Vom Polit-Pummel zur Sexbombe

Einst war sie Kaczynskis pausbäckige Arbeitsministerin, nun ist Anna Kalata „Polens erotischste Großmutter“. Wie ist solch eine Metamorphose möglich?

„Polen ist einfach nicht sexy genug“, klagen immer wieder Politiker aus dem Lande der Bauern und Mattkas – der dicken Frauen vom Dorf. „Unsere Außenwirkung ist miserabel.“ Anna Kalata war lange Zeit der Inbegriff dieses unattraktiven Polen. Pausbäckig, mit streng hochgestecktem Haar und altmodischer Brille diente die 46-Jährige einst dem rechtsnationalen Premier Jaroslaw Kaczynski als Arbeitsministerin. Zu allem Überfluss vertrat die massige und meist muffelige Mutter von zwei Kindern die ultrakonservative Bauernpartei. Doch aus der unförmigen Ökonomin mit Doktortitel ist urplötzlich eine „Sexbombe im Negligé“ geworden, wie eine Warschauer Zeitung unlängst titelte.

Für Polens Regenbogenpresse ist Kalata der leuchtende Stern am düsteren Herbsthimmel – und dies nicht erst seit ihrem schon jetzt legendären Auftritt in der Fernsehshow „Tanz mit den Stars“. Dort glitt die blondierte Schöne im September mit langen schlanken Beinen derart aufreizend über das Parkett, dass in den Wohnzimmern des erzkatholischen Polen Aufruhr herrschte. Über allem aber schwebte die Frage: Wie war diese unglaubliche Verwandlung überhaupt möglich?

Aus dem Geheimnis ihres Triumphzuges macht die „erotischste Oma Polens“, wie sie der Boulevard zuletzt taufte, keinen Hehl. Die Großmutter einer wenige Monate alten Enkeltochter schreibt vielmehr ein Buch über ihre Metamorphose. Nach ihrem Ausscheiden aus der Regierung im Jahr 2007 habe sie sich eine Imageberaterin genommen und eine Diät begonnen. Mit den purzelnden Pfunden kehrte auch das angekratzte Selbstbewusstsein zurück.

„Anfangs habe ich nur Wasser getrunken, gekochtes Gemüse und Obst gegessen“, schildert Kalata. 13 Kilo verlor sie in nur einem Monat  –  „zu viel“, wie sie bald begriff. „Das war ungesund und gefährlich. Ich habe mich dann auf ein einfaches Verfahren verlegt: häufiger essen, aber kleinere Portionen. Und vor allem habe ich auf Süßigkeiten verzichtet, den Stresskiller meiner Politikerzeit.“ Zwei bis drei Kilo pro Monat speckte sie auf diese Weise schließlich ab. „Von Jo-Jo-Effekt keine Spur.“

Um 38 Kilogramm erleichtert trat Kalata fast drei Jahre nach dem Ende ihrer politischen Karriere im Frühjahr wieder öffentlich auf. Mit neuer Frisur, dezentem Make-up und vom pluderigen Hosenanzug befreit präsentierte sie sich im Frühstücksfernsehen. Im Blätterwald begann es zu stürmen, von der Boulevardzeitung „Fakt“ bis zur seriösen „Rzeczpospolita“ zeigten nahezu alle Zeitungen Vorher-nachher-Bilder der gewandelten Kaczynski-Ministerin. „Manchmal musste ich mich sogar alten Bekannten vorstellen und ihnen meine Visitenkarte hinhalten, damit sie glaubten, dass ich es bin“, erzählte die 46-Jährige später. „Andere haben mich mit meiner 27-jährigen Tochter verwechselt.“

Die neue Popularität verhalf Kalata sogar zu einer Blitzkarriere in Bollywood. Als Yoga- und Asien-Fan reiste sie zuletzt immer wieder nach Indien. „Dort habe ich zufällig einen Filmproduzenten kennengelernt, der dringend die Rolle einer Amerikanerin in meinem Alter zu besetzen hatte. Also habe ich mitgespielt“, erzählt Kalata, die aber keine Leinwand-Laufbahn machen will. „Ich knüpfe in der Region vor allem wirtschaftliche Kontakte.“

Die Menschen in ihrer Heimat jedenfalls sind stolz auf die schöne „Super-Omi“ und ihre Wandlung von der pummeligen Politikerin zur erfolgreichen Entertainerin. Womöglich wird Polen ja doch noch so richtig sexy.

Erschienen in „Tages-Anzeiger Zürich” (06. November 2010)

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