Wladimir Neklajew – Kämpfer für Wahrheit, Freiheit und Heimat

Wladimir Neklajew galt bei der Präsidentenwahl in Weißrussland als stärkster Herausforderer von Amtsinhaber Alexander Lukaschenko. Am Wahlabend prügelten ihn Geheimpolizisten krankenhausreif, der KGB verschleppte ihn – ein Porträt.

 

Urheberrechtlich geschützt, alle Rechte bei mirf

Wladimir Neklajew im Wahlkampf. Wenige Tage später schlugen ihn die Schergen des Alexander Lukaschenko brutal zusammen. (Foto: Krökel)

„Ich habe keine Angst, ins Gefängnis zu gehen“, hatte Waldimir Neklajew kurz vor der Präsidentenwahl in Weißrussland getönt. Am Sonntag forderte der 64-jährige Schriftsteller und Publizist den „letzten Diktator Europas“ heraus, den seit 16 Jahren mit eiserner Faust regierenden Alexander Lukaschenko. Neklajew, den unabhängige Umfragen als stärksten Oppositionskandidaten auswiesen, wusste um das Risiko seiner Kandidatur. Dass es so dramatisch kommen würde, wie es kam, ahnte er wohl nicht.

Geheimpolizisten fielen am Sonntagabend über Neklajew und seine Anhänger her und prügelten den Dichter krankenhausreif. Unabhängigen Beobachtern zufolge verschleppten Geheimdienstmitarbeiter den 64-Jährigen noch in der Nacht aus der Klinik in ein KGB-Gefängnis – „nur in eine Decke gewickelt“, wie es hieß.

Spätestens diese Berichte dürften all jene verstummen lassen, die Neklajew einen Schwätzer nennen und ihm im Wahlkampf ein falsches Spiel vorwarfen. „Sag die Wahrheit“, hatte sich der rhetorisch brillante und im Auftreten äußerst charmante Schriftsteller als Motto auf die Fahnen geschrieben. „Es muss endlich Schluss sein mit all den Lügen und Fälschungen“, erläuterte er unlängst im persönlichen Gespräch seine Sicht der Dinge. Allerdings hielten sich hartnäckig Gerüchte, Neklajew lasse sich vom Kreml sponsern.

Lukaschenko hatte sich zeitweise mit Moskau überworfen. Auf der Suche nach einem russischen Marionettenkandidaten verfielen Beobachter auf Neklajew, der über die größten Geldmittel für seine Kampagne verfügte. „Aber warum sollte ausgerechnet ich, der ich seit Jahren für die weißrussische Unabhängigkeit eintrete, mit dem ‚großen Bruder‘ gemeinsame Sache machen?“, konterte Neklajew.

Tatsächlich betont der Autor zahlreicher populärer Novellen und Gedichte nicht nur in der Politik, sondern auch in seinem publizistischen Werk seit Jahren die eigene nationale Identität des Zehn-Millionen-Volkes. Im Wahlkampf parlierte er nur auf Weißrussisch und musste sich dafür viel Kritik von Bürgern anhören, die nach jahrzehntelanger sowjetischer Assimilationspolitik nur noch russisch sprechen. „Ich will niemanden zu etwas zwingen“, sagt Neklajew. „Aber meine Sprache ist Weißrussisch.“

Der Patriotismus mag bei einem Mann verwundern, der zunächst in der – russisch geprägten – weißrussischen Sowjetrepublik Karriere machte. Nach einem Studium der Kommunikationswissenschaften in Minsk arbeitete der Sohn eines Russen und einer Weißrussin bei regierungstreuen Medien. In den achtziger Jahren war er verantwortlicher Redakteur für das Literatur- und Theaterprogramm des Staatsfernsehens.

„Zunächst aus rein philologischem Interesse“ wandte sich der in der Kleinstadt Smorgon im Nordwesten des Landes geborene Naklajew der weißrussischen Sprache zu. Dann brach die Sowjetunion zusammen, und der zweifache Familienvater entdeckte eine neue Herausforderung: In den 90er Jahren förderte er als Vorsitzender der Schriftstellerunion in Minsk die eigenständige Literatur des Landes.

Neklajews Heimat- und Freiheitsliebe brachten ihn schließlich in Konflikt mit Lukaschenko, mit dem ihn zu Beginn der 90er Jahre eine Art Freundschaft verbunden hatte. „Sein Machthunger ist mit ihm durchgegangen“, urteilt Neklajew heute über den Staatschef. Um dem erdrückenden politischen Klima in seiner Heimat zu entkommen, lebte Neklajew von 1999 bis 2003 in der Emigration in Polen. Doch dann kehrte er zurück, getrieben von dem Wunsch, den Menschen in Weißrussland endlich „die Wahrheit zu sagen“.

Erschienen im Zürischer Tages-Anzeiger (21. Dezember 2010)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *