„Das war eine ungeheure Geste“

Vor 40 Jahren setzte Bundeskanzler Willy Brandt mit seinem Kniefall in Warschau ein Ausrufezeichen hinter die Neue Ostpolitik. Brandts engster Vertrauter Egon Bahr erinnert sich im Interview.

Herr Bahr, Willy Brandts Kniefall in Warschau jährt sich heute zum 40. Mal. Sie waren 1970 als einer der engsten Vertrauten des Bundeskanzlers vor Ort. Welche Erinnerung haben Sie an das Geschehen?
Vor allem erinnere ich mich daran, dass ich den Kniefall selbst nicht gesehen habe! Ich hatte mich ein wenig im Hintergrund gehalten. Plötzlich wurde es mucksmäuschenstill und irgendjemand raunte: „Er kniet…“ Die Bilder habe ich erst gesehen, als sie um die Welt gingen.

Sie waren mit dem Kanzler persönlich befreundet. Haben Sie Ihn auf die Geste angesprochen?
An dem Abend in Warschau haben wir einen Whiskey zusammen getrunken. Da habe ich nur gesagt: „Das war aber doll!“

Wie hat er reagiert?
Er sagte: „Ich hatte das Gefühl, einen Kranz niederzulegen, das reicht nicht. Es war eine spontane Eingebung.“

Lange ist diskutiert worden, ob der Kniefall nicht doch eine Inszenierung war…
Unsinn, es war nicht geplant.

Der Bundeskanzler war am 7. Dezember 1970 nach Polen gekommen, um den Warschauer Vertrag zu unterzeichnen. 25 Jahre nach dem Weltkrieg wollten sich Deutsche und Polen aussöhnen. Welche Rolle spielte dabei der Kniefall?
Eine enorm große Rolle. Willy Brandt war ja persönlich ohne Schuld an den Verbrechen der Nazi-Barbarei. Er war in die Emigration gegangen, wofür er später angefeindet worden ist. Und dieser Mann bat im Namen seines Volkes, das so viel Schuld auf sich geladen hatte, um Vergebung. Das war eine ungeheure Geste. Und das ist auch von den Polen so verstanden worden.

Der Kniefall wurde im kommunistischen Polen weitgehend totgeschwiegen.
Diejenigen Polen, mit denen wir damals sprechen konnten, waren zutiefst berührt. Oft ist es wichtiger, was sich unter der Oberfläche der Staatsdoktrin abspielt.

Allerdings kniete Brandt vor dem Mahnmal für die im Getto ermordeten Juden nieder und nicht vor dem Grab der polnischen Freiheitskämpfer.
Die Juden haben in besonderem Maße unter den Nazis gelitten. Aber Willy Brandt hat mit seiner Geste bei allen Opfern des Nationalsozialismus um Vergebung gebeten.

1970 haben Deutsche und Polen den Weg zur Versöhnung beschritten. Wo sind beide Völker heute angekommen?
Mit dem Ende des Kalten Krieges hat sich die Lage in Europa fundamental verändert. Früher bildeten Frankreich und Deutschland den Motor der Einigung. Heute bewegt sich ohne Polen nichts mehr. Wir können Europa nicht ohne den Ostteil des Kontinents aufbauen. Und da ist Warschau die wichtigste Anlaufstelle. Deshalb ist es gut, dass Bundespräsident Wulff heute, am Jahrestag des Kniefalls, nach Warschau fährt. Polen trägt eine riesige Verantwortung für das Gelingen des europäischen Projektes.

Haben die Polen selbst das verstanden?
Ich denke schon. Das Ja aus Warschau zu einer Annäherung zwischen der Nato und Russland zeigt, dass die polnische Regierung auf der Höhe der Zeit handelt. Wenn man bedenkt, wie sehr die Polen unter Russen und Deutschen gelitten haben, dann sind sie einen langen und steinigen Weg gegangen. Dafür gebührt ihnen Respekt.

Erschienen in „Münchner Merkur“ (7. Dezember 2010)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.