„Pan Winicjusz“ wartet auf Gerechtigkeit

Aus Rache für Partisanenüberfälle hetzten die Nazis den sechsjährigen Winicjusz Natoniewski 1944 ins Feuer. Er überlebte knapp. Sein Körper ist jedoch für immer entstellt. Die Bundesregierung will dem inzwischen 72-Jähirgen keine Entschädigung zahlen. Nun zieht „Pan Winicjusz“ vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

 

Winicjusz Natoniewski (Foto: Krökel)

„Eine Viertelmillion Euro zahlt die Bundesregierung doch aus der Portokasse! Unter Freunden hätte man das längst regeln können.“ Roman Nowosielski ist empört. Der Danziger Anwalt kämpft seit Jahren um Gerechtigkeit für Winicjusz Natoniewski. Die Nazis hatten den damals Sechsjährigen 1944 aus Rache für polnische Partisanenüberfälle ins Feuer gehetzt. Natoniewski war um ein Haar bei lebendigem Leibe verbrannt. Der Körper des mittlerweile 72-Jährigen ist für immer entstellt. Brandnarben überziehen sein Gesicht, die Hände sind verkrüppelt.

Die Bundesregierung weigert sich jedoch, den Polen zu entschädigen. „Juristisch zu Recht“, entschied gestern der Oberste Gerichtshof in Warschau und wies Natoniewskis Schadenersatzklage gegen die Bundesrepublik ab. Nun will „Pan Winicjusz“, wie Anwalt Nowosielski seinen Mandanten nennt, den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg anrufen. „Es geht mir nicht um die 250.000 Euro. Ich möchte, dass mein Leid anerkannt wird“, sagt Natoniewski dieser Zeitung. „Ich warte auf Gerechtigkeit.“ Und sein Anwalt fügt hinzu: „Das ist nicht nur eine rechtliche Frage. Es geht um elementare Prinzipien der Menschlichkeit.“

Vor Gericht aber zählen allein juristische Argumente. Und da hat die Bundesregierung die besseren Karten. Ihr Trumpf heißt „Staatenimmunität“. Nach dem Völkerrecht dürfe „kein Staat über einen anderen zu Gericht sitzen“, begründet das Auswärtigen Amt die deutsche Position. Die höchsten polnischen Richter sehen

Dieses Bild ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte bei mir.

Winicjusz Natoniewski im Gerichtssaal. (Foto: Krökel)

es genauso und führen in ihrer Urteilsbegründung vom Freitag aus: „Die Staatenimmunität ist ein allgemein anerkannter Grundsatz des Völkerrechts.“

Zweifel an dieser Auslegung sind erlaubt. Der Bremer Völkerrechtler Andreas Fischer-Lescano etwa sagt: „Bei Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit greift die Staatenimmunität nicht.“ Gegen Menschenrechtsverletzungen schütze „kein Souveränitätspanzer“, erklärt der Professor im Gespräch mit dieser Zeitung. Und ein berühmtes Beispiel aus der Vergangenheit zeigt, wie heikel und relativ zugleich die Problematik ist. Es waren die nicht gegen den Staat, sondern gegen deutsche Unternehmen gerichteten Sammelklagen ehemaliger NS-Zwangsarbeiter vor US-Gerichten, die in der Bundesregierung und der deutschen Wirtschaft schlagartig die Bereitschaft zu freiwilligen Schadenersatzzahlungen weckten. Am Ende flossen mehr als vier Milliarden Euro an die früheren Zwangsarbeiter.

Die Angst vor einer neuen Entschädigungswelle ist es wohl auch, die Deutschland im Fall Natoniewski so hartleibig erscheinen lässt. Eine Viertelmillion Euro aus der Portokasse? Allein in Polen warten rund 30.000 NS-Opfer darauf, dass „Pan Winicjusz“ Recht bekommt und sie ebenfalls Schadenersatz einklagen können. Doch damit nicht genug: In Griechenland fordern Opferverbände wegen der Nazi-Gräuel im Zweiten Weltkrieg milliardenschwere Wiedergutmachungen. Und in Italien haben mehrere Gerichte – Staatenimmunität hin oder her – individuelle Entschädigungsansprüche gegen Deutschland für rechtmäßig erklärt. Die Bundesregierung hat darauf mit einer Klage gegen Italien vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag reagiert. Das „Weltgericht“ soll ein für alle Mal entscheiden, ob die Staatenimmunität Deutschland vor weiteren Schadenersatzforderungen von NS-Opfern schützt.

Kritiker fragen unterdessen, ob die Bundesrepublik sich mit ihrer starren Position einen Gefallen tut. Der Bremer Völkerrechtler Fischer-Lescano etwa verweist auf außerjuristische Druckmittel, die Deutschland zu Entschädigungszahlungen bewegen könnten. Denkbar sei im politischen Raum vieles. Und die jüngsten Massenausweisungen von Roma aus Frankreich haben gezeigt, wie schnell sich das Bild eines Staates im Ausland verdüstern kann. In Polen sorgt bereits die Tatsache für Unmut, dass im Fall Natoniewski kein deutscher Vertreter zu der Verhandlung gekommen ist. Dies sei ein Zeichen für die Geringschätzung der polnischen Justiz durch die deutschen Behörden.

Der Fall Natoniewski zeigt, dass die juristische Bewertung das menschliche Leid ohnehin nicht erfassen kann. Als der Vorsitzende Richter Tadeusz Erecinski das Urteil begründet, kauert „Pan Winicjusz“ traurig in der Zuschauerbank. „Ich frage mich“, gibt Natoniewski später im Gespräch zu bedenken, „ob dieser Mann wohl das Gleiche gesagt hätte, wenn jemand sein Kind ins Feuer gejagt hätte.“ Zu deutlich stehen „Pan Winicjusz“ noch die Bilder jenes 2. Februar 1944 vor Augen. Deutsche Polizei- und SS-Einheiten umstellten damals das Dorf Szczecyn im Osten Polens und zündeten die Häus er an. Mehr als 360 Menschen starben. Dem sechsjährigen Winicjusz ließen Hitlers Schergen nur einen Fluchtweg: mitten durch die Flammenhölle.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.