Der moderne Verführer

Die Giftschlamm-Katastrophe wirft ein trauriges Schlaglicht auf Ungarn. Wohin steuert Rechtsaußen Viktor Orban das Land?

Der ungarische Premierminister Viktor Orban gilt als gnadenloser Populist. Und das ist er wohl auch. Zumindest ist er ein Opportunist vor dem Herrn. Sein Verhalten nach der Giftschlamm-Katastrophe spricht Bände. Zunächst wiegelte er ab. Das Ganze sei ein bedauerlicher Unfall und der Schlick ohnehin nicht allzu giftig. Wenige Tage später versprach er den Betroffenen neue Häuser. Das alles sei sehr traurig. Im Übrigen aber sei die Lage unter Kontrolle. Ausländische Helfer brauche man nicht. Antworten auf die Schuldfrage blieb Orban schuldig.

Dann jedoch zeigten sich neue Risse in dem Deponiedamm, der nun komplett wegzubrechen drohte. Und immer lauter tönte im Lande die Kritik an der Regierung. Also probte Orban flugs die Rolle rückwärts. Urplötzlich warnte er in dramtischen Worten vor einer zweiten Schlammflut. Und schließlich wanderte der Chef des Unglücksunternehmens MAL ins Kittchen. Der Mann, der gute Kontakte in die Politik pflegte, hat im System Orban offenbar ausgedient. (Bei einem Sünder, der der MAL-Chef fraglos ist, von einem Sündenbock zu sprechen, wäre allerdings verfehlt.)

Populist, Opportunist − aber ist Orban auch ein Faschist? Das behaupten seine schärfsten Kritiker. Keine Frage: Ungarn ist nach den Parlamentswahlen im April weit nach rechts gerückt. Die extremistische, antisemitische Partei Jobbik macht Druck auf Orbans Bund Junger Demokraten (Fidesz). Der Publizist Rudolph Ungvary spricht von „Gleichschaltung” und „Führerprinzip” in Orbans Regierungssystem. Ich werde bei solcher Wortwahl stets unruhig. Die alten Nazi-Klischees passen einfach nicht mehr auf einen modernen Politiker, der Orban zweifellos ist.

Fürs Erste ist Orban auf die EU angewiesen. Dem Land geht es wirtschaftlich viel zu schlecht, als dass er sich von Brüssel lossagen könnte. Eher wird umgekehrt ein Schuh draus. Politiker wie Orban, der Tscheche Vaclav Klaus oder der Niederländer Geert Wilders könnten die EU von rechts aufrollen. Andererseits ist es ja gerade das Wesen der modernen Verführer, dass sie keinen Gott neben sich dulden. Zusammenschließen werden sie sich nicht. Die Gefahr, die von ihnen ausgeht, ist überschaubar. Aber hingucken muss man schon!

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