Das Leben – ein Gouda

Die kulinarischen Genüsse im Osten sind andere als im Westen – das schlägt bis auf die Einkaufsgewohnheiten durch.

Die osteuropäische Küche ist eher für ihren deftigen Dreh bekannt als für fein abgestimmte Gaumenfreuden. Fleisch, Kohl und Mehlspeisen beherrschen in Polen den Speiseplan. Käse-Künstler wie in Frankreich sind hierzulande Mangelware. Statt Camembert und Rotwein kommen Bigos und Bier auf den Tisch.

Kein Wunder also, dass es auch beim Käse-Kauf klemmen kann. Als ich kürzlich in meinem Tante-Emma-Laden um die Ecke ein Pfund „Königlichen“ erwerben wollte – so heißt der polnische Gouda –, da streckte mir meine Lieblingsverkäuferin Marta einen angegammelten Klumpen entgegen. „Bitte sehr!“

Ich bin kein Franzose und nicht pingelig bei der Wahl meiner Alltagsspeisen. Dennoch bat ich Marta um ein anderes Stück. Von dem „Königlichen“ war soeben erst neu angeliefert worden. Marta, so mein Verdacht, wollte dem tölpeligen Hausmann aus Deutschland schnell noch den schimmeligen Rest unterschieben.

Doch weit gefehlt. Sie dürfe mir von dem frischen Käse nichts verkaufen, versicherte mir Marta glaubhaft, solange der alte „Königliche“ nicht über die Theke gegangen sei. Jedenfalls dann nicht, wenn ich ein Pfund haben wolle. Genau so viel wiege schließlich das Reststück. Da sei nichts zu machen, so seien die Regeln. „Entweder Sie kaufen mehr oder weniger oder eine andere Sorte.“

Ich entschied mich für Gouda – und wurde von Erinnerungen übermannt. Vor meinem geistigen Auge erschien jene russische Verkäuferin, die mich in den 90er Jahren auf einer Sibirienreise mit dem Ausruf „Käse gibt’s hier nicht!“ zurechtgewiesen hatte. Dabei hatte sie sich mit verschränkten Armen hinter einer gut gefüllten Käse-Auslage aufgepflanzt. Ins postsowjetische Sibirien aber war die Erkenntnis noch nicht vorgedrungen, dass im Kapitalismus gefälligst der Kunde König zu sein habe. Meine Verkäuferin hatte damals schlicht keine Lust, sich zu bewegen, und faltete mich als Bittsteller wie in seligen Zeiten realsozialistischer Mangelwirtschaft zusammen.

Bei der Reminiszenz an den Ruf „Käse gibt’s hier nicht!“ wiederum fiel mir sofort mein verstorbener Großvater ein. Mit ihm verbindet unsere Familie vor allem jene Anekdote von einer Schweiz-Reise, die Opa Walter bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit zum Besten zu geben pflegte. An der Grenze hatten Zöllner sein Abteil betreten und mit landestypischem Zungenschlag gefragt: „Grüezi, chaben Sie ätwas zu verzollen? Schokcholade vielleicht oder Käse?“

Schon an dieser Stelle brach die Familie gewöhnlich in Lachen aus. Opas küchenphilosophische Antwort aber gab uns den Rest: „Käse? Käse? Das ganze Leben ist Käse!“

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