Am Anfang war Katyn

Polen und Russen suchen nach neuen Wegen der Verständigung. Am Montag treffen sich die Staatschefs zum ersten Gipfel seit acht Jahren. Zumindest für die Polen steht auf der Tagesordnung ein Punkt ganz oben: der stalinistische Massenmord in Katyn.

Die Schreckenstaten des Tyrannen werfen lange und finstere Schatten. 70 Jahre nach dem von Sowjetdiktator Josef Stalin befohlenen Massenmord an polnischen Gefangenen in Katyn und anderen Orten lastet das Verbrechen noch immer schwer auf dem Verhältnis zwischen Polen und Russen. Doch das soll sich nun ändern. Am kommenden Montag reist Kremlchef Dmitri Medwedew nach Warschau, um mit Präsident Bronislaw Komorowski ein neues Kapitel in den Beziehungen aufzuschlagen. Der russischen Öffnung nach Westen, wie sie sich seit dem jüngsten Nato-Gipfel andeutet, könnte dies Schwung verleihen.

Die Medwedew-Visite ist der erste Staatsbesuch eines russischen Präsidenten in Polen seit acht Jahren. Moskau und Warschau hatten sich seit dem Untergang der Sowjetunion zusehends entzweit. In dem zerfallenen Imperium des Ostens hat man es bis heute nicht verwunden, dass sich die Polen nach 1989 vom „großen slawischen Bruder“ ab- und dem Westen zugewandt haben. Diese Enttäuschung wiederum können die Polen nicht begreifen. Schließlich waren es die Russen, die ihnen nach der Befreiung von den Nazis die Unabhängigkeit verwehrten und ein weiteres Unrechtsregime aufzwangen.

Am Anfang aber stand Katyn. Stalin hatte 1939 mit Hitler gemeinsame Sache gemacht. Kaum war die Wehrmacht über Polen hergefallen, marschierte die Rote Armee von Osten her in das Land ein. Und nicht nur die Nazis, auch die Sowjets ließen zehntausende Angehörige der polnischen Elite verschleppen, internieren und erschießen – „präventiv“, wie es hieß, um jeden Widerstandsgeist zu brechen. Moskaus Mordkommandos töteten im Frühjahr 1940 bis zu 30.000 polnische Offiziere, Polizisten, Geistliche und Intellektuelle.

Bittere Ironie der Geschichte: Es waren die Deutschen, die während ihres Russland-Feldzuges 1943 in Katyn bei Smolensk das erste Massengrab entdeckten. Daher rührt die symbolische Aufladung des Ortsnamens, obgleich sich zahlreiche weitere Mordstätten in der Ukraine und in Weißrussland fanden. Nazis und Sowjets schoben sich in einer Propagandaschlacht schließlich wechselseitig die Verantwortung für die Terrortat zu. Und Moskau hielt auch nach Kriegsende an der Version fest, Hitler habe die Polen auf dem Gewissen. Das kremltreue kommunistische Regime in Warschau seinerseits erklärte das Thema zum Tabu. Für zehntausende Angehörige der polnischen Opfer entwickelte sich Katyn so erst recht zum Trauma.

Seit 20 Jahren ringen Russen und Polen nun um eine gemeinsame Sicht auf das Verbrechen. Der letzte Sowjetführer Michail Gorbatschow und der erste postkommunistische Kremlchef Boris Jelzin hatten zwar die Verantwortung Stalins eingeräumt. Sie ließen Dokumente veröffentlichen, die keinen Zweifel an der Täterschaft erlauben. Doch als Wladimir Putin 1999 in den Kreml einzog und eine Politik der „nationalen und imperialen Wiedergeburt Russlands“ einleitete, geriet die Aussöhnung ins Stocken. Polens Beitritt zu Nato und EU löste zu Beginn des neuen Jahrtausends eine regelrechte Eiszeit in den Beziehungen zwischen Moskau und Warschau aus.

Gleichwohl fangen Medwedew und Komorowski am Montag nicht bei null an. Im Gegenteil: Seit drei Jahren, seit Komorowskis rechtsliberaler Parteifreund Donald Tusk die polnische Regierung führt, hat sich viel bewegt. Beide Seiten setzten eine „Kommission für schwierige Fragen“ ein, ein Beratungsgremium aus Wissenschaftlern, Diplomaten und Politikern, dessen wichtigstes Ziel es ist, wieder zu einer gemeinsamen Sprache zu finden.

Erste Erfolge zeigten sich im Frühjahr. 70 Jahre nach dem Massenmord traf sich Tusk am 7. April mit Wladimir Putin zum gemeinsamen Gedenken in Katyn. Kurz zuvor hatte das russische Staatsfernsehen den Film „Katyn“ des polnischen Starregisseurs Andrzej Wajda gezeigt und dem eigenen Publikum damit die fremde Sicht vorgeführt. Dann aber lenkte die Flugzeug-Katastrophe von Smolensk die Versöhnung über den Gräbern in eine andere Richtung.

Am 10. April stürzte die polnische Präsidentenmaschine ausgerechnet auf dem Weg zu einer zweiten Gedenkveranstaltung in Katyn ab. An Bord befanden sich außer Staatschef Lech Kaczynski 95 weitere hohe Repräsentanten der Nation. Niemand überlebte. Schock, Entsetzen und Trauer brachten Polen und Russen einander näher. In diese Zeit reicht auch der Versuch zurück, die Annäherung voranzutreiben. So überstellte der Kreml der Regierung in Warschau im Sommer zahlreiche Dokumente zum Katyn-Massaker. Dem Vernehmen nach dürfte Medwedew am Montag als Gastgeschenk weiteres wichtiges Archivmaterial im Gepäck haben.

Vor wenigen Tagen verabschiedete zudem die Duma, das russische Parlament, eine Resolution, in der sie erstmals das Stalin-Regime für die Massenmorde von 1940 verantwortlich machte. Komorowski seinerseits lud als Geste des guten Willens den letzten Präsidenten des kommunistischen Polen, den greisen General Wojciech Jaruzelski, zu einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats ein. Thema: die Beziehungen zu Russland. Jaruzelski, der 1981 nach dem Solidarnosc-Aufstand das Kriegsrecht verhängt hatte, genießt in Moskau bis heute hohe Wertschätzung.

Doch es gibt auch Widerstand gegen die Versöhnungsbemühungen, insbesondere in Polen. Die national-konservative Rechte um Ex-Premier Jaroslaw Kaczynski, den Bruder des tödlich verunglückten Präsidenten, spricht von Verrat am eigenen Volk. Als „Komorusski“ beschimpfte Kaczynski Staatschef Komorowskis nach dessen Einladung an Jaruzelski.

Zugleich verbreitet Kaczynski Verschwörungstheorien über die Tragödie von Smolensk. Mehrfach deutete er an, Putins Geheimdienst, Tusk und Komorowski seien für die Katastrophe mitverantwortlich. Sein Bruder, der Präsident, habe mit seiner Geradlinigkeit den „Schmusekurs“ der drei gestört. Die Tatsache, dass die Umstände des Flugzeugabsturzes noch immer nicht vollständig geklärt sind, liefert ihm Munition für seine Attacken. Über die schleppende Untersuchung des Unglücks will Komorowski am Montag mit Medwedew ebenfalls sprechen. Der Weg zur Versöhnung“, sagt der polnische Präsident, sei noch weit. „Wir wollen aber die ersten Schritte gehen.“

Erschienen im Züricher „Tages-Anzeiger” (4. Dezember 2010)

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