Im Vorhof zur Giftmüllhölle

Umweltschützer warnen mit Blick auf die Industrieabfälle in Osteuropa vor tickenden Zeitbomben. Allerdings hantieren WWF und Greenpeace mit altem Datenmaterial.

„Ajka ist überall“, warnt die Umweltschutzorganisation WWF. Eine Giftschlammkatastrophe wie in Ungarn könne sich jederzeit an zahllosen anderen Orten Osteuropas wiederholen, warnt WWF-Experte Martin Geiger im Gespräch mit der „Berliner Zeitung“. Acht besonders gefährliche Deponien hat die Organisation allein in Ungarn ausgemacht. Besonders problematische Anlagen gebe es zudem in Rumänien, der Slowakei und dem ehemaligen Jugoslawien. Der Unterlauf der Donau ist laut WWF ein Hochrisikogebiet. „Im Tulcea-Aluminiumwerk in Rumänien lagern derzeit rund 20 Hektar genau jenes giftigen Rotschlamms, der gerade die Region nordwestlich des Plattensees verseucht hat“, erläutert Geiger. „Ein Unfall würde das Donaudelta mit seiner einzigartigen Tierwelt massiv bedrohen.“ Bereits in der Vergangenheit hatten dort Lecks und giftige Staubwolken ein Fisch- und Vogelsterben ausgelöst.

Auch Greenpeace listet eine Reihe von Industrieanlagen in den neuen EU-Mitgliedsstaaten auf, von denen erhebliche Gefahren für die Umwelt ausgingen. „Im zentralslowakischen Zar nad Hronom lagern wie im ungarischen Ajka riesige Mengen an Aluminiumabfällen als schlecht gesicherte Altlast“, sagt Greenpeace-Sprecherin Melanie Beran. „Ein großer Unfall dort träfe auch die Donau.“ Gefahren gingen aber nicht nur von Aluminiumwerken aus. Im polnischen Tomislawice sei eine neue gigantische Kohlemine geplant. „Dadurch droht eine massive Verschmutzung des Grundwassers in Zentralpolen“, so Beran gegenüber der „Berliner Zeitung“. Und auch der radioaktive Abfall aus einem längst geschlossenen Uranbergwerk, der im tschechischen Dolni Rozimka lagere, hänge wie ein Damoklesschwert über der Region.

Die Bilder aus Ungarn, wo der rote Giftschlamm ganze Dörfer weggespült hat, verleihen den Warnmeldungen der Umweltschützer hohe Glaubwürdigkeit. Doch wie belastbar sind die Angaben wirklich? Der WWF beruft sich vor allem auf einen EU-Bericht aus dem Jahr 2004, der auch der „Berliner Zeitung“ vorliegt. Tatsächlich finden sich darin besorgniserregende Daten über die Abfallentsorgung in den zehn osteuropäischen Mitgliedsstaaten. Das Dokument ist allerdings sechs Jahre alt. Und der Fall einer 1997 geschlossenen Aluminiumhütte nordwestlich von Budapest zeigt, wie problematisch manche Angaben sind. Dort schlummerten in einem riesigen Erdwall Millionen Tonnen Giftschlamm, erklärten Greenpeace und WWF unisono. „Wenn die Dämme brechen, ist die Trinkwasserversorgung für weite Teile Ungarns in Gefahr“, warnte der WWF zunächst. Gestern musste Geiger dies korrigieren: „Die Anlage ist auch dank finanzieller Unterstützung aus dem Westen weitgehend gesichert“, sagte er auf Anfrage.

Die Unklarheit macht die Lage allerdings nicht weniger heikel. Seit 2006 gilt in der EU eine neue Richtlinie zum Umgang mit Giftmüll aus der Bergbauindustrie. Zugleich hat Brüssel den osteuropäischen Neumitgliedern jedoch eine Übergangsfrist bis 2012 eingeräumt. Bis dahin haben die zehn Länder Zeit, ihre Gesetzgebung an die EU-Vorgaben anzupassen. Eine laufende Überwachung der Gefahrenherde gibt es nicht. „Wir bewegen uns deshalb in einer Art Vorhölle“, sagt Sergej Moroz, der für den WWF die Abläufe in Brüssel beobachtet. Greenpeace-Sprecherin Beran verweist auf den Fall des ostslowakischen Chemko Strazske. „Dort wurden in der kommunistischen Zeit große Mengen des Krebsgiftes PCB produziert. Noch heute ist ein riesiges Arsenal stark kontaminiert, aber die Sanierung zieht sich seit Jahren in die Länge.“ Die Umweltschützer fordern deshalb eine Generalinventur der Entsorgungssituation.

Die EU weist die Vorwürfe zurück. Ein Sprecher von Umweltkommissar Janez Potocnik betont, dass Ungarn „auch nach geltendem EU-Recht“ verpflichtet gewesen wäre, die Deponie in Ajka als „Risikoanlage zu deklarieren und alles zu tun, um Gefahren für die Umwelt auszuschießen“. Die Kommission werde das Vorgehen der Regierung in Budapest überprüfen. Für die Menschen nordwestlich des Plattensees kommt diese Kontrolle allerdings zu spät.

Erschienen in: Berliner Zeitung (12. Oktober 2010)

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