechendes Gütesiegel der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) verfügen. Doch darum scheren sich jene, die den Nervenkitzel suchen, kaum. Auf den einschlägigen Märkten in Polen seien „Knaller in nahezu allen Größen und Ausführungen zu erwerben“, heißt es werbend auf einer szenetypischen Internetseite.

Tatsächlich sind die Regeln für den Umgang mit Feuerwerk in vielen osteuropäischen Ländern weit weniger streng als in Deutschland. In Polen ist das Zünden von Raketen und Krachern ganzjährig erlaubt. Dabei ist der Begriff „Polen-Böller“ eigentlich irreführend. Fast die gesamte Pyrotechnik, die unsere Nachbarn im Osten verwenden, stammt ebenso aus Asien wie die in Deutschland verkauften Produkte. Die Gefahr geht deshalb auch weniger von regulär hergestellten Feuerwerkskörpern aus als vielmehr von „frisierter“ Ware. Doch Behnisch warnt: „Niemand kann sagen, was er beim Kauf in die Hand bekommt. Dazu fehlt es an der entsprechenden Prüfung und Kennzeichnung.“

In der deutsch-polnischen Grenzregion machen Polizei und Zoll schon seit Monaten Jagd auf Schmuggler. Im Oktober entdeckten sie in einem niederländischen Kleintransporter mehr als 2300 nicht zugelassene Knallkörper. Insgesamt fanden die Ermittler aber in diesem Jahr bislang deutlich weniger illegale Böller als 2009 – rund 8000 im Vergleich zu mehr als 30000 vor Jahresfrist.

Besteht also Hoffnung, dass die Begeisterung für die gefährliche Pyrotechnik abflauen könnte? Tatsächlich ist in manchen Online-Foren Enttäuschung zu spüren, wenn es etwas heißt: „Die Totenköpfe sind nicht mehr so der Bringer.“ Zoll-Experte Behnisch dagegen glaubt nicht an einen Trend: „Wir hatten im Jahr 2009 einen Großfund mit 24.000 Böllern in einer Ladung. Die Zahlen bewegen sich ansonsten auf dem gleichen Niveau wie immer.“

Im Gegenteil: Wer die Szene im Internet beobachtet, wie die Zoll-Ermittler dies tun, stößt sogar auf eine neue Mode. Augenscheinlich entwickelt sich seit dem Wegfall der Pass- und Zollkontrollen vor drei Jahren ein regelrechter „Pyro-Tourismus“ von Deutschland nach Polen. „Ein kurzer Blick zu unserem östlichen Nachbarn lässt die Herzen der Feuerwerkfans höher schlagen“, schreibt ein Insider auf seiner Website.

Vor allem in der deutsch-polnischen Grenzregion gibt es demnach einen regen Verkehr von West nach Ost. Die „Pyro-Touristen“ kaufen dort die ganzjährig erhältlichen Böller und „frönen an abgelegenen Orten ihrem Hobby“. Verboten ist der sonderbare Zeitvertreib nicht – es gelten polnische Gesetze. Ob „das muntere Treiben“, wie es auf der Szene-Website weiter heißt, „die feuerwerksfreundliche einheimische Bevölkerung“ wirklich „keineswegs stört“, darf allerdings bezweifelt werden.

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