„Gott, Ehre, Vaterland“

Am polnischen Nationalfeiertag marschierten 2000 Neofaschisten durch Warschau. 3000 Gegendemonstranten versuchten vergeblich, die Parade zu blockieren.

Der „Nazi-Spuk“ in Warschau sollte „endlich ein Ende finden“. Rund 40 linke Gruppen hatten sich allein zu diesem Zweck dem „Bündnis 11. November“ angeschlossen. Sie wollten den traditionellen Aufmarsch von Neofaschisten am polnischen Nationalfeiertag diesmal verhindern. Gelungen ist es ihnen nicht. Etwa 2000 Rechtsextremisten zogen am Donnerstag durch die Warschauer Innenstadt. Die Aktivisten des Nationalradikalen Lagers und der Allpolnischen Jugend skandierten „Gott, Ehre, Vaterland“ und schwenkten Flaggen mit neofaschistischen Symbolen. Fußball-Hooligans des Hauptstadtvereins Legia reihten sich in den „Marsch der Unabhängigkeit“ ein. Auch in anderen polnischen Städten kam es zu Kundgebungen der Rechten.

Den Nazi-Spuk vertreiben: Antifaschisten in Warschau am polnischen Nationalfeiertag. (Foto: Krökel)

Die Bilanz der Warschauer Polizei, die mit einem Großaufgebot im Einsatz war, um Zusammenstöße mit den rund 3000 linken Gegendemonstranten zu verhindern, fiel durchwachsen aus. „33 Festnahmen nach Stein- und Flaschenwürfen sowie ein Dutzend Verletzter, darunter ein Beamter“, resümierte Polizeisprecher Maciej Karczynski noch in der Nacht zu Freitag. Zu sehen waren in den Demonstrationszügen fast ausschließlich sehr junge Gesichter. Allerdings reihten sich in die Parade der Rechten auch mehrere Politiker ein, darunter Senator Ryszard Bender von der national-konservativen Partei PiS des früheren Regierungschefs Jaroslaw Kaczynski.

Die Aufmärsche der Neofaschisten am 11. November gibt es seit der friedlichen Revolution von 1989 und der Rückbesinnung auf den Nationalfeiertag. Er erinnert an die Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens nach dem Ersten Weltkrieg. Seit zwei Jahren machen in Warschau linke und liberale Gruppen gegen die Kundgebungen der Rechten mobil. „Ich ertrage es nicht, dass Faschisten an diesem Ort eine Parade abhalten dürfen, den die Nazis 1944 dem Erdboden gleichgemacht haben“, sagte Marek Matczak, einer der Unterstützer des November-Bündnisses, der Nachrichtenagentur DAPD.

Das Nationalradikale Lager (ONR) und die Allpolnische Jugend orientieren sich an den fundamental-katholisch geprägten polnischen Ultranationalisten der Zwischenkriegszeit. Am Warschauer Denkmal für deren Chefideologen Roman Dmowski (1864-1939) legten die Rechten am Donnerstagabend einen Kranz nieder und riefen antikommunistische Parolen. Üblicherweise hetzen die Neofaschisten vor allem gegen Juden und Homosexuelle. Zuletzt randalierten sie im Sommer bei der Warschauer Schwulen- und Lesben-Parade „Euro-Pride“. Das Wappen des ONR spielt mit Assoziationen zum Hakenkreuz. Erklärtes Ziel der Gruppe ist die Schaffung eines abgeschotteten polnischen Nationalstaates mit dem Katholizismus als Glaubens- und Wertefundament.

Seit dem Ende der Rechtsregierung unter Ministerpräsident Kaczynski sind die Ultranationalisten in Polen auf dem Rückzug. Der europäische Rechtsextremismus-Index, der auf Daten des EU-Sozialberichts basiert, führt das Land nach schlechten Platzierungen in der Vergangenheit inzwischen im Mittelfeld. Unter Kaczynski hatten noch der Vorsitzende der rechtspopulistischen Bauernpartei „Selbstverteidigung“, Andrzej Lepper, und der Chef der fundamental-katholischen, nationalistischen „Liga Polnischer Familien“, Roman Giertych, Ministerämter inne. Giertych stand in den 90er Jahren auch an der Spitze der Allpolnischen Jugend. Lepper und er sind inzwischen in der politischen Versenkung verschwunden.

Dennoch gelingt es einzelnen rechtsextremistischen Gruppen immer wieder, für Aufsehen zu sorgen. In der Jugend sind es vor allem die Hooligans, die unverändert starken Zulauf haben. Prügeleien, Randale und rassistische Hassausbrüche sind in polnischen Stadien keine Seltenheit. Zum Repertoire gehören Schlachtrufe wie: „Wer nicht hüpft, der ist ein Jude!“ Der Staat hat mit Blick auf die Fußball-Europameisterschaft, die Polen 2012 gemeinsam mit der Ukraine ausrichtet, mit Gesetzesverschärfungen reagiert. Justizminister Krzysztof Kwiatkowski will gewaltbereite Fans sogar mit elektronischen Fußfesseln überwachen lassen. Und immerhin eines haben die Aufmärsche der Rechten am Nationalfeiertag auch gezeigt: Die Polizei ist vorbereitet. Sie hatte das Geschehen weitgehend unter Kontrolle.

Publiziert über die Nachrichtenagentur DAPD (12. November 2010)

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