Operation Grablicht 2010

Zu Allerheiligen befindet sich Polen im Ausnahmezustand. Warum nur? „Wir ehren die Toten und feiern“, sagt Pater Zbigniew.

Kerzenmeer auf dem Warschauer Powazki-Friedhof. (Fotos: Krökel)

Nachbarn können etwas Wundervolles sein. Erst recht in fremden Ländern. Mein Nachbar zum Beispiel hat mich dieser Tage vermutlich vor einer Rauchvergiftung bewahrt. „Pan Ulrich“, warnte er mich mit erhobenem Zeigefinger, „halten Sie doch besser über das Feiertagswochenende ihre Fenster geschlossen. Es droht Smog.“

Auch die freundliche Anrede Pan/Herr plus Vorname konnte meinen Schreck nicht mildern, denn zunächst  verstand ich „Smok“. Das heißt im Polnischen „Drache“. Und als mein Nachbar zu allem Überfluss auf den Friedhof wies, der unserem Mietshaus gegenüberliegt, müssen mir die Gesichtszüge entglitten sein. Jedenfalls hakte mich Pan Krzysztof unter und fragte: „Es ist Allerheiligen, verstehen Sie nicht?“

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Blumenpracht auf dem Friedhof in Sluzew im Süden Warschaus.

Nein, ich verstand nichts. Ich wohne erst seit kurzem neben Pan Krzysztof und hatte Allerheiligen noch nie im Dunstkreis eines polnischen Friedhofs verbracht. Das wiederum war nur bedingt ein Versäumnis, wie ich nun weiß. Denn zu dem katholischen Hochfest schmücken die Menschen hierzulande die letzten Ruhestätten ihrer Lieben nicht nur mit prachtvollen Blumengebinden, sondern auch mit zahllosen Grablichtern.

Keine Frage: Das Flackern tausender Flämmchen bietet bei Einbruch der Dunkelheit ein herrliches Schauspiel dar. Doch der Ruß der Billigkerzen kann bei ungünstiger Wetterlage den Drachen Smog auf den Plan rufen – noch dazu in einem Moloch wie Warschau, in dem unvorsichtigen Passanten täglich der Tod durch Abgasvergiftung droht.

Die katholischen Polen aber lassen sich ihr Hochfest durch ein wenig schlechte Luft nicht vermiesen. Im Gegenteil: Das gesamte 38-Millionen-Volk scheint sich zu Allerheiligen auf Straße oder Schiene zu begeben, um an die Gräber der Angehörigen zu eilen. Die Bahn setzt Sonderzüge ein, und in Warschau garantiert

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Mutter mit Kind am Grab der polnischen Rock-Legende Cieslaw Niemen in Warschau.

ein ausgeklügelter Feiertagsfahrplan den reibungslosen Pendelverkehr zwischen den Friedhöfen. Auch die Polizei ist alarmiert. Bei der „Operation Grablicht 2010“ waren 15.000 Beamte im Einsatz, um die Sicherheit auf Polens berüchtigt-gefährlichen Straßen zu überwachen.

Als religiös unerfahrenem Preußen brannte mir allerdings auch nach Pan Krzysztofs Erklärungen eine Frage unter den Nägeln. „Sind denn alle verstorbenen Polen heilig?“, wandte ich mich daher an Pater Zbigniew. Er ist dem Friedhof gegenüber zugeordnet. „Das weiß Gott allein“, antwortete er schmunzelnd. „Pan Ulrich, Allerheiligen ist ein Fest der Freude. Daran schließt sich Allerseelen an. Dann gedenken wir aller Verstorbenen. Wir Polen mischen das, ehren die Toten und feiern.“

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