Polnische Heilsversprechen

Der Gesundheitstourismus von West- nach Osteuropa boomt – eine Reportage.

 

 

Alle Rechte bei mir.

Buhlen um deutsche Patienten in Kolberg (Foto: Krökel)

Im Bezirk Wilanow, im Süden Warschaus, wächst ein komplett neues Stadtviertel in den Himmel. „Miasteczko“ nennt es sich, „Städtchen“, was eine maßlose Untertreibung ist. Am Nordrand bildet eine gigantische Kirche das Tor zum „Miasteczko“. In ihren Größenverhältnissen könnte sie dem Petersdom in Rom Konkurrenz machen. Noch steht nur der Rohbau. Doch die frohe Botschaft ist im katholischen Polen jedem verständlich: Für das Seelenheil ist gesorgt.

Wenige hundert Meter weiter kümmern sich die „Götter in Weiß“ um das körperliche Wohlergehen der gut betuchten Einwohner des Viertels. Im „Medicover-Szpital“ hat man ähnlich hochgreifende Pläne wie in der benachbarten Kirchengemeinde. „Wir stehen erst am Anfang“, sagt Klinik-Geschäftsführer Loic Fretard, ein Franzose, der ein wenig Polnisch und fließend Englisch spricht. Der elegante dunkelhaarige Mittdreißiger fügt sich perfekt in das Bild, das die Privatklinik bietet. Im lichtdurchfluteten Eingangsbereich des „Szpitals“ begrüßen ein Springbrunnen und eine unablässig lächelnde Empfangsdame die Gäste. „Wir wollen das erste Haus dieser Art werden, das von der sanften Geburt bis zur komplizierten Herz-OP eine medizinische Rundumversorgung garantiert“, sagt Fretard.

Was er mit einem „Haus dieser Art“ meint, wird bei einer Besichtigung schnell klar. Hier geht es um Spitzenmedizin für Spitzenverdiener. Ein Großteil der Zimmer ist mit Breitbildschirmen und drahtlosen Internetzugängen ausgestattet. Die fast dreimal so teuren VIP-Räume verfügen über Edelholzbetten und einen Wohnbereich mit Ledersesseln. In den Operationssälen dominiert deutsche Hochtechnologie. Nur Menschen sieht man im „Medicover-Szpital“ kaum. „Den Kontakt zu unseren Patienten können wir Ihnen leider nicht gestatten“, sagt Fretard, der seine schöne neue Welt der Medizin in Reinform präsentieren möchte.

Umgerechnet 600 Euro pro Tag kostet der Aufenthalt in einem der VIP-Zimmer. Das entspricht fast dem Monatseinkommen eines polnischen Durchschnittsverdieners. Da liegt es auf der Hand, dass Medicover andere Zielgruppen anspricht. Das international tätige Unternehmen, das seinen Firmensitz in Luxemburg hat und an der Stockholmer Börse notiert ist, nimmt die Vermögenden ins Visier – und ausländische Kunden. „Wir bemühen uns durchaus auch um Menschen, die extra anreisen, um sich behandeln zu lassen“, verrät Fretard.

Die Medicover-Klinik im Warschauer „Miasteczko“ stößt damit das Tor zu einer neuen Dimension des seit Jahren boomenden Medizintourismus auf. Derzeit sind es noch vor allem Patienten von Zahnärzten und Schönheitschirurgen, die auf preiswerte Angebote in Osteuropa zurückgreifen. Hinzu kommen sogenannte Heilreisende, die zur Rehabilitation, zur Kur oder zum Wellness-Urlaub nach Polen, Ungarn oder Tschechien aufbrechen. Sie alle haben eines gemeinsam: Die deutschen Krankenkassen tragen in ihren Fällen, wenn überhaupt, einen immer kleiner werdenden Teil der Behandlungskosten.

Wer in der Bundesrepublik für ein Zahnimplantat einen vierstelligen Euro-Betrag hinblättern muss, kommt in Polen mit einigen hundert Euro davon. Steht eine Gebisssanierung an, geht die Rechnung trotz der Reisekosten schnell auf – zumal deutsche Versicherer auch die Rechnungen polnischer oder ungarischer Mediziner begleichen müssen. „Innerhalb der EU besteht beim Arztbesuch Wahlfreiheit“, erklärt Manuela Pohl vom Ersatzkassenverband VDEK. Und so säumen etwa in Kolberg an der westpolnischen Ostseeküste Plakate die Strandpromenade, die – in deutscher Sprache –  „Zahnersatz im Urlaub kostenlos“ offerieren und die „Erstattung durch alle Krankenkassen“ versprechen.

Auf diesen Zug wollen Fretard und Medicover aufspringen. Und so ist es kein Zufall, dass es in dem „Medicover-Szpital“ ein kleines integriertes Hotel gibt – „für mitreisende Angehörige“, wie Fretard erläutert. Zu konkreten Angeboten seiner Klinik will sich der junge Geschäftsführer nicht äußern. Die Flyer seines Unternehmens verweisen vor allem auf die hohe Qualität der Angebote und legen den Erwerb einer Medicover-Gold- oder Platinkarte nahe, mit der sich Kunden kostengünstiger behandeln lassen können.

Wenn es um Zahlen und Preise geht, ist Ada Krzewicka auskunftsfreudiger. Die Zahnärztin leitet im Nebenberuf eine Warschauer Agentur für Gesundheitsreisen. „Wir hatten neulich den Fall eines Italieners, der für eine Rückenoperation in seiner Heimat 23.000 Euro bezahlen sollte“, erzählt sie. „Hier in Polen haben wir das für 23.000 Zloty organisiert.“ Das entspricht etwa einem Viertel des italienischen Preises.

Krzewicka trifft sich mit Journalisten lieber in einem Warschauer Hotel als in ihrer Zahnklinik. Fragen nach Kontakten zu ihren ausländischen Patienten lässt sie wie Fretard ins Leere laufen. Auch Krzewicka will ihre Geschichte unverfälscht an den Mann bringen: „Flug oder Busfahrt, Unterkunft und Übersetzungshilfen, ein touristisches Begleitprogramm und hochwertige Therapien zu unschlagbar günstigen Preisen – all das haben wir im Komplettangebot“, lautet ihr Werbeslogan.

Das ist der Mechanismus, nach dem das florierende Geschäft mit den Gesundheitsreisen von Westeuropa nach Tschechien, Ungarn und vor allem nach Polen seit Jahren funktioniert. Und es kommt immer besser in Fahrt. Der polnische Branchenverband IGTM hat beim Medizintourismus für 2010 ein Wachstum von 15-20 Prozent gegenüber dem Vorjahr errechnet. Expertenschätzungen zufolge sind in diesem Jahr rund 175.000 Deutsche ins östliche Nachbarland gereist, um sich dort ärztlich behandeln zu lassen – Tendenz rasant steigend.

Gerade jetzt über die Feiertage boomt das Geschäft mit kombinierten medizinisch-touristischen Offerten. Wer einmal in der Warschauer Altstadt über den Weihnachtsmarkt bummeln oder sich zu Silvester bei einer der berühmt-berüchtigten polnischen Szenepartys amüsieren wolle, der könne das Vergnügen doch gleich mit dem Praktischen verbinden, trommelt Krzewicka: „Wir bieten seit dem 1. Dezember äußerst attraktive Sonderpreise für Zahnbleichen und Implantat-Behandlungen an.“ Die Zahnärztin vermittelt auch Kontakte zu Schönheitschirurgen. Die frohe Botschaft ist klar und eingängig: Mit strahlendem Lächeln und gestraffter Haut lässt sich das neue Jahr gleich doppelt gut beginnen.

Tipp:

Fachleute raten allen deutschen Patienten, die sich im Ausland behandeln lassen wollen, zu Vorsicht und genauer Prüfung. „Jeder sollte sich darüber im Klaren sein, dass bei einer Gesundheitsreise Nachbehandlungen nötig werden können, die nicht ohne Weiteres oder nur zu den entsprechenden Preisen in Deutschland möglich sind“, heißt es bei den Krankenkassen. Doch es kann auch weit schlimmer kommen. In Danzig wachte vor wenigen Wochen eine schwedische Patientin nach einer Brustvergrößerung nicht wieder aus der Narkose auf. Sie liegt im Koma. Die polnischen Behörden untersuchen derzeit, ob ein Kunstfehler die Ursache für den tragischen Fall war. Fest steht bereits: Der Klinik fehlte die Zulassung für die Schönheitsoperation.

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